VEREIN für AUFKLÄRUNG und FREIHEIT e.V.
 
 
 
  • Migration führt zu
         Konflikten
  • Oliviero-Toscan
  • Aufklärung und Kritik
  • KULTUR und TÜRKENTUM

  •          SHIRIN NESHAT

  • "Der beste Reporter der Welt"
  •    Von Claus Christian Malzahn

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    GEORGE GROSZ
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  • Gotteslästerungs-Anklagen    gegen Kunstwerke
  • _________________________ Kubricks
    Space Odyssey

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    Der langsamste Computer
    der Welt

    Von Jörg Schieb


    Das Leben wird immer
    hektischer - doch damit wollen sich einige Hightech-Experten aus dem Silicon Valley nicht abfinden.
    Sie haben deshalb eine Uhr gebaut, die nur einmal im Jahr tickt, deren Glockenwerk nur
    alle eintausend Jahre schlägt und ansonsten an die Ewigkeit erinnert

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    Plakate von KLAUS STAECK


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    In "Altered States"
    (dt. Dämlichverleihtitel "Der Höllentrip") macht der Wissenschaftler Jessup
    (gespielt von William Hurt) Selbstversuche mit
    (exotischen) Drogen und
    einem Isoliertank und erlebt phantastische Abenteuer in seinem eigenen Unterbewusstsein. Klingt komisch? Nicht unbedingt.

    MEHR

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    "The Five Obstructions" stellt Unklarheiten her. Darüber, ob das, was wir sehen, ein Spiel ist oder Ernst. Oder, anders gesagt: Klar ist, dass es sich um ein ernstes Spiel und spielerischen Ernst handelt, ohne Scheidelinie dazwischen.

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      KULTUR


    "Kultur ist nicht das was gemacht, gedacht, geschrieben oder gesagt wurde, sondern das was davon in Erinnerung bleibt".

        

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    Die Long Now Organisation wurde 01996 gegründet, um die Projekte "Uhr und Bibliothek" zu entwickeln und gleichzeitig sich als die Keimzelle einer langfristigen kulturellen Institution zu etablieren. Die Long Now hegt die Hoffnung, ein Kontrapunkt zur heutigen "schneller und billiger" Geisteshaltung zu setzen und die "langsame und bessere" Denkweise zu fördern. Es wird angestrebt, durch Kreativität die Verantwortung des Menschen für die nächsten 10.000 Jahre zu unterstützen.

    Der Name.
    Der Ausdruck wurde durch Brian Eno, einen der Gründungsmitglieder, geprägt. Als Brian zum ersten mal nach New York zog, musste er feststellen, dass "hier und jetzt" in New York "diesen Raum" und "in diesen fünf Minuten" bedeutete, im Kontrast also zu größerem "hier" und längerem "jetzt", an die er von England aus gewöhnt war. Seitdem benutzen wir diesen Ausdruck für den Namen unserer Stiftung, da wir versuchen das empfundene "jetzt" zu dehnen.

    Nachfolgend ein Aufsatz eines anderen Gründungsmitgliedes, Stewart Band, über den Bedarf für das Denken in langzeitigen Rahmen und wie Long Now es anzuregen versucht.

    Projekte "Uhr und Bibliothek"
    Die Zivilisation schleudert sich in immer kürzere Aufmerksamkeitsspannen. Dieser Trend mag von der Beschleunigung der Technik, kurzzeitiger Perspektive der Marktwirtschaft, Nächste-Wahlen Perspektive der Demokratien oder der Ablenkung einer multi-tasking Persönlichkeit herrühren. Alle genannten Faktoren nehmen zu. Eine ausgleichende Korrektur dieser Kurzsichtigkeit ist ein benötigter Mechanismus oder Legende welches das Denken in langzeitigen Perioden und die Übernahme einer langfristigen Verantwortung anregt, wobei "langzeitig" oder "langfristig" in mindestens Jahrhunderten gemessen wird. Long Now bietet beides an, den Mechanismus und die Legende. Es begann mit einer Beobachtung und einer Idee des Computer Wissenschaftlers Daniel Hillis:

    "
    Als ich ein Kind war, man sprach davon, was bis zum Jahre 2000 passieren würde. Die nächsten 30 Jahre hat man immer wieder davon gesprochen, was bis zum Jahre 2000 passieren würde und jetzt erwähnt man überhaupt kein zukünftiges Datum mehr. Die Zukunft schrumpfte um ein Jahr jedes Jahr meines ganzen Lebens. Ich denke, es ist an der Zeit, ein lang dauerndes Projekt zu beginnen, dass die Leute zum Denken über die mentale Barriere die immer schrumpfende Zukunft hinaus bewegt. Ich möchte eine große (denk an Stonehenge) mechanische Uhr vorschlagen, angetrieben durch jahreszeitlich bedingte Temperaturunterschiede. Sie tickt einmal im Jahr, schlägt einmal im Jahrhundert und der Kuckuck erscheint einmal im Jahrtausend.
    "

    Eine solche Uhr, wenn entsprechend Eindrucksvoll und gut technisiert, würde für den Menschen tiefe Zeit verkörpern. Sie sollte charismatisch zum Besuchen, interessant zum Nachdenken und genug berühmt sein, um eine Ikone im öffentlichen Diskurs zu werden. Im Idealfall, würde sie für das Denken über die Zeit das liefern, was die Weltraumphotographien der Erde für das Denken über die Umwelt geliefert hat. Solche Ikonen ändern menschliche Denkmuster.

    Hillis, der die massiv parallele Architektur der heutigen Generation der Supercomputer entwickelte, lieferte den mechanischen Entwurf der Uhr und baut jetzt das zweite Prototyp (das erste Prototyp wird im Londoner Science Museum ausgestellt). Das Uhrwerk besteht aus binärem digital-mechanischem System, welches so genau  und revolutionär ist, dass wir einige seiner Elemente patentiert haben. (Mit 32 Bit der Exaktheit gleicht seine Präzision einem Tag in 20.000 Jahren und er hat Autokorrektur durch Phasen-Sperren zur Mittagssonne.) Was die eigentliche Form der Uhr betrifft (Größe, Struktur, etc.), so sind wir noch bei der Durchsicht der zahlreichen Entwürfe. Long Now kaufte in 01999 ein Stück Berg in östlichem Nevada, dessen hohe weiße Kalkfelsen der ideale Standort für die ultimative 10.000 Jahre Uhr sein könnten. In der Zwischenzeit experimentiert Danny Hillis und Alexander Rose mit immer größeren Prototypen.

    Long Now fügte eine "Bibliothek"-Dimension zu dem Langzeit-Kontext der Uhr hinzu. Eine Bibliothek der dunklen Zukunft für die dunkle Zukunft. In gewisser Hinsicht ist jede Bibliothek ein Teil der 10.000 Jahre Bibliothek, also entwickelt Long Now Werkzeuge (wie Rosetta Disk, The Long Viewer the Long Server), die Inspiration und Nutzwert für die ganze Gemeinde der Bibliothekare und Archivisten sein mögen. Das Projekt Long Bets, dessen Zweck in Qualitätsverbesserung des Lange-Zeit-Denkens durch Prognosen Verbindlichkeit besteht, ist auch an die Bibliothek angelehnt.

    Die Pointe ist all das zu erforschen, das zum Denken, Verstehen und verantwortungsvoll Handeln über lange Zeitperioden hilfreich ist.


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    Klaus Staeck,
    Muslimische Bilderstürmer in Berlin

    Um die Sicherheit der Galeriemitarbeiter und Besucher zu gewährleisten, hatte die Galerie Nord  des Berliner Kunstvereins Tiergarten in den ersten Märztagen 2008 eine Ausstellung der dänischen Künstlergruppe „ Surrend“ vorübergehend geschlossen. Aufgebrachte Muslime hatten die Ausstellung massiv gestört und mit Drohungen gegen ein Plakat protestiert, das die Kaaba in Mekka mit dem Text „Dummer Stein“ zeigt. Daneben hängt ein Plakat mit dem Bildnis eines Mannes „ mit typischer jüdischer Hutbekleidung“ und der Textzeile „ Dummer Hut“.
    Klaus Staeck, Präsident der Akademie der Künste und Vortragsredner bei der Vernissage, bezeichnete die Drohungen als „völlig inakzeptabel“.
    In einer Presseerklärung erklärte der Kunstverein Tiergarten:

    „ Muslime in Europa müssen akzeptieren, dass sie nicht eine Kunstausstellung in einer Galerie zensieren können. Meinungs– und Kunstfreiheit sind zentrale Werte unserer demokratischen Gesellschaften. Es ist inakzeptabel, wenn einzelne Gruppen in der Lage wären, durch Drohungen Zensur zu üben.“

    Wenige Tage später wurde die Ausstellung nach der Beauftragung eines Wachdienstes wiedereröffnet.

    Kunstforum, 04.2008

     

    Paul Virilio und die Künste
    Ausstellung und Symposium
    (04.11.06–07.01.07)
    Paul Virilio hat als Universalkünstler angefangen, nämlich als Architekt. Zusammen mit Claude Parent hat er in den späten 1950er Jahren utopische Architektur entworfen, die heute noch verblüffend ist. Seine Studien des Raumes und der Raum-Theorie haben ihn von der Architektur zur Militärmaschine als eigentlichem Medium des Raumes und zur Technologie als eigentlichem Medium des Territoriums geführt. Über die Maschinen und Medien hat er das Primat der Zeit über den Raum entdeckt, ein wesentliches Axiom für die Neuzeit, von der Kunst des Futurismus bis zur Neuen Ökonomie. Er hat mit diesem Primat einen Paradigmenwechsel eingeleitet, der den Mediendiskurs bestimmt hat (z.B. »Film und Krieg«, 1984) und für die Medienkunst von USA bis Japan von enormem Einfluss war.
    Die Themen Krieg, Geschwindigkeit und Unfall stehen im Zentrum seines Tuns, das Malerei, Architektur, Essayistik, Ausstellungs- und Verlagstätigkeit umfasst. Wie kein anderer zeitgenössischer Philosoph hat er sich immer wieder in die Kunstdebatte eingemischt. Virilios Denken ist ein primär ästhetisches, sein Ansatz der einer »aisthësis«, der sinnlichen Wahrnehmung der Welt.
    »Wir müssten den Blick ändern, um überleben zu können; wie wir das Leben ändern mussten, um zu überdauern«, heißt es in dem 1977 publizierten Essay »Das Abenteuer der Erscheinungen«, 1977. Für Paul Virilio sind Kunst und Ästhetik zuallererst Wahrnehmung.
    Bekannt ist Paul Virilio vor allem als »Dromologe«, als kritischer Vordenker einer »Revolution der Geschwindigkeit«. In Virilios »Dromologie« werden Technikgeschichte, Urbanistik, Kriegskunst, Physik und Metaphysik zu einer Ästhetik als »Logistik der Wahrnehmung« verschränkt.
    Die Geschwindigkeit ist nicht nur ein Phänomen der Bewegung. Sie ist zunächst einmal ein bevölkertes, d.h. menschliches Milieu. Im Angesicht der Gefahren der Zukunft ist Paul Virilio der Mann des warnenden Gewissens gewesen und wird es bleiben. In seinen Büchern, die in viele Sprachen übersetzt wurden und hohe Auflagen erreichten, und in legendären Ausstellungen, die er für die Fondation Cartier Paris, organisierte, führt er diese »Revolution der Geschwindigkeit« vor, die im Entwurf eines »Museums des Unfalls« gipfelt. In der Ausstellung wird die Philosophie Virilios mit zahlreichem Bild- und Videomaterial nachvollzogen.
    Kuratiert von Peter Gente und Peter Weibel.
    Projektleitung: Bernhard Serexhe.
    Weitere Informationen: www.zkm.de

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    „Migration führt zu Konflikten“  von  Hans Magnus Enzenberger

    Zwei Passagiere in einem Eisenbahnabteil. Wir wissen nicht über ihre Vorgeschichte, ihre Herkunft oder ihr Ziel. Sie haben sich häuslich eingerichtet, Tischchen, Kleiderhacken, Gepäckablagen in Beschlag genommen. Auf den freien Sitzen liegen Zeitungen, Mäntel, Handtaschen herum. Die Tür öffnet sich, und zwei neue Reisende treten ein. Ihre Ankunft wird nicht begrüßt. Ein deutlicher Wiederwille macht sich bemerkbar, zusammenzurücken, die freien Plätze zu räumen, den Stauraum über den Sitzen zu teilen. Dabei verhalten sich die ursprünglichen  Fahrgäste, auch wenn sie einander gar nicht kennen, eigentümlich solidarisch. Sie treten, den neu Hinzukommenden gegenüber, als Gruppe auf. Es ist ihr Territorium, das zur Disposition  steht.  Jeden, der neu zusteigt, betrachten sie als Eindringling. Ihr Selbstverständnis ist das von Eingeborenen, die den ganzen Raum für sich in Anspruch nehmen.  Diese Auffassung lässt sich rational nicht begründen. Umso tiefer scheint sie verwurzelt zu sein.
    Dennoch kommt es so gut wie nie zu offenen Auseinandersetzungen. Das liegt daran, dass die Fahrgäste einem Regelsystem unterliegen, das nicht von ihnen abhängt. Ihr territorialer Instinkt wird einerseits durch den institutionellen Code der Bahn, andererseits durch ungeschriebene Verhaltensnormen wie die der Höflichkeit gebändigt. Also werden nur Blicke getauscht und Entschuldigungsformeln  zwischen den Zähnen gemurmelt. Die neuen Fahrgäste werden geduldet. Man gewöhnt sich an sie. Doch bleiben sie, wenn auch in abnehmendem  Grade, stigmatisiert.
    Nun öffnen zwei weitere Passagiere die Tür des Abteils. Von diesem Augenblick an verändert  sich der Status der zuvor Eingetretenden. Eben noch waren sie Eindringlinge, Außenseiter; jetzt haben sie sich mit einem Mal in Eingeborene verwandelt. Sie gehören zum Clan der Sesshaften, der Abteilbesitzer, und nehmen alle Privilegien für sich in Anspruch, von denen jene glauben, daß sie ihnen zustünden. Paradox wirkt dabei die Verteidigung eines „angestammten“ Territoriums, das soeben erst besetz wurde; bemerkenswert das Fehlen jeder Empathie mit den Neuankömmlingen, die mit denselben Wiederständen zu kämpfen, dieselbe schwierige Initiation vor sich haben, der sich ihre Vorgänger unterziehen müssten; eigentümlich die rasche Vergesslichkeit, mit der das eigene Herkommen verdeckt und verleugnet wird.
    Jede Migration führt zu Konflikten, unabhängig davon, wodurch sie ausgelöst wird, welsche Absicht ihr zugrunde liegt, ob sie freiwillig oder unfreiwillig geschieh und welchen Umfang sie annimmt. Gruppenegoismus und Fremdenhass sind anthropologische Konstanten, die jeder Begründung vorausgehen.  Ihre universelle Verbreitung spricht dafür, daß sie älter sind als alle bekannten Gesellschaftformen.  Um sie einzudämmen, um dauernde Blutbäder zu vermeiden, um überhaupt ein Minimum von Austausch und Verkehr zwischen verschiedenen Clans, Stämmen, Ethnien zu ermöglichen, haben altertümliche Gesellschaften die Tabus und Rituale der Gastfreundschaft erfunden. Diese Vorkehrungen heben den Status des Fremden aber nicht auf. Sie schreiben ihn ganz Gegenteil  fest. Der Gast ist heilig, aber er darf nicht bleiben.

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    Geboren 1925 in Tokio. Studierte deutsches Recht an der Universität Tokio und arbeitete anschließend als Finanzbeamter. Nach acht Monaten kündigte er, um freier Schriftsteller zu werden. 1949 erschien Geständnis einer Maske, gefolgt von weiteren Romanen, Stücken, Reiseberichten, Essays und über 50 Kurzgeschichten, die vielfach ausgezeichnet wurden und japanische Traditionen mit westlichen Einflüssen verbinden. Künstlerisch eine schillernde und politisch eine umstrittene Erscheinung, nahm er sich 1970 durch öffentlich angekündigtes Harakiri das Leben. 1985 widmete ihm der US-amerikanische Regisseur Paul Schrader mit dem Film Mishima eine Hommage.

    Yukio Mishima  1925 - 1970

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              Gotteslästerungs-Anklagen gegen Kunstwerke    

    • Künstler der Gruppen Spur  wurden in der Bundesrepublik Deutschland der 1960 Jahre wegen Gotteslästerung angeklagt.
    • Das Theaterstück „Maria-Syndrom“ von Michael Schmidt-Salomon wurde in Deutschland 1994 verboten.
    • Es wurde 2004 der Künstlerin Dorota Nieznalska in Danzig verboten, einen Penis im Zusammenhang mit einem Kruzifix zu zeigen. Die Installation hieß Passion (polnisch: Pasja). Insbesondere im konservativ-katholisch geprägten Polen gehen Politik und Rechtsprechung vergleichsweise rigide mit Kunstwerken um, die sich kritisch oder abfällig mit katholischen Glaubensinhalten auseinandersetzen. Hier handelte es sich allerdings – im Gegensatz zu den Diskussionen um „Das Gesicht Mohammeds“ – um Vorgänge, die auf dem Territorium eines stark christlich geprägten Landes selbst gesetzt wurden, und nicht in einem anderen Kulturkreis.
    • Das Frankfurter Museum für Komische Kunst sieht sich immer wieder Bombendrohungen und Morddrohungen ausgesetzt, die sich gegen die Auseinandersetzung mit christlichen Inhalten richten.
    • In Kassel wurden von christlichen Extremisten gegen eine Ausstellung von Gerhard Haderer Bombenandrohungen ausgesprochen. Er hatte Jesus Christus als Kiffer gezeichnet. Haderer wurde auch wegen blasphemischer Karikaturen in Griechenland in Abwesenheit zu sieben Monaten Haft verurteilt, später jedoch freigesprochen.
    • In Frankreich sahen sich Kinobetreiber Bombenandrohungen ausgesetzt, die in Paris den Film „Die letzte Versuchung Christi“ von Martin Scorsese vorführten.
    • Die Popmusikerin Madonna ließ sich während der Bühnenshow eines Live-Konzerts 2006 „ans Kreuz nageln“ und stieß damit auf heftige Kritik bei Kirchenvertretern und Christen. Die Staatsanwaltschaft verwies jedoch darauf, dass Anzeigen wegen Blasphemie nicht zu einer Verurteilung führen würden.
    • In den Niederlanden wird 2004 der holländische Regisseur und Filmemacher Theo von Gogh von einem fanatisierten Islamisten ermordet. Van Gogh hatte zusammen mit der Autorin Ali Hirsi Ali, den Aufklärungsfilm „Submission“ produziert. Ali Hirsi Ali  lebt wegen Morddrohungen bis heute im Untergrund.
    • Olaf Metzels – „no problem“ Ausstellung im Wuppertaler Von der Heydt Museum vom 12.08.2007 - 25.11.2007, wurde für intolerante, Lokal-Islamisten doch zu einem Problem. Metzels Skulptur einer nackten Muslima mit Kopftuch, wurde im Namen der religiösen Intoleranz beschädigt und geschändet. Die Skulptur wurde zurückgezogen.
    • 2006 musste eine Schweizer Kunststudentin, bei der alljährlichen Präsentation der Semesterabschlussarbeiten in der Düsseldorfer Kunstakademie, ihre Skulptur „Aggression“, wegen Morddrohungen von Islamisten zurückziehen. Die Skulptur aus Pappmaschee zeigte, eine stilisierte Moschee, dessen Minarette Raketen ähnelten.
    • Der Karikaturenstreit, als ein Beispiel einer Kontroverse um Gotteslästerung waren die von vielen Muslimen als blasphemisch empfundenen Mohammed-Karikaturen. Die Zeitung Jyllands-Posten wurde 2005 wegen Gotteslästerung in Dänemark angezeigt, aber in höchster Instanz freigesprochen.
    • Aktuell, April 2010 - die Zeichentrickserie „ South Park“ in Bedrängnis. Die Folgen 200 und 201 der Zeichentrickserie werden nicht mehr gezeigt. Dafür haben Islamisten gesorgt, welche die Internetseite „RevolutionMuslim.com“ bestücken und sich daran reiben, dass bei „South Park“ angeblich der Prophet Mohammed in einem Bärenkostüm auflief. Der Autor der Muslim-Website hatte den Schöpfern der TV-Serie mit Mord gedroht. Für die Macher von South Park, Trey Parker und Matt Stone ein „Ergebnis von religiösem Wahn und ein von Intoleranz geleitetes, fanatisches Bilderverbot“.  

     

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    Kubricks Space Odyssey - revisited in 2001
    Von Gottlieb Florschütz
    11.03.2001

    _____________Auszüg

    1. Filmanalyse

    Der in den Medien wohl meistzitierte Film der Kinogeschichte greift auf visuell erregende Weise die zentralen Fragen unseres Daseins auf: „Wer bin ich? Woher komme ich? Wohin gehe ich?” Die Geschichte des rätselhaften schwarzen Monolithen, der in grauer Vorzeit eine Affenhorde zum bewussten Denken führt und später - im Jahr 2001 - eine All-Expedition auf der Suche nach einer nichtmateriellen außerirdischen Intelligenz in die Unendlichkeit geleitet, zeigt zugleich Aufbruch, Niedergang und Übergang der Menschheit in andere Dimensionen. Mittels eines einzigen kühnen Schnitts überbrückt Kubrick vier Millionen Jahre Evolution. Triumphierend schleudert ein Affen-Anführer seinen als Waffe genutzten Knochen in den grauen Himmel, wo er sich im Walzertakt von Johann Strauß in ein elegant dahingleitendes Raumschiff verwandelt. Es gibt noch mehr beachtliches an diesem Meisterwerk Stanley Kubricks: Die wissenschaftliche Exaktheit der von NASA-Experten geschaffenen Flugmodelle samt vorweggenommener Mondlandung. Oder einfach nur die überwältigende Demonstration der totalen Stille im lautlosen All: Während es im „Krieg der Sterne” bei Glitzer-Gleiter-Exkursionen gewaltig rumst, gehen die Astro-Ausflüge hier mit sinnesbetäubender Stille einher. Diese Authentizität macht Kubricks Space Odyssey innerhalb seines Genres bis heute einzigartig.
    Kubrick schuf mit Hal 9000 den Prototyp des gefühlsbetonten, aber auch egomanischen Rechners, den er für die Zukunft durchaus für realisierbar hielt. Er bezeichnete seine Odyssee als „nonverbale Erfahrung”. Den schwarzen Monolithen hat man später auf dem Mond und dann noch einmal auf dem Jupiter gefunden. Hal war der einzige, der davon wusste. Und hier liegt ein wichtiger Schlüssel zum tieferen Verständnis der Botschaft der „Space Odyssey”. Der Computer hatte scheinbar von etwas Kenntnis, das er nicht mitteilen konnte, und genau das hat ihn letztlich zerstört. Stanley Kubrick hat das niemandem erklärt und hätte es niemals getan. Wie alle wahren Science-Fiction-Klassiker hinterlässt „Space Odyssey” mehr Fragen als Antworten.
    Die seltsame Geschichte der Odyssee im Weltraum beginnt mit der Urhorde der ersten, noch affenähnlichen Menschen. Über ihnen ein höllisch violetter Himmel. Sie stoßen auf eine merkwürdige graphitgraue Säule, einen Monolithen, und wir sehen eine besondere Konstellation von Erde, Mond und Sonne - beides wird in der gleichen Verknüpfung wiederkehren. Die „Eclipse” als altes Zeichen von Krise und Katastrophe ist in die Szenerie der „Geburt” des Menschen. eingebunden. Und dazu hören wir passenderweise Ligetis „Requiem”.
    In Kubricks „straighforward” Science-Fiction-Interpretation der Szene ist der Monolith ein „Artefakt”, der von außerirdischen Forschern vor vier Millionen Jahren auf der Erde zurückgelassen wurde, die das Verhalten der Vormenschen zu jener Zeit studierten und sich schließlich dazu entschlossen, „die Evolution dieser Wesen zu beschleunigen”. Mit einem kosmischen Schlag werden die Affen zu Menschen gewandelt. Sie entdecken Knochen als Waffe, mit der man Tiere und Konkurrenten totschlagen kann. Gehörte es nicht zu den apokalyptischen Vorstellungen in der Zeit des Kalten Krieges, dass, wenn es einen Dritten Weltkrieg gebe, der nächste Krieg wieder mit Steinen und Knüppeln geführt würde? Und in Vietnam träumten die Generäle davon, den Gegner „in die Steinzeit zurückzubomben”, eine Phantasie, die sich in den begrenzten Kriegen im Irak und im Kosovo wiederholt. Mit dem Unterschied zum Weltkrieg, dass nur die eine Seite zu so etwas in der Lage war. Ebenso mag es am Anfang von „2001” geschehen sein.
    Dass dieses Zeichen der „Fremden” nichts anderes als ein Zeichen der künftigen und wiederkehrenden Menschheit sein kann, ist nicht nur durch verwandte Zeitschleifen in Kubricks Filmen zu belegen; der Film kann auch als visuelle Umsetzung jener Fabel gesehen werden, mit der Friedrich Nietzsche seine Gedanken „Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne” beginnt:
    „In irgend einem abgelegenen Winkel des in zahllosen Sonnensystemen flimmernd ausgegossenen Weltalls gab es einmal ein Gestirn, auf dem kluge Thiere das Erkennen erfanden. Es war die hochmüthigste und verlogenste Minute der Weltgeschichte: aber doch nur eine Minute. Nach wenigen Atemzügen der Natur erstarrte das Gestirn, und die klugen Thiere mussten sterben.”
    Auch die Musik, die Kubrick dabei verwendet, gibt keine Antwort darauf, ob es sich um einen Anfang oder um ein Ende handelt. In der Eingangsszene von „2001” sind wir in der Vorstufe der Menschheit, wo noch vieles möglich sein mag, aber an einem Ort sind wir ganz sicher nicht: im Paradies. Jede Einzelheit, von der Vorherrschaft der aggressiven Farben angefangen, widerspricht der christlichen Mythologie der Vorzeit: Da ist kein Garten, da ist eine Wüste, und dieser äffische Adam opfert nicht seine Rippe, um die Menschheit vollständig zu machen, sondern er ergreift die Rippe eines getöteten Tieres, um mit ihrer Dezimierung zu beginnen. Es ist das erste Modell einer endlos sich wiederholenden Prozedur. Dem Körper wird etwas entrissen, das zum „Ding” werden muss. Damit ist in dieser Eingangssequenz nicht nur ein anderer Diskurs über das Werden des menschlichen Lebens eröffnet, sondern auch über den Tod: An seinem Ursprung steht für den Menschen weder die Erkenntnis, dass sein eigenes Leben begrenzt ist, noch, dass er ein Wesen ist, das töten muss, um zu überleben, sondern eine andere Einsicht: Dass Lebewesen sterben müssen, damit der Mensch „Dinge” haben kann, und dass Dinge existieren, damit Lebewesen sterben. So steckt in dieser Urszene eine philosophische Begründung der Technik-Geschichte. Und das Ding wird zur Waffe, das den Tod für die Beute und den Rivalen bringt; mit dem neuen Ding werden zuerst einmal die konkurrierenden anderen vom Wasserloch ferngehalten. Im selben Augenblick, als das erste Ding entstand, entstand auch der erste Krieg.

    So sind wir darauf vorbereitet, worum die „Space Odyssey” kreisen wird: In „2001” wird es um das Verhältnis des Menschen zu seinen Werkzeugen gehen, und darum, was er wissen kann. Der Baum der Erkenntnis ist in dieser Ur-Szene des Films tot. Die mythische Szene des Anfangs ist also zugleich eine Szene der Anti-Mythologie, eine materialistische Kritik und damit paradoxerweise auch die Wiedergewinnung des Geschichtlichen aus dem Mythos. Es gab kein Paradies, aus dem der Mensch hätte vertrieben werden können, es gibt aber die Sehnsucht danach. Der Monolith mag durchaus so etwas wie eine Science-Fiction-Version jenes Baums der Erkenntnis sein, der den Menschen zugleich die erste Sünde, das Erkennen ihrer Nacktheit und den Eintritt in die eigentliche Geschichte beschert. Aber er bleibt ihnen fremd, er spricht nicht zu ihnen. Er ist also wiederum eher ein Objekt im Zentrum allen Geschehens, dessen eigentliche Funktion eigentlich nichts zur Sache tut. Vor allem aber spricht dieser Monolith so wenig zu den Menschen, wie er sie selbst zur Sprache bringt, und dies widerspricht am allerheftigsten der christlichen Schöpfungsmythologie: „Am Anfang war das Wort.”1
    Nein, offensichtlich war am Anfang nicht das Wort, sondern es war - wie Goethes Faust behauptet - die Tat. Und es war nicht die Tat, die von sich selber weiß - wie die Taten Gottes, sondern diejenige Tat, die einen unendlichen Spaltungsprozess in Gang setzt; eine Tat, die nur von der Gegen-Tat beantwortet werden kann. In dem Augenblick, da die Menschheit im Affenhirn „dämmert”, zerfällt sie auch schon in rivalisierende Gruppen. Und das Ding, das aus dem toten Körper gewonnen wurde, wird nicht benutzt, der Natur zu trotzen, sondern zum Mord. Der erste Mensch zertrümmert zuerst ein Skelett, erlegt dann einen Tapir, was die Affenhorde zugleich in geile und panische Aufregung versetzt, der Mensch als Fleischfresser ist geboren, und schließlich erschlägt er einen Rivalen um die Wasserstelle. Kain, der seinen Bruder erschlägt, folgt unmittelbar auf Adam.
    All das, was Gott so beflissen geschieden hatte, Tag und Nacht, Wasser und Erde, das Gute und das Böse, ist in Kubricks Bildern wieder vereinigt und führt einen heftigen Dialog miteinander: das Gefleckte und das Gestreifte, das Licht und die Finsternis, das Kalte und das Heiße, Wasser und Wüste. Der erste Kriegsgrund wird gezeigt: das Wasser als knappe Resource. Wenn es etwas Paradiesisches in dieser Situation gibt, so besteht es darin, dass die Widersprüche des menschlichen Lebens akzeptiert sind. Die melodramatische Gleichung von Weiß mit Gut und Schwarz mit Böse ist jedenfalls aufgehoben - und von dieser Ausgangsposition her gesehen ist deutlich, dass Kubrick, anders als die meisten Filme des Genres in dieser Zeit, eine „weiße Zukunft” nicht als eine für sich „gute” Zukunft sehen wird.

    Weiter -  http://cinetext.philo.at/magazine/2001.html

     

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    http://www.planet-interview.de/oliviero-toscani-29042005.html
     Herr Toscani, haben Sie eigentlich jemals ein Foto von Papst Johannes Paul II. gemacht?
    Toscani: Nein, nie. Ich bin wahrscheinlich auch der größte Atheist, mit dem Sie jemals gesprochen haben. Für mich ist Religion eine der lächerlichsten Sachen überhaupt, eine anti-rechtstaatliche Gemeinschaft, die gegen Gesetze verstößt, Frauen diskriminiert... Ich verstehe zum Beispiel auch gar nicht, wie unsere Frauen diese Situation so akzeptieren.
    Meinen Sie damit jetzt insbesondere das katholische Italien?
    Toscani: Nein, das ist auf der ganzen Welt so. Wir haben in Italien nur das große Problem, dass wir den Vatikan hier haben.
    Wie haben Sie denn den Medien-Overkill anlässlich der Papst-Wahl empfunden?
    Toscani: Nun, die Kirche will natürlich ihr Produkt verkaufen, den ganzen Mist, an den die Leute glauben. Und auch die Medien wollen ihr Produkt verkaufen. Um die Belange der Gesellschaft kümmern sich die Medien ja auch nur dann, wenn es sich gut verkauft.
    Haben Sie einen Fernseher?
    Toscani: Nein. Aber auch wenn man keinen hat, wird man ja ständig mit dem Fernsehen konfrontiert, egal ob man das will, oder nicht. Das ist wie mit dem Verkehr: auch wenn du selbst kein Auto hast, wirst du ständig in den Verkehr und die Umweltverschmutzung hineingezogen. Fernsehen ist wie schlechte Luft, oder anders: wie Kokain und Heroin.
    Weil es die Zuschauer abhängig macht?
    Toscani: Ja, und weil es die direkte Erfahrung mit den Dingen aufhebt. Du denkst, du siehst etwas, aber dabei siehst du etwas, was schon jemand anders für dich gesehen hat. Man kann das Fernsehen auch mit dem Dritten Reich vergleichen, weil alle Leute glauben sollen, was der Fernseher sagt. Das Fernsehen bestimmt die moderne Gesellschaft, wir Zuschauer sind die Abhängigen und das Fernsehen ist der große Diktator.
    Was ja besonders in Italien...
    Toscani: Nein, das ist doch überall so. In Italien wird diese Diktatur nur gerade etwas mehr begünstigt, man ist schon einen Schritt weiter gegangen. Das Fernsehen verteidigt immer die Macht derjenigen Person, die dahintersteht. Und Berlusconi, der ist ja eigentlich kein Diktator, schließlich wurde er gewählt. Aber darüber hat eben auch das Fernsehen entschieden. Genauso ist das doch in Deutschland, wenn Wahlen sind. Nur ist es in Italien gerade sehr offensichtlich. Wobei es ja auch sein gutes hat, wenn diese Prozesse offen sichtbar sind.
    Bekannt sind Sie vor allem geworden mit Ihren zahlreichen Werbekampagnen für die Kleidungsfirma Benetton. Viele der von Ihnen fotografierten Motive haben damals für Aufruhr gesorgt und den Begriff "Schock-Werbung" geprägt - haben Sie die Reaktionen auf Ihre Arbeit eigentlich jemals gekümmert?
    Toscani: Also, ich arbeite nicht für irgendeinen bestimmten Meinungskonsens, ich kümmere mich nicht darum, was die Leute mögen oder nicht mögen. Ich muss ja erst mal mich selber zufrieden stellen und das allein ist schon eine sehr schwierige Angelegenheit. Ich kümmere mich nicht darum, wenn die Leute etwas nicht mögen, was ich mache. Und noch weniger kümmert es mich, wenn sie meine Arbeit mögen.
    Aber stimmt es, dass damals viele Benetton-Filialen schließen mussten, aufgrund der negativen Reaktionen auf Ihre Werbung - und Sie aber trotzdem weitergemacht haben?
    Toscani: Nein. In der Zeit, die ich für Benetton gearbeitet habe, ist die Firma zwanzig mal größer geworden und die Marke wurde eine der wichtigsten der Welt. Neider haben da vielleicht anderes behauptet. Aber so ist das wenn ihr Name sehr bekannt ist, dann zieht das auch viele Kritiker an.
    Und wie stehen Sie zu den aktuellen Werbemotiven der Firma Benetton?
    Toscani: Also, für mich sieht das heute alles wieder so nach Hitler-Jugend aus. Das kommt eben davon, wenn man den Marketing-Manager entscheiden lässt, wie die Werbung aussehen soll. Dann bekommt man den Hitler-Jugend-Look, jeder soll blond und schön aussehen, mit blauen Augen usw. So war das schon, als ich angefangen habe, Werbung zu machen und ich fand diese Sichtweise der Werbung von Anfang an krank. Und deshalb habe ich dann versucht, das Gegenteil in der Werbung zu zeigen.
    1995 haben Sie ein Buch veröffentlicht mit dem Titel "Die Werbung ist ein lächelndes Aas", eine Art Abrechnung mit der herkömmlichen Werbewelt. Zehn Jahre später hat sich die Werbung eigentlich nicht besonders gewandelt. Hätten Sie gerne etwas verändert?
    Toscani: Nein, ich will nichts verändern. Ich gucke mir nur an, was für eine Welt mich umgibt und ich arbeite an meiner eigenen Vision. Ich habe in der Werbung sehr viel gesehen, was mit meiner Vision und mit meiner Mentalität und Meinung nicht übereinstimmte. Trotzdem bin ich nicht da, um die Welt zu verändern.
    Mit Ihrer Vision verknüpfte sich gewissermaßen auch die Hoffnung, dass die Werbeindustrie eines Tages die Werbung mit sozialem oder politischem Engagement verbindet.
    Toscani: So eine Vision ist wie ein Gemälde. Das hängt an der Wand, man kann es sich angucken... Und dann sagen vielleicht manche Leute: "ein interessant Bild" oder "dieses Bild regt mich zum nachdenken an" - oder eben nicht.
    Aber haben Sie nicht auch versucht, Kollegen zu motivieren, die Art und Weise, wie Werbung gemacht wird, zu verändern?
    Toscani: Nein. Ich habe nur gesehen, dass in der Werbewelt auf eine ganz bestimmte Art und Weise gearbeitet wird, eine Art, die ich als sehr begrenzt empfinde. Ich habe also versucht, einen anderen Weg zu gehen und dass das möglich war, konnte ich mit Benetton ja beweisen.
    Haben Sie Hoffnung, dass die Werbung eines Tages Ihrer Vision etwas näher kommt?
    Toscani: Irgendwann vielleicht, ja. Aber ...wissen Sie, Bob Dylan hat auch Songs geschrieben, die die Leute zum Nachdenken angeregt haben. Und trotzdem hat er die Welt nicht verändert.
    Was sagt die Werbung heutzutage über eine Gesellschaft aus?
    Toscani: Die Werbung spiegelt heute exakt das wider, wie die Gesellschaft gerne sein möchte. Ich selbst verstehe zum Beispiel eine Gesellschaft viel besser durch ihre die Werbung als meinetwegen durch einen Zeitungsartikel. Wenn ich durch die Welt reise, dann verstehe ich ein Land viel besser, wenn ich mir die Werbeplakate anschaue, als wenn ich deren Zeitungen lese. Die Werbung zeigt, was eine Land produziert und was es gerne konsumieren möchte... das ist sehr einfach zu verstehen. Die Werbung ist die Sprache der Produktion und des Konsums - und das sind zwei der wichtigsten Tätigkeiten in der gesamten Menschheitsgeschichte. Produzieren und konsumieren bedeutet Arbeit und Kultur und an dem Konsum eines Landes erkennt man sehr gut den Grad von Kultur den ein Land hat.
    Und wo sehen Sie die Gründe für die einseitige, zum Teil auch diskriminierende Weise, wie die Frau in der Werbung dargestellt wird?
    Toscani: Also, Sex ist immer noch ein großes Tabu, sogar für eine entwickelte Kultur wie die unsere, und das macht es zu einem interessanten Thema.
    Nur, dass sexistische Darstellungen von Männern in der Werbung eigentlich nie zu finden sind.
    Toscani: Nein, die gibt es nicht so häufig, weil die Medien in der Hand von Männern sind, und die hätten ein Problem damit.
    Aber wenn man in Deutschland in die Medienwelt guckt: MTV wird hierzulande von einer Frau geleitet.
    Toscani: Das ist vielleicht eine Frau, die ein Mann sein will. Alle Business-Frauen sind doch eigentlich Männer ohne Penis. Ich glaube nicht an diese Frauen, für mich sind das auch keine Frauen.
    Und an was für Frauen glauben Sie?
    Toscani: Es gibt schon welche, die auch richtige Frauen sind. Sicher nicht die Frauen in der Werbung und der Werbeindustrie. Aber zum Beispiel gab es drei Frauen, die im Komitee für den Friedensnobelpreis waren, und den Papst als Kandidaten abgelehnt haben - an solche Frauen glaube ich. Weil die haben sich gesagt: jemand der so über Frauen und Abtreibung redet, so einem können wir nicht den Friedensnobelpreis geben. Solche Frauen brauchen wir!
    Und wo finden wir die?
    Toscani: Es gibt nicht so viele. Die meisten ziehen es leider vor, schön zu sein statt intelligent, sie ziehen Schönheit der Intelligenz vor. So ist das halt - und fragen Sie mich nicht, warum. Ich bin immer nur ein Reporter gewesen, jemand der die Dinge beobachtet, ich bin da, um mir die Probleme anzuschauen, aber nicht, um sie zu lösen.
    Wo Sie gerade von sich als Reporter sprechen: Ihr Vater hat als Nachrichtenreporter gearbeitet und teilweise auch aus Krisengebieten berichtet - sind Sie mit der Kamera selbst auch in Krisengebieten gewesen?
    Toscani: Ja, ich habe das gemacht, ich war in Äthiopien, im Kosovo, Jugoslawien... aber ich habe schnell begriffen, dass das beim Stand der Medien, wie wir ihn heute haben, gar nicht notwendig ist. Ich habe zum Beispiel für Benetton dieses Foto gemacht von den blutigen Klamotten eines getöteten Soldaten. Das war meine Form der Reportage, das war der Weg, den ich für mich gefunden hatte, diese Dinge zu transportieren. Man muss nicht unbedingt ins Gefängnis gehen um nachzuempfinden, was Freiheit ist, man kann auch einen anderen Weg finden, das zu erklären. Und außerdem, ich finde es fast wichtiger, wenn man den Krieg in seinem eigenen Land betrachtet, der zu Hause auf der Straße zwischen den Menschen jeden Tag stattfindet, der in der eigenen Familie stattfindet, in der Schule, in deinem Büro auf deinem Arbeitsplatz. Denn das sind ja die eigentlichen Kriege in unserer Gesellschaft.
    Interview: Jakob Buhre

     

    MEUN_____________________________________________________________________________________________________________

     

    Shirin Neshat wurde 1957 in Kaswin, Iran, geboren. Ihre Eltern schickten sie mit 17 Jahren zum Kunst-Studium an die University of California (1979 - 1982). Mit ihrem Mann gründete sie einen nonkommerziellen Ausstellungsraum in Soho, New York, "The Storefront for Art and Architecture". Aber erst nach ihrem ersten Besuch im Iran nach der Revolution 1990 griff sie ihre Arbeit als Künstlerin wieder auf, die sie seit dem Studium nicht weiter verfolgt hatte. Seitdem entstanden ihre Fotos und Video-Installationen, die bald internationale Beachtung fanden. Für die Videos arbeitet sie mit der Musikerin Sussan Deyhim und dem Kameramann Ghasem Ebrahimian zusammen.

         Quelle:www.culturebase.net
         Mehr über Shirin Neshat.

     

    Aufklärung und Kritik, Sonderheft 9/2004 187
    Franz M. Wuketits (Wien)


    Der Affe in uns und seine Suche nach Sinn
    Anmerkungen eines Evolutionstheoretikers
    „Der Glaube geht notwendig in Hass, der
    Hass in Verfolgung über, wo die Macht des
    Glaubens keinen Widerstand findet, sich
    nicht bricht an einer dem Glauben fremden
    Macht, an der Macht der Liebe, der Humanität,
    des Rechtsgefühls.“
    (Ludwig Feuerbach)

    Unter allen Lebewesen auf der Erde – von außerirdischen wissen wir nichts – ist der Mensch das einzige, das nach dem Sinn seines Daseins fragt und in der Welt als Ganzes einen Sinn erblicken möchte. Er ist die einzige Spezies, von der manche Exemplare mitunter in eine „Sinnkrise“ geraten oder an ihrem Leben verzweifeln. Während heute Psychiater und Psychotherapeuten hier gelegentlich Abhilfe leisten können, sind Philosophen und Theologen seit Jahrtausenden damit beschäftigt, dieser Welt – und damit jedem einzelnen von uns – einen übergeordneten Sinn zu verleihen (der jenen, die fest an ihn glauben, den Weg zum Therapeuten erspart).

    Weltdeutungen und ihre Ursprünge
    Versuche, die Welt zu deuten, sind tief in unserer Stammesgeschichte verwurzelt, und oft genug waren es metaphysische, illusionäre Weltdeutungen, die den Menschen ihr Leben erleichtert haben. Ihre Kehrseite hatten solche Weltdeutungen freilich immer in gefährlichen Ideologien mit der Rechtfertigung von Grausamkeiten, wofür Geschichte und Gegenwart ungezählte Beispiele liefern (vgl. Topitsch 1979). Wir dürfen gleich festhalten: Die Suche nach Sinn kann sehr
    gefährlich werden, vor allem, wenn es Leute gibt, die ihn gefunden zu haben glauben und denken, ihn gegen Zweifler um jeden Preis verteidigen zu müssen. (Und solche Leute gibt es – nach wie vor – zuhauf.) Gerade metaphysische Weltbilder aber haben eine besonders „sinnstiftende“ Wirkung, weil sie sich gegen alle möglichen Außeneinflüsse abschirmen: „Im metaphysischen Weltbild kann der Mensch leben als in einem Ganzen, das ihn jederzeit und überall umfängt“ (Jaspers 1954 [1985, S. 187]). In einem solchen Weltbild findet er jene Sicherheit, die ihm die Realität der ihn umgebenen Welt nicht zu bieten vermag.
    Kraft seines Bewusstseins ist der Mensch in der Lage, Bilder von der Welt so zu entwerfen, dass ihm die Welt selbst erträglich erscheint. Freilich sind solche Weltbilder nichts weiter als Verklärungen einer Realität, die keine universelle Zweckmäßigkeit und keinen Sinn zu kennen braucht. Und in der Tat folgt aus verschiedenen Überlegungen der modernen Naturwissenschaften – heute insbesondere der Evolutionstheorie – der Verdacht, dass wir in einem sinnlosen Universum leben. Bloß sein Bestreben, „das Universum zu verstehen, hebt das menschliche Leben ein wenig über eine Farce hinaus und verleiht ihm einen Hauch von tragischer Würde“ (Weinberg 1978, S. 213). Unser Leben als Farce? Das fordert freilich Widerspruch heraus. Halten wir aber einmal fest, wer oder was wir Menschen eigentlich sind: Arrivierte Affen, die ihre eigene (Stammes-)Geschichte mit sich herumtragen, bebürdet von einer Jahrmillionen währenden Evolution, in deren Verlauf durch die Selektion oder natürliche Auslese nur jene Eigenschaften – in unserem Körperbau, unserem Verhalten, Wahrnehmen und Denken – begünstigt wurden, die „irgendwie“ Aussicht auf Erfolg hatten (vgl. Wuketits 2001). Die längste Zeit ihrer Evolution stand unsere Gattung, so wie alle anderen Gattungen auch, bloß vor dem Problem des (genetischen) Überlebens, also der erfolgreichen Fortpflanzung, die stets natürlich mit der Sicherung von Ressourcen, Raum und Nahrung, verbunden war (und ist). Die Frage nach dem Sinn des eigenen Daseins oder gar des Universums ist ein Spätprodukt der Evolution. Hier ist nicht der Ort, darüber zu spekulieren, wann und in welcher Form unsere prähistorischen Ahnen zum ersten Mal diese Frage formulierten. Sie muss aber, wie Lorenz (1973) bemerkte, mit der Entdeckung  des eigenen Ich und der damit verbundenen Fähigkeit zur (Selbst)Reflexion zu tun gehabt haben. Damit kam der Mensch in die Lage, die Welt, so wie er sie vorfand, nicht einfach zu akzeptieren, sondern sie auch zu deuten und auf sich selbst zu beziehen (vgl. Wuketits 1987).
    Daraus wiederum muss das Bedürfnis entstanden sein, sich eine Welt nach eigenem Muster vorzustellen, eine in sich geordnete, zweckvoll organisierte, sinnvolle Welt. Dieses Bedürfnis blendet auch heute noch in den Augen vieler die Tatsache aus, dass die Welt, in der wir leben, „die Natur“, eine einzige Abfolge von – kleinen, mittleren und großen – Katastrophen darstellt, dass Sterben die notwendige Begleiterscheinung alles Lebens ist, dass Lebewesen nur existieren können, wenn sie andere Lebewesen töten (vgl. Wuketits 1999). In der Natur zählt, wie angedeutet, bloß das (genetische) Überleben.
    Dabei gibt es keine Bestimmung, keine („höheren“) Absichten oder Ziele, und die Evolution lässt keinen Sinn erkennen (vgl. Wuketits 2003, 2004). Einem Lebewesen aber, das seine eigenen Handlungen plant (oder jedenfalls zu planen glaubt), bestimmte Ziele verfolgt und in seinem Dasein einen Sinn erkennen will, mag dies freilich als zu wenig erscheinen. Denn es gilt ja auch, vieles zu „verkraften“: den unerwarteten Tod eines nahestehenden, geliebten Menschen, plötzlich auftretende Katastrophen, Unfälle, Ungerechtigkeit und manches mehr. Die Möglichkeit, alle Unbilden auf das sinnvolle Walten eines „höheren Wesens“ zurückführen zu können, wird daher von einem illusionsbedürftigen Lebewesen gar gern aufgegriffen. So gewinnt letztlich der Glaube an Gott seinen Sinn oder, umgekehrt, Gott bekommt seinen Nutzen zugewiesen (vgl. Dawkins 1995, 1998). Der Glaube an Gott – und damit implizit an einen „tieferen Sinn“ aller Ereignisse in dieser Welt – erweist sich, in evolutionstheoretischen Begriffen, als Anpassungsvorteil und als überlebensdienlich, worauf  auch die Universalität von Religion hinzudeuten scheint (vgl. z. B. Grinde 1998, Hinde 2004, Stieve 2000, Wilson 1978). Allerdings sagt dieser Glaube überhaupt nichts darüber aus, ob seine Inhalte auch irgendeine „Wahrheit“ zum Ausdruck bringen. Das Privileg eines illusionsbedürftigen Lebewesens besteht unter anderem darin, jeden beliebigen Unsinn glauben zu dürfen. So mag sich der Glaube an einen Sinn des Kosmos als großer Unsinn erweisen, aber offenbar hilft er vielen Menschen, ihr eigenes, mitunter tragisches Leben und die sich in ihrer Umgebung abspielenden Tragödien besser zu bewältigen. Theologen haben sich stets bemüht, selbst die größten Katastrophen dieser Welt mit dem Wirken eines allmächtigen, gütigen Gottes in Einklang zu bringen. Vor allem die Naturtheologen des 18. und 19. Jahrhunderts
    – unter ihnen ragt besonders William Paley hervor – hatten keine Probleme, selbst „Grausamkeiten“ in der Natur damit zu erklären, dass sie Absichten Gottes und daher letztlich gut seien. Charles Darwin, der bekanntlich Theologie studiert und in diesem Fach seinen einzigen akademischen Abschluss erlangt hatte (!), blieb ursprünglich nicht unbeeinflusst davon, doch fand er eine andere Lösung für die Erklärung der Baupläne der Organismen: Zwecke ohne absichtsvolle Planung (vgl. Ayala 2004).
    Selbstverständlich ist jedes Lebewesen zweckmäßig organisiert, sonst könnte es ja nicht existieren. Aber diese Organisation erklärt sich aus den Erfordernissen der Evolution durch natürliche Auslese und liefert keinerlei Hinweise auf eine dem Kosmos – und damit jedem Wesen – übergeordnete Zweckmäßigkeit.

    Kein vorbestimmter Lebenssinn
    Eine Welt, in der sich der Mensch sozusagen auf sich selbst zurückgeworfen sieht und erkennt muss, dass er nicht der Liebling von Göttern sei, widerspricht freilich seinem Wunschdenken (Simpson 1963). Aber das Wunschdenken selbst  hat, wie gesagt, seine evolutiven Wurzeln und seine evolutive Bedeutung. Gewiss, „der menschliche Lebenssinn ist nirgendwo vorgegeben, nirgendwo aufgeschrieben“ (Kahl 2001, S. 68), was aber einzelne Menschen nicht daran hindert, an einen vorgegebenen Sinn zu glauben und daraus Kraft zu schöpfen für die Bewältigung des eigenen Lebens mit allen seinen Unbilden. Daran wäre nichts auszusetzen – alles, was einem Menschen in seinem Leben weiterhilft ist, solange es nicht anderen Menschen zum Schaden gereicht, zu akzeptieren. Wäre da aber nicht wieder eine Kehrseite: „Die Geschichte lehrt uns, dass diejenigen, die besonders stark bekundeten, dass Gott auf ihrer Seite steht, meist auch diejenigen waren, die besonders fern den Menschen waren“ (Schmidt-Salomon 1997, S. 45). Blickt man heute um sich – und auf die Weltpolitik – so erweist sich diese Feststellung leider von erschreckender Aktualität. Man hüte sich daher vor den „Sinnstiftern“!

    Eine Welt voll der Symbole
    Ein Schlüsselereignis in der Evolution des Menschen war sicher die Entstehung und Entwicklung von Symbolen. Nach Bertalanffy (1968) war die Entwicklung symbolischer Verhaltensweisen überhaupt der entscheidende Schritt im Prozess der Menschwerdung. In der Tat ist es eine ganz beträchtliche Leistung, wenn ein Lebewesen an die Stelle konkreter Dinge abstrakte Symbole setzen kann. Jeder, der um sich blickt, wird natürlich sofort bemerken, dass er gleichsam in einer Welt von Symbolen lebt, die sich in unzähligen Formen manifestieren – in der Schrift, in mathematischen Formeln, in Bildern, in Verkehrszeichen und so weiter. Die Entwicklung von Symbolwelten hat zu gewaltigen psychodynamischen Veränderungen geführt (vgl. Wimmer 2004): Einerseits ging damit eine beträchtliche Effizienzsteigerung des Verhaltens einher (Sprache, Werkzeuggebrauch und so weiter), andererseits entstanden auf dieser Basis auch tiefgehende existenzielle Probleme, insbesondere das Bewusstsein der eigenen Sterblichkeit. Gerade dieses Bewusstsein wiederum bewirkte neue Symbolwelten, die vor allem in Mythen und Religionen ihren Ausdruck finden. Und gerade dieses Bewusstsein erzwingt die Frage nach Sinn.
    Das Wissen um die eigene Vergänglichkeit kann sehr belastend aufs Gemüt wirken. Wäre aber dieses Wissen grundsätzlich ein Anpassungsnachteil, dann wäre es entweder inzwischen von der natürlichen Auslese wegselektiert worden oder unsere Spezies gäbe es nicht mehr. Gerade die Entwicklung illusionärer Weltbilder hat sich als lebensdienliche Gegenstrategie erwiesen. Der Glaube an ein Weiterleben nach dem Tod, der Glaube an den Sinn des eigenen Daseins und des eigenen Todes und der Glaube an eine sinnvolle Welt geben vielen Menschen Hoffnung und Halt und lassen sie den düsteren Ausblick auf den eigenen Tod in schöneren Farben erleben.
    Die moderne Evolutionstheorie – mit der Soziobiologie, der evolutionären Erkenntnistheorie und der Evolutionspsychologie – entlarvt diesen Glauben allerdings als das, was er ist: eine geschickte (Selbst-) Täuschung. Unter den bedeutenden Evolutionstheoretikern des 20. Jahrhunderts finden wir auch nur sehr wenige, die sich einem religiösen Glauben verpflichtet fühlten.
    Theodosius Dobzhansky ragt hierbei besonders hervor, er war bekennender Christ und suchte sogar nach einer Alternative  zum strikten evolutionären Naturalismus, der keine übernatürlichen „Kräfte“ zulässt (vgl. Dobzhansky 1974, Greene und Ruse 1996). Ansonsten aber finden sich Evolutionstheoretiker eher in der Nähe etwa des Existentialismus, wie ihn Albert Camus in seinem Mythos von Sisyphos beschrieb. Doch ist Camus’ Essay nicht etwa als Negation des Lebens zu verstehen, sondern im Gegenteil als Aufforderung an den Menschen, sich gerade auch am Abgrund zu bewähren, trotz der Sinnlosigkeit der Welt sozusagen durchzuhalten.
    Der Evolutionstheoretiker wird hier insoweit zustimmen, als er einerseits in der Evolution keinen Sinn zu erkennen vermag, andererseits aber sieht, dass der „Drang“, möglichst lang am Leben zu bleiben, (genetisch) zu überleben, seit fast vier Jahrmilliarden schon das Leben auf der Erde antreibt. Das gilt uneingeschränkt auch für den Menschen, der – mit seinen bisher bekannten engeren stammesgeschichtlichen Vorfahren – erst seit etwa fünf bis sechs Jahrmillionen existiert. Als einziges der uns bekannten Lebewesen ist er fähig, Suizid zu begehen. Doch ist diese, das Leben verneinende Vorgehensweise – da in der Regel biologisch kontraproduktiv – auch beim Menschen die absolute Ausnahme (so tragisch jeder einzelne Fall für sich betrachtet auch sein mag).

    Sinnsuche in einer sinnlosen Welt  
    Wir Menschen tragen, wie gesagt, unsere äffische Vergangenheit mit uns herum und können ihr nicht entfliehen. Aber anders als die übrigen Affen aus Vergangenheit und Gegenwart – unsere nächsten lebenden Verwandten sind Orang-Utan, Gorilla, Schimpanse und Zwergschimpanse oder Bonobo – quälen wir uns mit der Frage nach Sinn. Die ist der Preis für unsere Selbsterkenntnis, unser selbstreflexives Bewusstsein, das auch das Wissen um die eigene Sterblichkeit einschließt. Auf der einen Seite war es dabei sehr günstig, dass dieses Bewusstsein illusionäre Weltbilder zu kreieren vermochte, um uns über Aufklärung und Kritik, Sonderheft 9/2004 191 die Sinnlosigkeit und Absurdität der Welt hinwegzutäuschen; auf der anderen Seite haben solche Weltbilder, wann immer sie auch von ihren Verfechtern dogmatisch als „absolut gültig“ ausgerufen wurden, verheerende menschliche Katastrophen verursacht.
    Der nach Sinn strebende, Sinn suchender Affe hat seine ursprüngliche Natur, nämlich Überleben um jeden Preis, bewahrt, setzt aber nunmehr andere, nie da gewesene Mittel dafür ein. Die Folgen sind Kulturkämpfe, Heilige Kriege und Völkermorde (siehe auch Verbeek 2003, Wuketits und Wuketits 2001). Also nochmals: Hüten wir uns vor den „Sinnstiftern“!
    Was aber bleibt uns in einer Welt, von der wir annehmen dürfen, dass sie von keinen „höheren Absichten“ bestimmt und sinnlos ist? Eigentlich recht viel. Jeder von uns kann den Sinn seines eigenen Daseins innerhalb der begrenzten Möglichkeiten seines Handelns suchen (und finden!), zeitlich begrenzte Ziele anstreben und sich daran erfreuen. Ähnlich argumentiert etwa auch der Evolutionstheoretiker Rensch (1968). Da wir nun einmal die Frage nach Sinn mit unserem stammesgeschichtlichen Erbe übernommen haben, könnten wir, als zur kritischen Selbstreflexion fähige Lebewesen, das Beste daraus machen: allfällige Antworten auf die Frage nicht religiösen und politischen Finsterlingen unserer Spezies überlassen, sondern uns selbst darum kümmern, was für uns – für jeden einzelnen von uns nach seiner Facon – günstig, vorteilhaft und eben sinnvoll erscheint. Indem jeder von uns seinen eigenen, persönlichen Lebenssinn sucht, könnte er auch verhindern helfen, dass sich ein ursprünglich positiver Lebensantrieb in den Händen jener Finsterlinge in sein Gegenteil verkehrt.

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    Putzfrauen –Kabarett „ Multi-Kultimo“
    Mit: Figen Canatalay, Sati Arikpinar, Afagh und Azin Esmailzadeh

    Im 17.Jahr ihres Bestehens stellen sich die Putz-Kabarettistinnen des Kölner Arkadas-Theaters in ihrem 7. – und vielleicht letzten –Programm noch einmal den drängenden Fragen ihrer multikulturellen Existenz: Hat gut gemeinte Toleranzigkeit uns dem Integrationsziel näher gebracht? Wohin führen so genannte „Kulturkreis-Urteile“ europäischer Gerichte, die Frauen der Gewalt ihrer Männer aussetzen, anstatt sie zu schützen? Was wäre, wenn der politische Islam seine Scharia-Gesetze über uns ausschüttete, die Zwangsheirat zur Mode und Steinigungen zur sportlichen Erbauung aufsteigen würden? Wie funktioniert die Zündung einer Gebärmaschine? Und schließlich: Was wäre, wenn auf deutscher Scholle eine Republik „ Islamanya“ ausgerufen würde?
    Schwergewichtige Themen mit satirischem Schwung und ironischem Augenzwinkern auf die Kabarettbühne zu zaubern ist die bekannte Spezialität des Putzfrauen-Kabaretts aus Köln. Mit Charme und Humor werden auch harte Wahrheiten ironisch hinterfragt, ihr Witz ist hintergründig und treffend, trifft zielgenau das Zwerchfell wie das Hirn der Zuschauer. Hier wird Kabarett der literarischen Art zelebriert, mit beißendem Witz und Freude am Spott.

    Arkadas-Theater- Bühne der Kulturen in Köln-Ehrenfeld 

    T.L.M.

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    Kultur des Türkentums

    Ursprünglich war eine Zusammenarbeit zwischen 3sat und dem türkischen Sender TRT2 geplant. Eine gemeinsame "Kültürzeit"-Sendung sollte entstehen, die im türkischen Fernsehsender TRT2 ausgestrahlt werden sollte. Das "Kulturzeit"-Team konnte sich über die Ausgestaltung der gemeinsamen "Kulturzeit"-Sendung jedoch nicht mit der Leitung des türkischen Fernsehsenders TRT2 zusammenfinden. So hat 3sat entschieden, das gemeinsame Projekt nicht umzusetzen.
    Kulturzeit: Gespräch31.10.2008
    "Kulturzeit"-Extra: Kultur pur in Istanbul
    Am 1. November 2008 zur "Kulturzeit"-Zeit läuft ein "Kulturzeit"-Extra, das auch ein "Kültürzeit"-Extra sein sollte - eine gemeinsame Sendung von 3sat und dem türkischen Staatsfernsehen TRT. So war es geplant, aber es wird nicht dazu kommen. Die Sendung ist zwar in Istanbul produziert, aber nicht, wie ursprünglich gedacht, mit Beteiligung des türkischen Staatsfernsehens. Dazu Tina Mendelsohn im Gespräch

    Der kulturelle Austausch innerhalb der Europäischen Gemeinschaft begrenzt sich nicht nur auf die Partnerschaften  zwischen europäischen Städten. Seit dem Jahr 1985 werden jährlich  mehrere europäische  Städte (zumindest eine) zur  „Europäische  Kulturhauptstadt“  ernannt. Diese  Tradition des kulturellen Pluralismus innerhalb der europäischen Gemeinschaften zu propagieren, ergänzt die politische Zusammenarbeit der Europäer.   
    Als Erweiterung dieser Tradition sollte  auch das vom  3Sat- Fernsehen und  dem türkischen Staatsfernsehen gemeinsame  kulturelle Projekt aufgerufen werden,  um dem  Europäer  türkische  Kultur  näher zu bringen. Angesichts der  drohenden  Erweiterung Europas  auf Gebiete der kulturellen Öde, ist die Öffentlichkeit ernsthaft  interessiert,  ob die  bestehenden Defizite  türkischer Demokratie  den Anschluss an Europa  überhaupt ermöglichen? Mit  welchem „Kulturellen Austausch“  mit Asiaten (93% türkischen Gebiets liegt  in die Kleinasien) ist zu rechnen?  Egal, wie  interessant türkische  Kultur erscheinen mag;  in der europäischen Geschichte hat sie keinen Platz  gefunden,  außer den vielen Versuchungen,  sie zu erobern.  Zum Austausch kommt es nur dann, wenn man etwas zu tauschen hat. Offengestanden hat die Türkei außer ein paar kulinarischen Köstlichkeiten, verführerischen „Tausendundeine Nacht Geschichten“, Imamen und  nationalistischer  Arroganz,  nicht mehr  zu bieten. Insbesondere der nationalistische und religiöse Fanatismus entpuppt  sich als eine Ware mit abgelaufenem  Haltbarkeitsdatum,  die den „europäischen Normen“  längst nicht entspricht.  
    Dieses Projekt ist vorübergehend geschaltet. Es  wurde vom  türkischen Fernsehen  wegen inhaltlicher  Unstimmigkeiten abgebrochen, da  bestimmte Konzepte der deutschen Seite  als anstößig  empfunden wurden.  Die durchaus begründeten  Befürchtungen der „Multikulti“  Skeptiker,  dass die islamische Kultur als äußerst homogen und religiös stark imprägniert, mit dem abendländischen Postmodernismus  und Pluralismus nicht zu vereinbar  ist, wurde teilweise gerechtfertigt und bestätigt. Diese  Ablehnung  selbst,  liefert den  „Multi-Kulti“ Enthusiasten zum Trotz  ein Beweis dafür,  dass das  „Türkentum“ ein  besonderes  Ansehen (bestimmt auch Respekt!) verlangt und an die gebotene  Zugehörigkeit zur westlichen  Zivilisation nicht wirklich interessiert ist. Zumindest nicht zu den  Bedingungen,  die ihm  gestellt wurden. Diplomatische Zugeständnisse zur Demokratie und Menschenrechten, sind nur wenige  überzeugende  Lippenbekenntnisse,  in politische Ohren geflüstert,  die solche  Heuchelei  gerade hören wollen.  Aber die Türkei  in die EU aufzunehmen wäre zweifellos eine Sabotage  der europäischen  Identität, die mit dem Islam nicht aufgewachsen und nicht verwandt  ist. Angesichts  aktueller  finanzieller  und wirtschaftlicher Regression  ist die EU  auch nicht in der  Lage, sich eine  Rettungsaktion mit einem überfüllten  Rettungsboot zu leisten. Eine  der Vorwürfe  an Brüssel  lautet: „Die EU ist kein Christen Club, sondern  eine  Werte-Gemeinschaft“. Richtig! Wie fast alles, was ein Moslem von sich gibt, nur selten zu Ende gedacht ist, so auch seine Beschwerden. Hätte die EU tatsächlich einen  „Christen Club“ gebildet, was mit den  konservativen Kräften durchaus möglich gewesen wäre, würde  der Islam als Eindringling eingestuft und entsprechend behandelt.  Nach den  Regeln einer  säkularen  Rechtsstaatlichkeit mit ihren humanen Werten zu leben,  ist wiederum gegen die moslemische Natur. Im beiden Fällen ist  ein  „europäischer Islam“  eine künstlicher  und  schnell erzeugte,  geschlechtslose  kulturelle Hybride,  die  je schönere sie aussieht,  umso  zerbrechlicher  ist.
    Eine gelungene Kooperation  mit den türkischen Medien wäre selbstverständlich begrüßenswert,  da sie mehr zur  Integration beitragen könnte,  als die Forderung des Islams  flächendeckend Moscheen zu bauen,  in einer  urchristlichen Landschaft,  gegen jede Logik, Ästhetik und Vernunft. Der  fromme Wunsch nach kultureller Zusammenarbeit  ist  deshalb  berechtigt, da die politische noch nicht funktioniert.
    Alles Bemerkenswerte,  was in der Kulturlandschaft der  Türkei  zu erwähnen ist, spielt sich im europäischen Teil dieses Landes, in seiner Hauptstadt ab. Da aber die innere, demografische Wanderung  der Landbewohner zu dieser Großstadt stattfindet, bleibt das nicht ohne negative Folgen für die kulturelle und Intellektuelle Entwicklung. Die  sozialen  Unterschiede liegen  nicht nur in der  sogenannten Kluft  zwischen  Armut und Reichtum, sondern  zwischen den Entwicklungsphasen.  Aufgrund  dessen, dass  die Kirche zwar im Dorf geblieben ist, aber das Dorf in die Stadt kam, bildet sich um  Istanbul  ein breiter  Ring neu-Siedlungen von frommen, bildungsarmen Massen, die mit ihre überwältigen Zahl  die Statistik verändert und  das Intellektuelle verdrängtEin sehr dicker Schädel des Analphabetismus umfasst das intellektuelle und kulturelle Zentrum des Landes. Die kulturelle Szene  Istanbuls  ist  für die restliche Türkei nicht repräsentativ und genau sie braucht unsere Unterstützung.
    Es ist überlegenswert, ob überall dort, wo die Zeit stehen  geblieben ist, die alte  europäische Methode  mit dem Ureinwohner zu kommunizieren,  nicht effizienter  wäre? Die friedlichen europäischen  Entdecker  haben  damals  die in Wildnis angetroffenen  Stämme  mit Glaskugeln, Korallen, kleinen Spiegeln, bündigen Stoffen, Äxten  und Messern beschenkt. Auf diese Weise aufgebautes Vertrauen war die  Basis für spätere Verhandlungen und kultureller  Annäherung.    

    Multikulti Enthusiasmus

    Alle Xenophilen vertreten die Ansicht, dass die Vermischung von Kulturen für die „Europäische Seele“  von Vorteil sein sollte. Es reicht nicht, dass diese Welt offensichtlich für den menschlichen Verstand zu schnell geworden ist, es muss noch  ein Eintopf gerührt  werden, ohne einen nachvollziehbaren  Vorteil für alle.  Ich weigere mich,  meine kulturelle Heimat bzw. Wurzeln mit Sitten und Menschen zu teilen, von denen ich nichts halte. Damit mache ich mich noch nicht strafbar. Geographisch näher liegende Kulturen mischten sich im Laufe der  Weltgeschichte tatsächlich des Öfteren, aber dieser Vorgang dauerte hunderte von Jahren und zu Gunsten für beide Seiten. Ein erzwungener, politisch und wirtschaftlich konformer Multikulturalismus, ist für ein friedliches Zusammenleben eher kontraproduktiv.

    R.Kotonski

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    ZUM TODE RYSZARD KAPUSCINSKIS
    Der beste Reporter der Welt
    Von Claus Christian Malzahn

    Der Reporter und Schriftsteller Ryszard Kapuscinski ist tot. Sein Arbeitsplatz war der Planet Erde. Er kannte die Welt nicht nur - er konnte sie auch erklären. Und wer kann das schon, heutzutage?
    Es war Anfang der neunziger Jahre, an einem Wintertag im kalten, gerade wiedervereinigten Berlin. Im Café Adler am Checkpoint Charlie feierte eine geschlossene Gesellschaft von Schriftstellern und Journalisten irgendetwas; der Anlass war unwichtig, aber man rechnete mit einem hohen Gast: Ryszard Kapuscinski, so hieß es, sei in der Stadt und käme vielleicht noch vorbei. Irgendwann, kurz vor Mitternacht, schob ein älterer, schlanker Herr dann den schweren Vorhang an der Eingangstür beiseite und lugte vorsichtig in den Saal. Kaum jemand bemerkte ihn, die Gäste waren mit sich selbst und den Kosten der Wiedervereinigung beschäftigt, sie schwangen mahnende Reden und hielten ihr drittes oder viertes Rotweinglas in der Hand und ab und zu in die Höhe.
    Der Mann sah das alles mit einem kurzen Blick, prüfte noch ein paar Sekunden fachmännisch den Tisch ganz hinten rechts: da saß Günter Grass zwischen zwei ostdeutschen Betriebsräten, die dem Dichter seit Stunden erklärten, dass der reale Sozialismus auch sein Gutes gehabt habe - und der Dichter machte Rauchzeichen aus seiner Pfeife dazu und nickte hin und wieder.
    Da verschwand der Mann nach drei Minuten so leise, wie er gekommen war. Diese deutsche Szene im Café Adler interessierte den Polen nicht die Bohne, egal, ob nun ein deutscher Anwärter auf den Nobelpreis mittenmang saß oder nicht. Ryszard Kapuscinski interessierte sich für das wahre Leben, und er wusste: Damit haben Journalisten meistens gar nichts zu tun.
    Seine ersten Auslandsreisen machte er in den fünfziger Jahren, zu einer Zeit, als internationaler Krisen- und Kriegsjournalismus noch eine sehr übersichtliche Angelegenheit war. Ein Russe, ein Amerikaner, ein Brite, ein Franzose - und Kapuscinski eben, viel mehr Journalisten waren nicht unterwegs, viel mehr war nicht nötig. Und während der Ami, der Brite und der Franzose und selbst der Russe dann in teuren Nobelherbergen abstiegen und sich tolle Geschichten an der Hotelbar erzählten - zählte Kapuscinski nur seine Zloty und mietete sich in einer Kaschemme ein. Devisen hatte die Polnische Presseagentur ihrem Reporter nicht mitgegeben, weil die PAP keine Devisen bezahlen konnte.
    Kürzeste Erklärung der Menschenrechte
    Er schlief in Bambushütten, in verlausten Betten, unter freiem Himmel; er trank mit schmutzigem Wasser gekochten Tee und aß, was es eben so gab und was keineswegs immer identifizierbar war: Er lebte so wie die Menschen, über die er schrieb. Und er liebte sie. In Afrika beobachtete er einmal eine Versammlung in einem besonders armen Dorf; die Leute baten ihn um ein paar Worte. Kapuscinski war verlegen, doch die Menschen drängten ihn. Dann sagte er, ohne groß zu überlegen: "Jeder von Euch hat ein besseres Leben verdient." An diese kürzeste Erklärung der Menschenrechte aller Zeiten glaubte er, dafür riskierte er sein Leben. Er fing sich Malaria ein, er wurde von Söldnern eingesperrt, er riskierte immer wieder seine Haut für eine gute Geschichte. Dann betete er: Bitte lieber Gott, lass mich noch einmal davonkommen, danach werde ich nie wieder etwas Gefährliches tun.
    Ryszard Kapuscinski war neben V.S. Naipaul der beste Reporter der Nachkriegszeit, die er häufig mitten im Krieg verbrachte. Sein Arbeitsplatz war der Planet Erde; er kannte ihn wie seine Westentasche. Doch es ging ihm nicht nur darum, die literarische Anwaltschaft der Dritten Welt zu übernehmen. Sein kurz vor der polnischen Solidarnosc-Revolution veröffentlichtes Buch über den "König der Könige" in Äthiopien - gemeint ist der Diktator Haile Selassi - las sich vor allem als Parabel über totale Herrschaft. Er berichtete über Kriege in Lateinamerika, die wegen verlorener Fußballkriege begonnen werden; er sezierte das Sowjetimperium, das sich sein Land einverleibt hatte.
    Eine Seite am Tag war viel
    Er verstand das Leben der Ärmsten, weil er aus eigener Erfahrung wusste, dass die Dritte Welt von Europa manchmal nur eine Generation entfernt war. Er selbst stammte aus Pinsk. Die einst zum Osten Polens gehörende Gegend zählte früher zu den ärmsten Regionen Europas. Die Bauern lebten neben Sümpfen, die Menschen waren einfach gestrickt und fest in ihrem Glauben. Bevor die Deutschen - und auch die Sowjets - die Menschen ermordeten und deportierten, lebten Weißrussen, Polen, Juden und Litauer dort friedlich zusammen. Aus diesem Stoff wollte er sein letztes Buch weben.
    Als er älter wurde und einen Bypass nach dem anderen gelegt bekam und mit einer künstlichen Hüfte Treppen steigen musste, reiste er mit dem Finger über seinen schriftlichen Notizen. Die Dachkammer in seinem Haus - in einem der wenigen, nicht im Krieg zerstörten Warschauer Altbauvierteln gelegen - ist bis unter die Decke mit Schreibblöcken voll gestapelt. Kein Telefon, kein Internet: Hier dachte und schrieb Kapuscinski und konzentrierte sich auf das Wesentliche. Eine Seite am Tag war viel.                         
    Aus den manchmal Jahrzehnte alten Stichwörtern komponierte er seine wunderbaren Bücher. Er schrieb auch über sich. Aber nicht aus Eitelkeit. Sondern weil er überzeugt war, dass eine gute Reportage nicht nur eine gute Geschichte braucht. Neben der Dramatik der Ereignisse zählte für Kapuscinski auch der kluge, originelle Gedanke des Autors. In einer Zeit, in der alle Alles schon zu wissen glauben, weil die Bilder eines Ereignisses heute schneller in der Welt sind als jemals zuvor und in der das Internet das Phänomen der gefühlten Nachrichten noch verstärkt, ist der Tod des Essayisten Kapuscinski ein bitterer Verlust. Denn dieser kosmopolitische Pole konnte die Welt nicht nur beschreiben, er konnte sie auch erklären. Und wer kann das schon?
    Ryszard Kapuscinski gehört zu den glaubwürdigsten Journalisten, die es je gegeben hat. Sein letztes veröffentlichtes Buch ist eine Hommage an sein großes Vorbild, den antiken Reporter Herodot. "Die Götter sind neidisch und wankelmütig" schrieb der in seinen Historien. Und Kapuscinski, der natürlich an Gott geglaubt hat, weil es im Kugelhagel keine Atheisten gibt, wusste: "Die Erde ist ein gewalttätiges Paradies."

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    Alfred Kubin ist einer der avanciertesten fantastischen Zeichner des 20. Jahrhunderts. 1877 in böhmischen Leitmeritz geboren, verbrachte Kubin seine Jugend und Studienzeit an der Kunstgewerbeschule in Salzburg. Später folgte Zeichenunterricht und ein Kunststudium in München. Angeregt durch seine Auseinandersetzung mit den Philosophien Schopenhauers und Nietzsches, künstlerisch beeinflusst von Goya, Klinger, Ensor, Redon, Rops und Munch, findet Kubin um die Jahrhundertwende zu seiner eigenständigen kubinesken Motivik, verwurzelt in Traumvorstellungen. Er bezeichnet seine Bildsprache als einen lebensnotwendigen "Ausweg ins Unwirkliche": gespenstische Motive, Mischwesen, Varianten von Qual und Selbstqual, Traum, Vampirismus, Spiritualismus, Dekadenz, Erotik, Tod und Geburt. Sein außergewöhnliches Gesamtwerk besteht aus über 20.000 Zeichnungen, darunter eine große Anzahl von Federzeichnungen und Mappenwerken sowie Illustrationen zu mehr als 70 Büchern, in denen sich seine düstere Welt15sicht manifestiert. Eine repräsentative Auswahl von Meisterblättern des fantastischen Multitalents präsentiert dieser Band.01Professor Dr. Rudolf Leopold gehört zu den bedeutendsten Sammlerpersönlichkeiten Europas. Mit außerordentlicher Kennerschaft gelang es ihm, eine einzigartige Sammlung österreichischer Kunst vom 18. Jahrhundert bis heute - mit dem ersten Viertel des 20. Jahrhunderts als Schwerpunkt - zusammenzutragen. Bereits mit 25 Jahren erkannte der Sammler die überragende Bedeutung Egon Schieles, so daß die Werke dieses Malers den Kern seiner Sammlung bilden. Im September 2001 wird in Wien das Leopold-Museum unter der Leitung von Rudolf Leopold eröffnet.
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    George Grosz wird 1893 als Georg Ehrenfried Groß in Berlin geboren und wächst in der pommerschen Stadt Stolp auf. Die architektonischen Ansichten Stolps hält Grosz in Studien, die er 1907/08 fertigt, fest. Seine Begabung wird frühzeitig durch den Zeichenlehrer erkannt und so bereitet dieser das junge Talent auf den Eintritt in die Königliche Kunstakademie Dresden vor. 1911 schließt Grosz sein zweijähriges Studium mit einem Ehrenzeugnis ab. Anschließend wird er an der Kunstgewerbeschule in Berlin Schüler von Emil Orlik. In dieser Zeit tauchen erstmals in seinen Skizzenbüchern die für Grosz typischen Straßen- und Caféhaus-Szenen auf. 1913 geht George Grosz für einige Monate nach Paris, wo er in der Malschule Colarossi zeichnet. In den Jahren 1914 und 1915 dient Grosz jeweils für kurze Zeit im Krieg, wird aber letztlich als dienstunbrauchbar entlassen. In diesen Jahren werden bereits in verschiedenen Zeitschriften literarische Beiträge und Zeichnungen des Künstlers veröffentlicht, die George Grosz in der Kunstwelt bekannt machen. Er arbeitet als Illustrator in den zwanziger Jahren für den "Ulk", die "Lustigen Blätter", für Flechtheims "Querschnitt", die kommunistische satirische Wochenschrift "Der Knüppel" und von 1926 bis 1932 für den "Simplicissimus". Unter Grosz' intensiver Mitarbeit erscheinen des weiteren mehrere Zeitschriften wie z.B. 1919 in Berlin "Die Pleite", "Der Gegner" und "Der blutige Ernst". Im selben Jahr veranstalten Grosz, Hausmann und Heartfield gemeinsam die erste Berliner Dada-Messe. Eine dort veröffentlichte Mappe mit dem Titel "Gott mit uns" bringt Grosz einen Prozess wegen Beleidigung der Reichswehr ein. Es folgt 1923 eine weitere Anklage wegen "Angriffs auf die öffentliche Moral" in der Folge "Ecce Homo". Fünf Jahre später kommt es zu einem dritten Prozess, in dem der Künstler Grosz in der Folge "Hintergrund" Gotteslästerung vorgeworfen wird. Im Jahr 1932 hält sich Grosz als Gastdozent an der Kunstschule Art Students Leage in New York auf, bevor er sich im folgenden Jahr endgültig dort niederlässt. Dort unterrichtet Grosz weiter bis 1955 und eröffnet daneben mit Maurice Sterne eine eigene Kunstschule. Im Jahr 1937 werden insgesamt 285 Werke von Grosz aus deutschen Museen entfernt, einige Arbeiten sind in der Ausstellung "Entartete Kunst" zu sehen. Der Künstler wird von den Nationalsozialisten ausgebürgert, daraufhin erhält er die amerikanische Staatsbürgerschaft. Erst im Jahr 1954 macht George Grosz wieder einen längeren Aufenthalt in Deutschland, die endgültige Rückkehr nach Berlin findet 1959, dem Todesjahr des Künstlers, statt.

     

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    Polanski und seine Feinde
    Rüdiger Suchsland 11.10.2009
    Wenn die Wahrheit nicht zu den Schlagzeilen passt: Die Medien, Sex, Kinder und Kunst - Teil 1

    Roman Polanski wird in Zürich verhaftet, ihm droht die Auslieferung - wegen des 32 Jahre zurückliegenden Falles der "Unzucht mit Minderjährigen", genauer gesagt eines 13-jährigen Fotomodells. Einige Tage später wird das Bild "Spiritual America" des US-amerikanischen Künstlers Richard Prince noch vor Eröffnung der Ausstellung "Pop Life: Art In A Material World" in der Londoner Tate Modern Gallerie (1) zensiert und auf Verlangen der Polizei aus der Ausstellung entfernt. Die Behörden befürchteten, dass es sich bei dem Werk um "Kinderpornographie" handle. "Spiritual America" zeigt den nackten Körper eines Mädchens vor der Pubertät. Model stand das amerikanische Model und spätere Schauspielerin Brooke Shields im Alter von zehn Jahren. Zwei Ereignisse der letzten Woche. Ihr zufälliges Zusammentreffen wirft den Blick auf einen keineswegs zufälligen Empörungszusammenhang.

    "So weit ich zurückdenken kann, ist in meinem Leben die Grenze zwischen Phantasie und Wirklichkeit hoffnungslos verwischt gewesen.
    "
    Roman Polanski: "Roman by Polanski. Autobiographie"

    Beginnen wir mit dem "Fall Polanski". "Free Polanski now!" (2) forderten Petitionen aus aller Welt bereits kurz nachdem der Regisseur in der Schweiz verhaftet worden war. Unter anderem die Schauspielerinnen Monica Bellucci, Tilda Swinton, Fanny Ardant, Asia Argento, Whoopie Goldberg und Debra Winger, die Regisseure David Lynch, Martin Scorsese, Wong Kar Wai, Jonathan Demme, Fatih Akin, Constantin Costa-Gavras, Woody Allen, Tom Tykwer, Andrzej Wajda, Pedro Almodóvar, Ettore Scola, Wim Wenders und Michael Mann, Studioboss Harvey Weinstein, die Festivaldirektoren Thierry Frémaux (Cannes) und Dieter Kosslick (Berlin) haben eine Petition (3) zu Polanskis Gunsten unterzeichnet.

    Die vorhersehbaren Gegenreaktionen ließen nicht lange auf sich warten. "Die Petition erweckt den Eindruck, Künstler ständen über dem Gesetz. Für sie gilt nicht, was für Krethi und Plethi selbstverständlich wäre", verurteilte die taz schon in der Ausgabe vom 30. September 2009 die Initiative und fragte rhetorisch "Stehen Künstler etwa über dem Gesetz?" Die katalanische Schriftstellerin Najat al Achami wird in der "AZ" noch mit einer populistischeren Formulierung zitiert: "Sollen wir Künstler moralisch anders beurteilen als anonyme arme Schlucker?"
    Solch' eine Frage ist natürlich populistischer Unsinn. Denn zum einen hat das keiner behauptet. Zum anderen muss die Antwort aber lauten: In gewissem Sinn ja! Nicht juristisch - deshalb ist dies hier auch kein Freibrief für irgendwelche Verbrechen -, aber moralisch. Nur traut sich das heute keiner auszusprechen, weil eine solche Aussage im derzeitigen Klima allgegenwärtiger Sittenwächter, Lehrer und Schulmeister, gerade auf Seiten der Linken, nicht opportun ist. Auch der Stammtisch der Online-Portale reagierte mehrheitlich recht klar: Wieso soll jemand bevorzugt behandelt werden, bloß weil er hervorragende Filme macht? Gute Frage! Allerdings sollte er deshalb auch nicht benachteiligt werden, und genau das ist hier der Fall.


    Die Empörungsmaschine dreht durch
    "In general, I despise the press tremendously for its inaccuracy, for its irresponsibility, for its often even deliberate cruelty, and all of this is for lucrative purposes." - Roman Polanski

    "Gleiches Recht für Alle" ist tatsächlich ein hehrer Grundsatz, der auch im Fall von Polanski gelten muss. Daneben gibt es aber noch andere Basissätze zivilisierten Rechts, die nicht weniger gelten müssen. Der erste von ihnen lautet: "Im Zweifel für den Angeklagten". Diese Unschuldsvermutung herrscht im Fall Roman Polanski aber schon lange nicht mehr. Obwohl der Regisseur vor 32 Jahren wegen "statutory rape", korrekt übersetzt "Unzucht mit Minderjährigen" angeklagt wurde, und dies auch - allerdings nur als Teil einer Absprache zwischen den Prozessparteien, um den Fall schnell beizulegen - zugegeben hat, keineswegs aber wegen "Vergewaltigung", ist konsequent genau davon die Rede. Man muss nur einmal eine jener widerlichen Internet-Foren zum Fall in diesen Tagen besuchen: Polanski ist da einfach ein "child rapist".
    Selbst die Anklage unterstellt ihm keine Gewaltanwendung. Zudem besteht Polanski darauf, das Alter seines Opfers sei ihm unbekannt gewesen. Das ist möglich, genauso wie es möglich ist, dass er lügt. Aber es geht nicht darum, ob man ihm das glaubt. Sondern darum, dass er den juristischen Anspruch darauf hat, dass wir es ihm glauben - bis zum Beweis des Gegenteils. Feine Unterschiede spielen aber bei der hier hysterisierten Öffentlichkeit und ihrer eingespielten Empörung längst keine Rolle mehr.
                                                                                                                                                    weiter lesen

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