VEREIN für AUFKLÄRUNG und FREIHEIT e.V.
 
 
 
Wer schützt Israel und das Judentum heute vor sich selber?
Macht der Selbstkritik
Über Zionismus und Antisemitismus
 
 
 
  JUDENTUM

„Beide Gesellschaften, die unsere und die palästinensische, wurden gekidnappt.   Israel von den national-religiösen Siedlern und die Palästinenser von der radikal – islamischen Hamas. Solange Israel sich nicht von den Siedlern und die Palästinenser vom Islamismus der Hamas befreien, wird es unmöglich sein, über Friedensformeln zu sprechen. Man muss die fundamentalistische messianische Politik beider Systeme beseitigen, damit sich der Mehrheitswille durchsetzen kann.“
Avraham Burg, Ex –Chef der Jewish Agency und Ex-Knesset-Sprecher im Interview mit dem Focus-Magazin 45/2009

 

Judentum (jüdische Religion)


Die älteste monotheistische Religion und Mutterreligion von Christentum und Islam; eine der sogenannten Weltreligionen. Das Judentum blickt auf eine lange Entwicklungsgeschichte von einer Stammesreligion zur nationalen Religion des jüdischen Volkes zurück. Jahwe, der eine Gott, ist allmächtig und allwissend; es ist der ewige, richtende und unsichtbare Gott, der ewige Schöpfer und Lenker des Kosmos und der Geschichte. Nach  jüdischem Glauben hat Jahwe in Abraham sein Volk dazu erwählt, ihn als den einen Gott zu bekennen. Zeichen dieses „Abrahambundes“ ist die Beschneidung, durch die noch heute die männlichen Gläubigen in die Religionsgemeinschaft aufgenommen werden.
Durch Moses schloss Jahwe mit den zwölf „ geeinten Stämmen Israels“ einen Bund und übergab die Zehn Gebote, den Dekalog. Diese in der Thora niedergelegte Offenbarung des Willens Gottes am Berg Sinai (Horeb) war als Erwählungsakt Verpflichtung zur Solidarität im religiösen und sozialen Bereich. Diese bildeten den Kern der Identität des „ auserwählten Volkes Israel“.
Die Propheten ( z.B. Elias, Jeremia, Jesaja) vertieften und hüteten diesen Glauben. Unter den Königen (David, Salomo) erhielt Israel ein zentrales Heiligtum im Tempel zu Jerusalem. Nach der Zerstörung des Tempels ( 70 n. Chr.) durch die Römer lebten die Juden in der Diaspora ( als verstreute religiöse Minderheit außerhalb eines jüdischen Staates).
Das Judentum erwartet einen Messiaskönig für die „Endzeit“. Im religiösen Leben werden eine Reihe von Regeln befolgt: Reinheits- und Speisegebot (koschere Speisen), genaue Vorschriften für das Gebet und die Heiligung des Sabbats (Samstag als wöchentlicher Feiertag). Zu Zeiten des Jerusalemer Tempels wurde der jüdische Kult vom Hohen Priester, einer erblichen Priesterschaft, und den Leviten (Tempeldienern) vollzogen. Heute wird er am Sabbat und den hohen Feiertagen (Laubhüttenfest, Passah und Wochenfest sowie Jom Kippur ,= Versöhnungstag) unter der Leitung von Rabbinern in der Synagoge gefeiert oder in der Familie gestaltet. Offenbarungsurkunde des Judentums ist die hebräische Bibel( in christlicher Sicht das Alte Testament). Von Bedeutung sind auch spätjüdische Gesetzessammlungen (Talmud) und einige religiöse Dichtungen ( Haggada) und Überlieferungen ( Halacha). Mystische Strömungen entwickelten sich seit dem Mittelalter in der Kabbala und später im Chassidismus.              

( Schüler Duden Lexikon, 2006

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Jeshajahu Leibowitz geb. 28. Jan. 1903 in Riga, gest. am 18. Aug. 1994 in Jerusalem, jüdischer Religionsphilosoph, Naturwissenschaftler, Universalgelehrter, Gesellschaftskritiker. Leibowitz erfuhr in seinem wohlhabend bürgerlichen Elternhaus eine jüdische Erziehung durch Privatlehrer und besuchte gleichzeitig das allgemeine Gymnasium. Seine Schwester Nehama Leibowitz (1905-1997) wurde später in Israel die erste Professorin für Bibelwissenschaft. 1919 flüchtete die Familie vor der russischen Revolution aus Lettland in die Weimarer Republik. Nach dem Studium der Chemie und Philosophie erwarb Leibowitz  1924 in Berlin den Doktortitel in Philosophie. Von 1926 bis 1929 hatte er eine Assistenz als Biochemiker an der Berliner Kaiser-Wilhelm-Akademie. In Köln und Heidelberg schloß er ein Medizinstudium an und wurde 1934 in Basel zum Dr. med. promoviert. 1931 heiratete er Grete Winter, die 1933 in Mathematik in Heidelberg promoviert wurde und später als Lehrerin, Übersetzerin seiner Schriften und Sekretärin der "Hebräischen Enzyklopädie" arbeitete. 1934 wanderte Leibowitz  in Palästina ein und wurde 1935 in den Lehrkörper der Hebräischen Universität in Jerusalem berufen. Dort wurde er zum ordentlichen Professor für organische Chemie und Neurophysiologie ernannt (Schwerpunkte: Diabetologie, Enzymologie). Diese Professur nahm Leibowitz  bis zu seiner Emeritierung im Jahre 1961 wahr. Gleichzeitig übte er eine Gastprofessur für Judaistik an der Universität Haifa aus. Daneben lehrte und publizierte er auf den Gebieten der Wissenschaftsgeschichte und Philosophie. Zu seinen publizistischen Tätigkeiten trat seit 1953 seine redaktionelle Verantwortlichkeit für die "Encyclopedia Hebraica"; er war Chefherausgeber der Bände 10-13 sowie 16-20, für die er auch zahlreiche Artikel im Bereich Biologie, Chemie, Medizin, Geschichte, Judentum und Philosophie schrieb. So verfaßte er u. a. den Artikel über "Jesus" (Bd. 20). Seine Schriften publizierte Leibowitz  v. a. in Zeitschriften. Diese Aufsätze liegen teilweise in Buchform in Hebräisch sowie in Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch und Spanisch vor. Leibowitz  wurde auch als Ratgeber in seelsorgerischen und religionsgesetzlichen Fragen geschätzt. 1948 war Leibowitz  im israelischen Unabhängigkeitskrieg Offizier in der 1920 gegründeten "Hagana" ("Verteidigung"), der Selbstverteidigungsbewegung des "Jischuw", der jüdischen Siedlung im damaligen Palästina. Anschließend kandidierte er bei den Knessetwahlen 1949 für eine religiöse Gewerkschaftsgruppierung. Seit 1959 forderte Leibowitz  die Trennung von Staat und Religion und trat 1962 einem Komitee bei, das den Nahen Osten zur kernfreien Zone erklären wollte. Nach 1967 forderte er den Rückzug Israels aus den annektierten Gebieten, die im Sechs-Tage-Krieg besetzt worden waren. Er bezeichnete die Besetzung als "Gewaltherrschaft über die Palästinenser" und sah darin eine Bedrohung des demokratischen Charakters des Staates Israel. Leibowitz  kritisierte vor allem die Verbindung von Staat und Religion in Israel und eine Instrumentalisierung der Religion durch den weltlichen Staat. Leibowitz's  Einschätzung des Christentums war negativ. Er warf ihm eine theologische "Mißhandlung" und "Vergewaltigung" des Judentums vor und machte das Christentum für die gesamte Geschichte des Antisemitismus bis hin zum Holocaust verantwortlich. Er bestritt die existentiell ethische und praktische Dimension der christlichen Religion und sprach dem Christentum ab, ein "Leben gestaltendes Programm" zu sein. Das religiöse Judentum hingegen werde durch die drei Bereiche bestimmt, welche das Leben des Menschen ausmachen, "Küche und Eßtisch, Sex und Ehe und Arbeit". Seine Religionsphilosophie stützt sich auf Immanuel Kant (1724-1804) und Maimonides (1135-1204). Für Leibowitz  stellt die Erfüllung der Tora und der Gebote (Mitzwot) seit seiner Kindheit eine zentrale und selbstverständliche Angelegenheit dar. Das Judentum findet nicht nur in der Erfüllung der religiösen Gebote (Mitzwot) seinen Ausdruck, sondern es geht um das Tragen des "Joches der Mitzwot". Die Halacha (religiöse Norm) begründet sich selbst und ist historischer Kritik nicht unterworfen. Das real existierende Judentum, wie es sich in der Halacha verwirklicht, ist ahistorisch. Leibowitz  verneint jede Historiosophie. Aus dieser ahistorischen Sicht haben alle zeitlichen Ereignisse wie der Zionismus, der Holocaust, die Staatsgründung Israels, die "heiligen Stätten" in Jerusalem keine religiöse Bedeutung. Kritiker haben Leibowitz  die Preisgabe der historischen Grundlagen der Religion vorgeworfen. Die Bedeutung der hebräischen Bibel liegt für ihn ausschließlich darin, daß sich der Talmud und die Halacha darauf beziehen, vor allem auf den Pentateuch, die schriftliche Tora. Wird die Bibel nicht im Licht der Tradition Israels gelesen, so führt dies zu einer "Idolisierung der Bibel", die nicht dem echten Judentum entspreche, sondern Ideologie sei. Von Belang ist allein die biblisch bezeugte Beziehung des Menschen zu Gott, welche die Pflicht beinhaltet, Gott durch die Erfüllung der Gebote zu dienen, d. h. absolute Gesetzesobservanz. Leibowitz  unternahm in einunddreißig Vorträgen im israelischen Rundfunk 1977 eine Auslegung der "Sprüche der Väter" ("Pirqe' Abot") auf den "Spuren des Maimonides". Als Neo-Maimonidianer deutet Leibowitz den jüdischen Glauben in der Tradition von Maimonides' philosophischem Hauptwerk "Führer der Verwirrten" ("More Nebukim"). Der Glaube besteht nicht im Wissen über Gott, sondern im Wissen über die menschlichen Pflichten gegenüber Gott. Sinn und Ziel aller Mitzwot-Erfüllung ist die Erkenntnis Gottes, d. h. die Gottesfurcht und das Bewußtsein der Erhabenheit seiner Gebote. Durch die Realisierung der von Tora und Mitzwot geforderten Lebensweise entfaltete das Judentum sein Leben. Denn im Erfüllen der Gebote und im Tragen der Tora, nicht in Philosophie, Theologie oder Kabbala, findet das Judentum seinen Ausdruck. Das ist die Grundthese der leibowitzianischen Religionsphilosophie. Der Sinn des Lebens liegt für die Gläubigen in der Gottesverehrung an sich und um ihrer selbst willen. Leibowitz plädiert für das Tora-Studium als allgemeine Pflicht jedes Juden im Rahmen seiner Berufsarbeit und seines Gemeinschaftslebens und gegen ein berufsgemäßes Tora-Studium, das von der Unterhaltssorge und den Gemeinschaftspflichten befreit und nach seiner Ansicht einen existentiellen Lebensinhalt als professionellen Lebenszweck entstellt. Leibowitz lastet der Institutionalisierung des Tora-Studiums sogar die Krise der jüdischen Religion an. Seit Beginn des 19. Jahrhunderts ist das jüdische Volk nicht mehr "das Volk der Tora". Daher können die politischen, wirtschaftlichen Fragen des modernen Staates Israel nicht mehr aufgrund der Halacha, der religionsgesetzlichen Bestimmungen der Tora, entschieden werden. Daraus entsteht das "große meta-halachische Problem": "wie man sich von der Halacha her einem jüdischen Volk gegenüber zu verhalten hat, das nicht das jüdische Volk ist, mit dem sich die Halacha beschäftigt". Fehlen zwischen der überlieferten Halacha und den Problemen des modernen Staats die Bezüge, muß die Bevölkerungsgruppe, die mit Tora und Mitzwot lebt, eine reformierte halachische Gesetzgebung anstreben, denn über die Bewahrung von ewigen Inhalten hinaus fordert die Tora Erneuerung zeitlich gültiger Inhalte. Leibowitz verlangte daher von den Rabbinern, die halachische Vollmacht wahrzunehmen und das Gesetz dem modernen gesellschaftlichen Kontext anzupassen. Vor allem die Stellung der Frau in Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur verdeutlicht das Problem der Meta-Halacha und das Postulat einer halachischen Aktualisierung. Leibowitz kritisiert den Ausschluß der Frauen vom Torastudium und von öffentlichen Ämtern als "eine gefährliche Idee und ein schwerwiegendes Unglück des historischen Judentums". Er bezeichnet die Frauenfrage als "eine lebensnotwendige Angelegenheit, an der die Zukunft des Judentums hängt". Anders als die Institutionalisierung des Tora-Studiums verteidigt Leibowitz die Institutionalisierung des Gebets. Denn die Annahme des Jochs der Tora und der Mitzwot verlangt Gottesverehrung an sich und um ihrer selbst willen, ob im Studium der Tora, im Gebet oder bei Taten der Wohltätigkeit. Das Gebet sei "eine spezifische religiöse, im Gesetz verankerte Einrichtung". Daher lehnte Leibowitz  liturgische Reformen ab.
Werke: Torah u-Mizwot ba-zeman ha-zeh, Tel Aviv 1954; Sichot cal torat ha-nevu'a; peraqim nivcharim be-"Moreh Nevukhim" schel ha-RaMBa M, Jerusalem 1977; Vorträge über die Sprüche der Väter: auf den Spuren des Maimonides, aus dem Hebr. übers. von Grete Leibowitz, Obertshausen 1984; Judaïsme, peuple juif et état d'Israël; trad. de l'hébreu par Gabriel Roth (Thor); préf. de Henri Atlan, [Paris] 1985; The Faith of Maimonides, Tel Aviv 1989; Notes and remarks on the weekly Parashah, translated by Shmuel Himelstein, Brooklyn 1990; Judaism, human values, and the Jewish state, ed. by Eliezer Goldman; transl. by Eliezer Goldman, Cambridge Mass. 1992; Gespräche über Gott und die Welt : Jeshajahu Leibowitz mit Michael Shashar; aus dem Hebr. von Matthias Schmidt, Frankfurt am Main 1994; La mauvaise conscience d'Israël : entretiens avec Joseph Algazy, Paris 1994; Sichot cal "Mesilat Yescharim" le-RaMChaL, Jerusalem 1995; Brèves leçons bibliques: remarques sur la Parashah de la semaine, texte présenté par Gérard Haddad: trad. de l'hébreu Gérard Haddad, avec la collab. de Catherine Neuve-Eglise, Paris 1995; Israël et judaïsme: ma part de vérité: entretiens avec Michaël Shashar; trad. de l'hébreu, préf. et notes de Gérard Haddad, Paris 1996; Mah sche-le-maclah u-mah sche-le-matah; di'alogim cim Toni Lavi, Or Yehuda 1997; Migbalot ha-sekhel. Al machschava, maddac we-emuna, Jerusalem 1997; Science et valeurs, trad., prés. et notes par Gérard Haddad, Paris 1997; Raziti lisch'ol otkha, Prof. Leibowitz...Mikhtavim 'el Yeschayahu Leibowitz u-mimennu, [ha-macarekhet Mira Ofran], Jerusalem 1999; La crisis como esencia de la experiencia religiosa; prologo de Leonardo Cohen, México 2000; Accepting the yoke of heaven : commentary on the weekly Torah portion, Jerusalem 2002; Devant Dieu; cinq livres de foi; traduction de l'hébreu, introduction et notes par David Banon, Paris 2004.

http://www.nahost-politik.de/friedensbewegung/leibowitz.htm

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Erschienen am: 10.05.2002
Wer schützt Israel und das Judentum heute vor sich selber?
Warum die größte Bedrohung für Israel heute von Ariel Sharon und seiner Regierung ausgeht

Es gibt militärische Siege, die politische und moralische Niederlagen sind und auf Dauer entsprechende politische Folgen haben können. Wer, wie der Schreibende, dem Judentum zeitlebens seine Solidarität bekundet hat - nicht zuletzt als Dank für all die unschätzbaren geistigen Anregungen, die er von diesem empfing -, der fragt sich heute angesichts des Berserkertums eines Sharon und eines Peres und angesichts der unglaublichen Arroganz, mit der diese sich über das Völkerrecht, über die Beschlüsse des UNO-Sicherheitsrates und selbst über minimale Gebote der Humanität hinwegsetzen, betroffen und besorgt: Wer schützt Israel vor sich selbst?
Die brutale Zerstörung der Infrastruktur der Palästinenserbehörden hat weltweit - außer in den USA - Empörung und, schlimmer noch, eine gefährliche Welle von Antisemitismus ausgelöst. Gipfel des Zynismus war und ist, dass man - mit wackerer Unterstützung durch Präsident Bush - im selben Augenblick, in dem man die Machtbasis von Präsident Arafat  völlig zerstört, von diesem verlangt, den palästinensischen Terroristen das blutige Handwerk zu legen und davon seine Bereitschaft zu einer Waffenruhe abhängig macht.
Obgleich auch die Juden in der Diaspora von den Auswirkungen des Grauens in Israel und in den Palästinensergebieten betroffen sind, jedoch kein relevanter Widerstand der Diaspora gegen die Kriegsherren in Jerusalem erkennbar ist - im Gegenteil fast durchwegs Solidarität mit diesen -, wäre die oben gestellte Frage auszuweiten: Wer schützt das Judentum vor sich selbst? Und wer schützt die Religion des Judentums vor ihrer Pervertierung zu einer Legitimation einer brutalen Apartheid-Politik?
Der Gang zum Tempelberg
Aber die grauenhaften Selbstmord-Attentate auf die israelische Zivilbevölkerung durch ebenso religiös verblendete palästinensische Terroristen! höre ich mir entgegenhalten. Auch diese bedingungslos zu verurteilen entbindet einen jedoch nicht von der Pflicht, nach den Ursachen zu suchen, die Jugendliche motivieren können, solches zu tun. Ursachensuche ist nicht identisch mit Billigung, ansonsten alle Friedensforschung terroristisch w äre. Und die letztlich entscheidenden Ursachen des gegenwärtigen Konflikts zwischen Israel und den Palästinensern sind deren zwei: die Vertreibung der palästinensischen Bevölkerung aus Haus und Hof bei der Errichtung des Staates Israel vor rund fünfzig Jahren - die nun seit einem halben Jahrhundert in Flüchtlingsstädten zu leben gezwungen ist - und Sharons bewusst provokativer Gang zum Tempelberg in Jerusalem, der die zweite Intifada auslöste. Man darf annehmen, dass Sharon, der einzig in Kategorien militärischer Macht zu denken fähig ist, diese Provokation bewusst unternahm, um dann unter Hinweis auf die Intifada seine Apartheid-Politik und den mit dieser vielleicht verschwisterten Traum von einem Gross-Israel legitimieren zu können.
Israel ist ein Nationalstaat wie alle anderen Nationalstaaten und kann sich auf dasselbe Existenzrecht berufen. Dieses Existenzrecht ist inzwischen von den arabischen Staaten anerkannt worden und fanatisierte Palästinenser mögen noch so grauenvolle Terroranschläge verüben, die Existenz des Staates Israel vermögen sie nicht zu gefährden. Aber als Nationalstaat wie alle anderen Nationalstaaten muss Israel es sich gefallen lassen, dass man auch in seinem Fall zwischen dem Staat als solchem und seiner jeweiligen Regierung unterscheidet. Das heisst: Wenn ich eine Regierung und deren Politik kritisiere, und diese Kritik mag noch so unerbittlich sein, stelle ich keinen Augenblick die Existenzberechtigung des jeweiligen Staates in Frage.
Die Macht-Asymmetrie
Mit einer Kritik am Schweizer Bundesrat will ich nicht den Schweizer Staat aus den Angeln heben. Deshalb ist Kritik an Israels Regierung eine politische Kritik und kein Angriff auf den Staat Israel als solchen. Deshalb auch lässt sich die Existenzberechtigung des Staates Israel fraglos durch «Auschwitz» legitimieren, keineswegs aber auch die jeweilige Politik einer Regierung Israels, jedenfalls solange diese nicht glaubhaft machen kann, dass die Existenz des Staates ernsthaft gefährdet ist. Von einer solchen Gefährdung kann heute aber angesichts der Macht-Asymmetrie zwischen Israel und den Palästinensern und der Interventions-Abstinenz der arabischen Staaten keine Rede sein. Deshalb liefert die Rück-Sicht auf Auschwitz keinen Freibrief f ür das Vorgehen Israels gegen die Palästinenser.
Der Terror der Orthodoxie
Ebenso begibt Israel sich in ein weltpolitisches Abseits, wenn es der Versuchung nicht widersteht, jede Kritik an der Politik seiner jeweiligen Regierungen sogleich bewusster oder unbewusster antisemitischer Motive zu verdächtigen. Ein solches Verhalten ist kontraproduktiv und schürt, was es verhüten möchte. Dasselbe gilt übrigens auch für die Diffamierung jeder Kritik an den USA als Antiamerikanismus.
Zum Teil weltweit anerkannte Vertreter jüdischer Geistigkeit haben schon vor Jahren und Jahrzehnten vor einer politischen Entwicklung in Israel gewarnt, die diesen Staat und mit ihm sogar das Judentum als solches in eine gefährliche Krise führen könnte. So schrieb Hannah Arendt schon 1955 aus Jerusalem an ihren Mann Heinrich Blücher: «Politisch ist es noch hoffnungsloser, als ich dachte... Dabei leistet man sich, die Araber, die noch da sind, so zu behandeln, dass dies allein genügen würde, die ganze Welt gegen einen zu mobilisieren. Sieht man ein Auto der United Nations, die hier manches erleichtern, schimpft man. Jeder hat Angst vor dem Krieg und ist ein Kriegshetzer... Dabei sind die materiell wirtschaftlichen und sozialen Leistungen ungeheuer...» Dann spricht sie noch vom «inneren Terror der Orthodoxie. Wobei das Verblüffende ist, dass niemand wirklich gegen sie ist, so dass die machthungrige schwarze Bande immer frecher wird.»

Ein Jeshajahu Leibowitz (1903-1993), der in Basel seinen Dr. med. gemacht hatte, sich dann der Philosophie und den Naturwissenschaften zuwandte, 1934 als Zionist nach Palästina ausgewandert ist, dort an die Hebräische Universität Jerusalems berufen und Chefredaktor der Hebräischen Enzyklopädie wurde, ein von Maimonides beeinflusster gläubiger Jude, den der frühere israelische Staatspräsident Ezer Weizman als «einen der größten Menschen des jüdischen Volkes und des Staates Israel seit Generationen» gewürdigt hatte - dieser ganz außergewöhnliche Mann hat in seiner Kritik an der Politik Israels von «Juden-Nazis» gesprochen und die israelischen Soldaten schon vor mehr als einem Jahrzehnt aufgerufen, den Waffendienst in den besetzten Gebieten zu verweigern.
Die Faust und ihr Handschuh
Die Folgen der israelischen Besatzungspolitik bezeichnete er als «Nazisierung Israels»: «Wenn wir von Terroristengruppen sprechen, dann ist der Hamas eine und die Sondereinheiten (Israels, A.K.) sind auch solche.» Und schon vor dreißig Jahren warnte Leibowitz, die Ursachen des Konflikts mit den Palästinensern seien in der Besetzung zu suchen, in der Herrschaft über ein fremdes Volk: «Israel wollte in der Vergangenheit keinen Frieden und will auch heute keinen Frieden, sondern ist allein an der Aufrechterhaltung der Herrschaft über die besetzten Gebiete interessiert... Das Streben und Trachten des heutigen Israel zielt auf die Erhaltung einer jüdischen Gewaltherrschaft über ein anderes Volk.» Auf den Ausspruch der früheren israelischen Ministerpräsidentin Golda Meir hinweisend, es gebe gar kein palästinensisches Volk, meinte Leibowitz: «Das ist Völkermord.» Und ein Ariel Sharon pflege «einen Nationalismus ohne Kultur und Werte».
Auf die Frage, ob er nicht übertreibe, wenn er von «Juden-Nazis» spreche, antwortete Leibowitz: Wir verhalten uns schon so in den besetzten Gebieten, der West -Bank, dem Gazastreifen und im Libanon, wie sich die Nazis in den von ihnen besetzten Gebieten in der Tschechoslowakei und im Westen verhalten haben.» Aber den Staat Israel als solchen nahm Leibowitz ausdrücklich vom Vorwurf der «Nazisierung» aus: «Rede- und Pressefreiheit
existieren bei uns noch in hohem Masse. Deshalb wehre ich mich mit allen Kräften dagegen, wenn Gäste aus dem Ausland behaupten, Israel sei ein faschistischer Staat.» Im selben Atemzug jedoch warf er den Israelis vor, «keine anderen Wertinhalte» zu kennen «als die jüdische Faust». Doch «die gesamte Kraft dieser jüdischen Faust liegt nur darin, dass sie einen amerikanischen Stahlhandschuh trägt, wunderbar gepolstert mit amerikanischen Dollar-Noten...
Wir haben uns selbst in eine Situation hineinmanövriert, in der der Staat Israel keine Freunde mehr auf der gesamten Welt besitzt...» Gewiss - Leibowitz war ein radikaler Querdenker, der nie ein Blatt vor den Mund nahm und gelegentlich auch übertrieb. Aber Außenseiter mit einer solch ungewöhnlichen geistigen Potenz und einem entsprechenden humanistischen Engagement sind trotzdem ernst zu nehmen, da es ihre gesellschaftliche Funktion ist, die geistig-politische Situation der Zeit, wie sie sich ihnen in ihrem engeren Lebenskreis präsentiert, abgehoben von den Tagesquerelen und -interessen zu erkunden und unerschrocken zu sagen, was andere nicht sehen können oder nicht zu sagen wagen. Ob ihre Sicht Bestand hat, entscheidet die Geschichte. Und was Leibowitz anbelangt: Seine Intention war es, Israel vor sich selbst zu schützen.

Arnold Künzli


Die Zitate sind folgenden Büchern entnommen:
Hannah Arendt/ Heinrich Blücher: «Briefe 1936-1968». München 1996.
Jeshajahu Leibowitz: «Gespräche über Gott und die Welt. Mit Michael Shashar. Hebräisch:
Jerusalem 1987. Deutsch: Frankfurt a.M. 1990.


Von Arnold Künzli
© 2002 National Zeitung und Basler Nachrichten AG

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Macht der Selbstkritik
Über Zionismus und Antisemitismus
/ Von Tom Segev
                                                             
(…) Wer Israel hasst, weil es dort so viele Juden gibt, ist ein Antisemit. Das kennzeichnet vor allem Neo-Nazi Verbände und Holocaust Leugner aller Couleur. In den arabischen Staaten blüht ein Antisemitismus, der manchmal an den klassischen Judenhass in Europa erinnert. Doch es kann jemand Kritik an der Politik Israels üben, sogar gegen dessen Existenz als jüdischer Staat eintreten, ohne Antisemit zu sein und umgekehrt: Es gibt Antisemiten, die Israel und seine offizielle Ideologie, den Zionismus, unterstützen.
Der Zionismus hat seine eigene Interpretation der jüdischen Geschichte vorgelegt. Danach sind die Juden nicht nur eine Religionsgemeinschaft, sondern Angehörige einer eigenen Nation, die vor 2000 Jahren aus ihrem Land verbannt wurden. Als solche haben sie keinen Platz inmitten anderer Völker: entweder sie assimilieren sich und verschwinden, oder sie werden ermordet. Die meisten Israelis betrachten die Schoa als Bestätigung dieser zionistischen Prognose. Deshalb hatte die zionistische Bewegung die Juden aufgefordert, ihre Aufenthaltsländer zu verlassen, in ihr Land zurückzukehren und dort ihren Staat zu gründen – Israel.
 Auch Hendryk M.Broder hat sich immer wieder für längere Zeit in Israel aufgehalten. Und dennoch liegt sein Lebensmittelpunkt in Deutschland. Früher betrachteten viele Israelis Menschen wie ihn als Verräter. Jizchak Rabin hat sich noch in den siebziger Jahren als Ministerpräsident in diesem Sinn geäußert, und Eser Weizmann verurteilte Juden, die in Deutschland wohnten, als er in den neunziger Jahren Staatspräsident war. Nach zionistischer Anschauung schwächt nämlich jeder Jude, der nicht im Land seiner Väter lebt, all diejenigen, die es doch tun, ja schadet dem ganzen jüdischen Volk. (..) Die Mehrzahl der Juden wollte ihre Heimatländer nicht verlassen. Viele von ihnen zählten deshalb zu den ersten Gegnern des Zionismus, dessen Vertreter ihre Aussagen daraufhin mäßigen mussten. Anfang der 50’er Jahre
Fuhr David Ben Gurion, der erste Ministerpräsident Israels, in die USA, um dort Juden zu besuchen. Eigentlich wollte er ihnen sagen, wenn sie als Zionisten gelten wollten, reiche es nicht, Geld nach Israel zu schicken. Sie müssten dem Land ihre Kinder schicken. Die amerikanischen Juden protestierten, und einer ihrer Führer nötigte Ben Gurion sogar die historische Verpflichtung ab, sich nicht in die inneren Angelegenheiten der jüdischen Gemeinden Amerikas einzumischen. Mit der Zeit sah sich die zionistische Bewegung genötigt, von dem Begriff „Exil“ oder „Verbannung“ abzurücken, und ersetzte ihn durch das Wort „Diaspora“. Sie erkannte auch, dass sie sich für die Förderung jüdischen Lebens außerhalb Israels einsetzen musste. Vermutlich ist heute kaum mehr jemand böse auf Broder und die übrigen Juden, die lieber in anderen Ländern leben wollen, in Deutschland eingeschlossen. In dieser Hinsicht fördert der Zionismus jetzt nur noch ein allgemeines Gefühl jüdischer Schicksalsgemeinschaft und Solidarität, nicht unbedingt religiöser Art, aber unter Unterstützung des Staates Israel. Doch auch nachdem der Zionismus den Juden der Welt, die nicht in Israel leben wollen, entgegengekommen ist, bleiben noch orthodoxe Juden, die im nationalen Zionismus eine Leugnung Gottes erblicken und ihn bekämpfen. Sie sitzen in New York oder anderswo auf der Welt, aber viele von ihnen leben auch in Israel selbst. Die Mehrzahl der Erstklässler an Jerusalemer Grundschulen sind Kinder nichtzionistischer Eltern. Sie sind nicht die Einzigen. Zwei von zehn israelischen Staatsbürgern sind Araber, und wenn man deren Kinder mitzählt, kommt man zu dem Ergebnis, dass eines von drei israelischen Kindern heute eine nichtzionistische Schule besucht. In anderen Worten: Nicht alle Juden und auch nicht alle Israelis sind Zionisten. Gemäß seiner Grundgesetze strebt Israel danach, ein jüdischer und demokratischer Staat zu sein. Man kann dieses Ziel ablehnen, ohne Antisemit zu sein. Eine denkbare Alternative wäre ein gemeinsamer Staat für Juden und Araber. Dieser Gedanke lässt sich nicht umsetzen, wurde früher aber von vielen Juden vertreten und ist heute unter arabischen Bürgern Israels populär. Um die Geschichte noch komplizierter zu machen, könnte man daran erinnern, dass vielerorts gerade Antisemiten den Zionismus befürworteten, da sie hofften, auf diese Weise die Juden loszuwerden. Dazu gehören im Grund auch die evangelikalen Christen in den USA, die Israel und den Zionismus begeistert unterstützen: Sie betrachten den Judenstaat als Etappe auf dem Siegeszug des Christentums – am dessen Ende die Juden vom Erdball verschwinden würden.
All das macht es so schwierig zu bestimmen, was „für“ oder „gegen“ Israel zu sein konkret bedeutet. Hinzu kommt, dass viele Menschen meinen, „Unterstützung für Israel“ verlange, die Politik des Staates Israel in jedem Fall zu billigen. Das betrifft viele amerikanische Juden. Sie können sehr wohl zwischen ihrem Land und Präsident Bush unterscheiden, wollen aber nicht einsehen, dass es, um „pro-israelisch“ zu sein, nicht immer richtig ist, automatisch alles gutzuheißen, was die israelische Regierung tut, denn wie alle Regierungen der Welt tut auch sie manchmal Schlechtes. Nicht selten verlangt eine „ pro-israelische“ Haltung gerade, der Opposition unter die Arme zu greifen. Israelis diskutieren viel. Bis heute haben sie ihre Identität als Juden nicht gefestigt und sind zu keiner Einigung über die Grundwerte ihrer Gesellschaft gelangt. Diese Debatten machen ausländischen Beobachtern Schwierigkeiten. Es gibt zum Beispiel Israelis, die in palästinensischen 
Gebieten siedeln, die Israel 1967 erobert hat, und das als hehren Patriotismus betrachten. Aber andere Israelis, die sich für nicht weniger echte, wenn nicht sogar für bessere Patrioten halten, sagen, die Ausbreitung der Siedler in palästinensischen Gebieten mache jede Aussicht auf Frieden zunichte, und ohne Frieden habe auch die zionistische Existenz Israels keine Zukunft. Manche Israelis werten jeden Zweifel am Recht Israels, die besetzten Gebiete weiterhin in Besitz zu behalten, als Zeichen einer antiisraelischen oder gar antisemitischen Einstellung. Aber die israelische Regierung verfolgt heute eine Politik, die früher als eindeutig antiisraelisch galt: Gründung eines selbstständigen palästinensischen Staates, neben Israel, unter Räumung eines Teils der israelischen Siedlungen, die auf palästinensischem Gebiet liegen, und sogar Verzicht auf einen Teil des arabischen Jerusalems.
Deshalb haben Menschen, die sich als Freunde Israels betrachten, Mühe mit der Definition, was das eigentlich bedeutet. Besonders schwierig ist das für Deutsche. Die Nazi-Vergangenheit ihres Landes lädt ihnen Verantwortung auf, sich selbst und anderen gegenüber. Dazu gehört, dass sie die Existenz Israels unterstützen und nach bestem Vermögen den Frieden zwischen Israel und seinen Nachbarn fördern müssen. Aber die Verfolgung und Vernichtung der Juden unter den Nazis hat viele der Verfolgten und Holocaust-Überlebenden nach Palästina gebracht, und deshalb trägt Deutschland auch Mitverantwortung für die palästinensische Tragödie. Das verpflichtet die Bundesrepublik dazu, sich heute um die Palästinenser zu kümmern. In diesem Punkt enttäuschte Angela Merkels Knesset Ansprache in Jerusalem.
In Merkels außerordentlichem Bemühen, nett zu den Israelis zu sein, enthielt ihre Rede keinerlei Hinweis auf die deutsche Verpflichtung, auch die Menschenrechte der Palästinenser zu verteidigen. Praktisch lässt sich sagen: Je erträglicher das Leben der Palästinenser wird und je mehr sie zu verlieren haben, desto stärker wachsen die Aussichten, dass sie sich zum Friedensschluss mit Israel bereit finden, und daher ist Hilfe für die Palästinenser auch gut für die Israelis.

Viele Israelis sind höchst dankbar für auswärtige Stimmen, die zum Beispiel die systematischen Verletzungen der grundlegendsten Menschenrechte in den Palästinensergebieten verurteilen. Sie wissen, dass keine Gesellschaft derartige Erscheinungen allein mit eigener Kraft aus der Welt schaffen kann. Stets braucht es auch Druck von außen. Sie sehen in solcher Kritik Schützenhilfe für ihre Bemühungen, in Israel eine gerechtere – viele sagen, eine „zionistischere“ – Gesellschaft aufzubauen. Sie kommen gar nicht auf die Idee zu behaupten, Kritik an der Unterdrückung der Palästinenser sei Ausdruck einer antiisraelischen oder antizionistischen oder gar notwendigerweise antisemitischen Einstellung.
Doch es gibt schlimmere Staaten als Israel. Praktisch genießt der Großteil der Weltbevölkerung weniger menschliche Freiheiten und Bürgerrechte als die meisten Israelis uns Palästinenser. Deshalb ist es auch völlig unbegründet, Israel mit den übelsten Nationen der Menschheitsgeschichte gleichzusetzen, wie etwa mit Nazi-Deutschland oder dem Apartheidregime in Südafrika. Dagegen darf man Israel auffordern, den Kreis der besseren Staaten anzusteuern.
Jeder Mensch in jedem Land hat das Recht, von Israel das zu verlangen, was er von sich und von seinem Land verlangt: nicht weniger, nicht mehr. (…)

 

( Aus: Der Spiegel 37/2008)

 

 

 

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