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Wenn ich unsere Gegenwart betrachte, dann bin ich doch mitten in einer Zorngeschichte. In der Politik haben wir es heute vor allem mit Affekt-Explosionen zu tun: der globale Terrorismus, die Wut der Verlierer einer rapide wachsenden Weltwirtschaft und die Angst der Zukurzgekommenen innerhalb der immer ungleicher werdenden Wohlstandsgesellschaften.
Die aktuelle Situation schafft einen Typus von Mensch, der beim allgemeinen Kampf um Privilegien, Vorteile oder Prestige unterliegt. Unter Lenin wurden Millionen Menschen ohne Prozess ermordet und als Opfer eines rabiaten Sozialexperiments „entsorgt“. In der Ökonomie wären die vielen zu nennen, die sich ungerecht – nicht nur vom Schicksal – behandelt fühlen. Schließlich fallen heute die „Überflüssigen“ auf. Der Kampf der Demographien, nicht der Zivilisationen, wäre als Erstes zu nennen. Da kündigt sich die Katastrophe des 21. Jahrhunderts an, von der noch keiner weiß, wie ihr zu begegnen wäre. Unter den Bedingungen der Globalisierung und der synchronen Medien rücken die einzelnen Gesellschaften und Zivilisationen immer näher zusammen, ziehen sich an und stoßen sich ab. Die Anarchie der Kriegsführung – der russische Anarchist Bakunin ist wieder Mode – und die Verbreitung der nuklearen Waffenproduktion tun ein Übriges. Nicht zu vergessen: die Wiederkehr der sozialen und ökonomischen Asymmetrien in den entwickelten Ländern.
PETER SLOTERDIJK
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Theodor W. Adorno 1903, Frankfurt am Main - 1969, Visp / Wallis
Philosoph, Soziologe und Musiktheoretiker
Der junge Philosophiedozent Theodor W(iesengrund) Adorno zählte vor 1933 zu einer Generation deutsch-jüdischer Intellektueller, die theoretische Einsichten des Marxismus, aber etwa auch der Psychoanalyse für die kritische Analyse der gegenwärtigen Gesellschaft nutzen wollte. Mehr oder weniger enge Kontakte verbanden ihn mit Siegfried Kracauer, Walter Benjamin, Ernst Bloch, Herbert Marcuse, Georg Lukács, Bertolt Brecht u.a. Mit seinem Freund Max Horkheimer, dem Direktor des Instituts für Sozialforschung an der Frankfurter Universität, überstand Adorno das amerikanische Exil und reimportierte die sogenannte Kritische Theorie nach Westdeutschland. Ihre Frankfurter Schule gewann bald profilierte Köpfe aus der nächstjüngeren Generation (Jürgen Habermas, Oskar Negt) und wurde in den sechziger Jahren zum Kristallisationspunkt gesellschaftskritischen Denkens im (und gegen den) weithin immobilen CDU-Staat - und damit zu einer theoretischen Quelle der Studentenbewegung von 1967/68.
Adorno verstand sich als Fachphilosoph, der über Kant, Hegel, Husserl und Kierkegaard schrieb und die schwer lesbare Negative Dialektik (1966) als sein Hauptwerk betrachtete. Seit dem amerikanischen Exil war er auch mit aufwendigen empirisch-soziologischen Forschungen befaßt. Seine musikalische Begabung führte ihn jedoch von Anfang an auch zu Fragestellungen der allgemeinen Ästhetik sowie speziell zur Musiksoziologie (von wo sich Transfermöglichkeiten zur Literatur ergaben). Zentrales Moment in Adornos Ästhetik ist die Einsicht in den "Doppelcharakter der Kunst als autonom und als fait social" (soziale Tatsache) und die Konsequenz daraus: "Die ungelösten Antagonismen der Realität kehren wieder in den Kunstwerken als die immanenten Probleme ihrer Form." (S. 16). Mit dieser dialektischen Verknüpfung von historischem Gehalt und ästhetischer Formsprache überholt Adorno sowohl die vulgärmarxistische Sicht des Kunstwerks als bloße Widerspiegelung der Sozialstruktur, als Reflex der Klassenkämpfe (z.B. im Sozialistischen Realismus), wie auch die spätbürgerliche Kunstreligion, die gegen alle Erfahrung noch an eine zeitenthobene Sphäre des Schönen (Wahren, Guten?) glaubt (z.B. die Werkimmanente Interpretation). Die erwähnte Dialektik zeigt sich darin, daß das Kunstwerk kritische, ja utopische Distanz zur schlechten historischen Realität halten kann - freilich nur, wenn es in seiner inneren Organisation auf dem Stand der gesellschaftlichen Entwicklung bleibt. Im Rahmen einer insgesamt pessimistischen Geschichtsphilosophie spitzt sich diese Dialektik im 20. Jahrhundert derart zu, daß das "autonome Kunstwerk" zum einzigen Statthalter von Vernunft, Freiheit und Glück in einem universalen "Verblendungszusammenhang" wird.
Adorno war kein Literaturwissenschaftler. Und wenn er oft als Vertreter der Literatursoziologie charakterisiert wird, so hat er sich doch zumindest von deren empirischen Schule scharf abgegrenzt. Seine Noten zur Literatur sind individuelle - im Sinne seines Freundes Benjamin "mit der linken Hand" geschriebene - Etuden eines an Tradition und Avantgarde geschulten Literaturliebhabers. Neben bestimmten Kapiteln aus der Dialektik der Aufklärung oder der fragmentarisch gebliebenen Ästhetischen Theorie haben gerade auch essayistische Miniaturen wie Standort des Erzählers im modernen Roman oder Rede über Lyrik und Gesellschaft durch prägnante und überraschenden Formulierungen eine (damals) neue Sicht auf die Literatur eröffnet. Daß sie eine ganze Generation jüngerer Literaturwissenschaftler/innen inspirieren konnten, spricht nicht nur für den Esprit des Verfassers, sondern auch gegen die geistige Dürre der fachlich zuständigen Germanistik jener Jahre.
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Alice Schwarzer
Der Fall Ludin, 1999
„ Wir haben damit in Deutschland also eine ganz ähnliche Front wie die, die Elisabeth Badinter beim „ Kopftuch-Streit“ 1989 in Frankreich ausgemacht hat: einen Schulterschluss zwischen religiösen Fundamentalistinnen und westlichen DifferenzialistInnen quer durch alle Lager, die beide nichts halten von universellen Menschenrechten, sondern im Gegenteil auf die „Unterschiede“ zwischen den Menschen pochen, vor allem auf die zwischen Frauen und Männern. Doch der deutsche Staat kennt nicht dieselbe scharfe Trennung von Staat und Kirche wie in Frankreich. Denn nach der Nazizeit gelang es dem Adenauer-Regime nicht nur, die weltweit einzigartige Kirchensteuer einzuführen, sondern auch, im deutschen Grundgesetz eine Kirchenfreundliche „ Glaubensfreiheit“ zu verankern.“
(Alice Schwarzer, „ Die Gotteskrieger und die falsche Toleranz“, KIWI 2004, 5. Auflage)
In einem Land wie Algerien wurden in den 90er Jahren Hunderte von kritischen Intellektuellen von den islamitischen Fundamentalisten ermordet (und Tausende anderer Menschen) - das hat damals hier niemanden schockiert. Jetzt kriecht der Terror näher. Erstmals ist in Westeuropa ein Journalist von den Islamisten ermordet worden. Die Autorin des attackierten Films, die muslimische Somalierin und holländische Abgeordnete Ayaan Hirsi Ali, ist die zweite auf der Todesliste.
Was bedeutet das nun für uns? Nachdem die Deutschen sich seit Beginn des fundamentalistischen Kreuzzuges 1979 im Iran 25 Jahre Wegsehen und falsche Toleranz erlaubt haben, sind wir jetzt auch selbst bedroht. Das ist eigentlich keine Überraschung - wir hätten es seit Jahrzehnten wissen können. Allerhöchste Zeit also, die Gefahr für Meinungsfreiheit und Demokratie ernst zu nehmen. Unser Hauptproblem ist der islamische Fundamentalismus, aber der christliche folgt ihm auf dem Fuße.
Die Menschenrechte sind unteilbar. Das hat Deutschland zugunsten eines pseudotoleranten Multikuli-Differenzialismus zu lange vergessen. Dabei ist diese scheinbare Fremdenliebe in Wahrheit nur die andere Seite der Medaille einer Fremdenverachtung - indem man Menschen mit zweierlei Maß misst und bereit ist, im Namen einer "anderen" Kultur auf die elementarsten Menschenrechte zu verzichten. Dabei stehen die Frauen immer nur an erster Stelle. Ihnen folgen nicht zufällig die Juden. Und die Intellektuellen. Nach diesem Mord dürfen wir uns weniger denn je von den Fanatikern einschüchtern lassen. Und wir dürfen unsere Zeit nicht länger bei falschen "Dialogen" mit verkappten oder offenen Fundamentalisten verlieren - sondern müssen uns kurzschließen mit den aufgeklärten Musliminnen und Muslimen. Nur gemeinsam können wir diesen dunklen Kräften wehren.
–Welt Online 14.11.2004
Die falsche Toleranz
Gemeinsam gegen die dunklen Kräfte
[…] Mann hätte es wissen können, aber man wollte es nicht wissen. Vor allem in Deutschland nicht. Jetzt nach einem Vierteljahrhundert ungehinderter islamistischer Agitation – gefördert nicht nur von den Gottesstaaten, sondern auch von so mancher westlichen Demokratie – lässt es sich nicht länger leugnen: Diese islamistischen Kreuzzügler sind die Faschisten des 21. Jahrhunderts – doch sind sie vermutlich gefährlicher als sie, weil längst global organisiert.
Allein aus den seit Jahren bekannten Trainingslagern von al-Quaida strömten in den vergangenen Jahren mindestens 70.000 Gotteskrieger aus 50 Nationen in die ganze Welt; etliche Staaten sind ganz in der Hand der Fundamentalisten, wie der Iran; einige halb, wie in Pakistan; und so manche zittern unter ihrer Faust, wie Algerien. Jetzt geht auch im Westen die Angst um. Denn über das “Einfallstor Balkan“ sind die in Bosnien, Albanien und dem Kosovo wütenden islamischen Söldner in das Herz Europas gedrungen, mit der Unterstützung des Westens. Die selbst ernannten Gotteskrieger haben Italien zu ihrer “logischen Basis“, England zu ihrer “propagandistischen Zentrale“ und Deutschland zu ihrer “europäischen Drehscheibe“ gemacht. Längst haben die pseudoreligiösen Terroristen mafiöse Strukturen, schaufeln sich ihre Dollars mit Drogen und Frauenhandel.
Nach der Lektüre dieses Buches stellt sich die Frage: Ist es noch fünf vor zwölf – oder schon später? Sind die Kreuzzügler auf dem Weg der islamischen Weltherrschaft noch zu stoppen – und ist die aufgeklärte Welt überhaupt noch zu retten? Optimisten weisen darauf hin, dass der Unmut der Bevölkerung in den real existierenden Gottesstaaten wachse und die Terroristen unter den Muslimen im Westen in der Minderheit seien. Das stimmt. Nur will das nicht viel sagen. Denn wo die Schriftgläubigen die Macht haben, herrscht echter Terror; und wo sie agitieren dümpelt falsche Toleranz. Verschärfend hinzu kommt, dass so mancher Mächtige auch im Westen geglaubt hat mit dem Geist in der Flasche zu spielen, ihn für eigene Interessen nutzen zu können – gegen Kommunisten oder für Pipelines -, doch ist dieser Geist schon längst der Flasche entkommen.
Die Parallelen zu 1933 drängen sich auf. Und auch damals handelte es sich um (zunächst) reine Männerbünde, waren von 42.000 NSDAP-Mitgliedern 1933 quasi alle männlich und zu 93% zwischen 27 und 29 Jahren. Auch damals handelte es sich (zunächst) um eine Minderheit, die von gleichgültigen oder sympathisierenden Mehrheit toleriert wurden. Auch damals waren (zunächst) die Juden im Visier – und dann die Frauen. Es gilt wieder SEIN Gesetz. Und nicht zufällig war eine der ersten Maßnahmen sowohl in Hitlers wie auch in Khomeinis Regime das Besuchsverbot für weibliche Juristen. In beiden Fällen treibt diese Männerbünde ein explosives Gemisch aus Nationalismus und Sozialismus, aus Rassismus und Sexismus.
Drei Fragen stellen sich nun seit dem 11. September endlich auch im Westen mit Dringlichkeit:
1.Ist der Geist wieder in die Flasche zurückzutreiben?
2. Wie konnte es überhaupt so weit kommen?
3. Was sind die wahren Ursachen?
Genau diese Fragen bewegen mich seid über 20 Jahren. Genau gesagt: seid dem März 1979. Damals zwei Wochen nach der Vertreibung des Schahs und der Machtergreifung durch Ayatollah Khomeini, folgte ich zusammen mit einem Dutzend Französinnen dem Hilferuf von Iranerinnen nach Teheran. In diesen dramatischen Tagen traf ich nicht einen unter den neuen Machthabern, der nicht unmissverständlich verkündet hätte: die Überlegenheit des Islams und die Verachtung aller “Ungläubigen“ und ihrer “westlichen Werte“; die Etablierung eines “Gottesstaates“ samt Scharia; und den Schleierzwang und die Entmündigung der Frauen, inklusive Steinigung für (angeblichen) Ehebruch oder Homosexualität. Khomeini und seine Anhänger deklarierten dieses Programm unter dem Jubel des Volkes, allen voran der Linken, im Orient wie im Okzident.
Als ich 1979 in EMMA und der ZEIT das im Gottesstaat Iran Gesehene und Gehörte veröffentlichte, handelte ich mir damit eine der härtesten und längsten Diffamationskampagnen meines Lebens ein („Schahfreundin“, „Rassistin“, etc.) Der Vorwurf des “Rassismus“ schien mir besonderes makaber, da die ersten Opfer der Islamisten ja Musliminnen und Muslime selbst waren und sind. Das ignorieren heißt, diese Mehrheit dem Terror einer Minderheit zu überlassen.
Doch all das wurde im Westen über Jahrzehnte ignoriert. Das Drama der entrechteten Frauen im Iran der 80er – ausgeblendet im Namen der “revolutionären Volksbewegung“. Das Leid der von den islamistischen Söldnern in blutigen Bürgerkriege gestürzte Länder, wie Algerien oder Tschetschenien – geleugnet im Namen der “gerechten Sache der Entrechteten“. Die Warnung vor einer Unterwanderung Deutschlands und der internationalen Vernetzung der Islamisten in den 90ern – abgetan als Hirngespinste.
EMMA, in all den Jahren eine der raren Stimmen im deutschsprachigen Raum, die kontinuierlich über die Gefahr des islamischen Fundamentalismus berichteten, bezahlte 1994 dafür mit der einzigen physischen Attacke ihrer Geschichte: Maskierte Frauen stürmten die Redaktionsräume und hinterließen einen Haufen realen Mistes. Dazu Flugblätter, die den “Rassismus von EMMA anklagten und sich auf ein im Juli 1993 veröffentlichtes Dossier über die steigende Macht der Islamisten “mitten in Deutschland“ beriefen. Das Ganze war feministisch signiert, aber trug, laut der erstaunten Polizei, die “Handschrift der PKK“. Ich staunte weniger, denn mir waren die Verwicklungen zwischen “Befreiungsbewegungen“ wie der Kurdischen PKK oder der palästinensischen Hamas einerseits und revolutionsschwärmerische deutsche Linke beider Geschlechter andererseits schon länger klar …
Nach solchen Erfahrungen haben mich auch die Reaktionen beim Friedenspreis des deutschen Buchhandels im Herbst 1995 an die Orientalistin Annemarie Schimmel nicht mehr wirklich überrascht. Da antworteten mir Professoren und Schriftsteller bei meiner Suche nach Verbündeten: Ich bin ganz ihrer Meinung, aber bitte haben sie Verständnis, dass ich nicht unterzeichne – ich habe Angst. So weit war es also schon, dass selbst Nicht-Muslime mitten in Deutschland Angst hatten, die Islamisten öffentlich zu kritisieren. Ein Professor erzählte mir gar von Morddrohungen nach einem kritischen Seminar über die Moslembrüder.
Mit eben diesen ägyptischen Muslimbrüdern, die Ende der 20er Jahre entstanden und heute als ideologischer Ursprung des internationalen islamischen Terrors gelten, sympathisierte die Friedenspreisträgerin Schimmel ganz unverhohlen, ebenso mit dem Gottesstaat Iran. Und nicht zufällig ist im fundamentalistisch unterwanderten Pakistan gleich eine ganze Allee nach der deutschen Professorin benannt, die Annemarie-Schimmel-Allee in Lahore – über die die verschleierten Frauen wohl nur noch in männlicher Begleitung huschen dürfen.
Dennoch: Hätte es den damals von EMMA initiierten Intellektuellen-Protest gegen diesen Preis nicht gegeben – niemand hätte auch nur darüber nachgedacht, wie fragwürdig es ist, ausgerechnet eine Freundin der islamischen Kreuzzüglern und der iranischen Ayatollahs zur Friedensträgerin zu machen – und damit dem Fundi-Trick hereinzufallen, eine Sympathisantin auf den Posten neutral-wissenschaftlichen “Botschafterin“ im strategisch nicht unwichtigen Deutschland hieven zu wollen. Nur Dank des aufklärenden Protestes wurde dieser Friedenspreis wohl schon bei seiner Verleihung auch von den Verleihern selbst als unpassend empfunden – doch bis heute wurde nicht analysiert, wie es eigentlich dazu kommen konnte und wer dahinter steckte. Warum z.B. hat bei der durchaus auch innerhalb der Jury stark umstrittenen Entscheidung ausgerechnet das Jury-Mitglied Prof. Wolfgang Frühwald, ein bekennender christlicher Fundamentalist, eine so entscheidende Rolle gespielt?
Auf der internationalen Ebene probten die christlichen und islamischen Fundamentalisten bereits 1985 den Schulterschluss: erstmals bei der 3. Weltfrauenkonferenz in Nairobi, im Visier die Emanzipation der Frauen. Zehn Jahre später gingen sie dann auf der Weltfrauenkonferenz in Peking in die Offensive. Und auf der Nachfolgekonferenz im Jahre 2000 in New York trat die Vatikan-Iran-Connection unverhüllt als der entschiedenste Gegner der Frauen auf: gegen Verhütung, Abtreibung oder freie Sexualität und für Verschleierung und Klitorisverstümmelung. Auch die Querverbindungen zwischen den jüdischen Ultraorthodoxen und den palästinensischen Fundamentalisten sind seit langem bekannt. Den Palästinenserinnen ist es ergangen wie den Algerierinnen und allen Frauen in den Freiheitsbewegungen der Ex-Kolonien, die sich auf ihre angeblichen “Wurzeln“ berufen, dieses Gebräu aus Nationalismus und Religion. Einst kämpften diese Frauen mit dem Maschinengewehr in der Hand: für Freiheit für alle. Heute sind die Männer an der Macht und die Frauen unsichtbar geworden: Unter Schleier gezwungen von ihren einstigen Weggenossen.
Diese Genossen sind offensichtlich überfordert durch den doppelten Verlust von männlicher Autorität: in der Welt und im Haus. Ihre Intellektuellen und meist im Westen ausgebildeten Anführer wissen nur zu gut über die “Bedrohung“ ihrer patriarchalen Überlegenheit durch die Frauenemanzipation; und die von ihnen verführten arbeitslosen jungen Männer haben endlich wieder eine Perspektive: das Paradies; und einen, der noch unter ihnen ist: die Frauen.
In diesem Buch wird eine klare und vielleicht zu einfache Trennung zwischen Islam und Islamismus, zwischen Religion und Politik macht. Denn es geht hier nicht um Glauben sondern um Macht. Die Frage wie weit sich unter den großen monotheistischen Religionen der Islam besonders zum politischen Missbrauch eignet, wird nicht nachgegangen. Eine fatale Rolle bei der Verschleierung dieser Frage und der Verwischung von Islam und Islamismus hat bisher auch m Westen die dafür zuständige Wissenschaft, die Orientalistik, gespielt. In Deutschland wird dazu noch immer geschwiegen, in Ländern wie den USA oder Frankreich ist die Kritik an den Islamwissenschaften inzwischen lauter geworden. Die Orientalisten werden bezichtigt, den Gegenstand ihrer Forschung idealisiert zu haben und darüber hinaus nur allzu oft abhängig zu sein von den Gnaden islamischer Länder, wenn nicht sogar von ihren Zuwendungen. Die Folge ist nicht nur eine weitgehend unkritische Islamwissenschaft, die vom 11.September wie aus heiterem Himmel getroffen zu sein scheint, sondern auch eine unkritische Berichterstattung der Medien. Die lag nämlich bisher in den Händen von “Experten“, soll heißen: von IslamwissenschaftlerInnen und KonvertitInnen (nicht selten in Personalunion beides) – letztere aber spielen vermutlich nicht selten in Deutschland eine besonders fatale Rolle.
Die meisten deutschen Konvertiten kommen, laut dem Mitbegründer des “Zentralrates der Muslime“ und Konvertit Murad Wilfried Hofmann, “aus den Kreisen der Grünen“. Nachdem eine verunsicherte westliche Linke ihren Glauben an die Revolution und ihre Halbgötter a la Mao oder Che Guevara verloren hat, sucht sie anscheinend ihr Heil in einem neuen Glauben, neuen Göttern und neuen Helden: was einst die Vietcong oder die Revolutionären Garden waren, sind heute die Gotteskrieger.
Warum aber ist die Sympathie für Islamisten gerade in Deutschland so besonders groß? Einige Gründe liegen auf der Hand, über andere muss noch genauer nachgedacht werden. Klar ist das die Deutschen seit der Nazizeit ganz besonders bemüht sind, über dem Verdacht des Rassismus zu stehen und Fremdes Demonstrativ zu tolerieren. Klar ist ebenfalls, dass der Protestantismus ein besonderer Nährboden zu sein scheint für geißelnde Selbstverleugnung und adorierende Fremdenliebe. Aber da sind auch noch andere Motive, die nicht ganz so eindeutig sind. Zum Beispiel das der Überheblichkeit, für die Fremde die “Anderen“ sind, Menschen mit anderen Sitten und einer anderen Kultur, für die uns elementar und unverzichtbar scheinende Werte wie Menschenrechte und Freiheit des Individuums einfach nicht gelten. Oder auch das des Matchotums, bei dem eine klammheimliche Freude aufkommt angesichts der brutal entrechteten Frauen – geht es denn den hiesigen Frauen dagegen nicht noch gold? Unterstützt wird dieses Denken von einem pseudo-feministischen Differenzialismus, der schon immer der Überzeugung war, das Frauen eigentlich “anders“ seien als Männer und es Zeit sei für eine Rückbesinnung auf die “Wahren weiblichen Werte“.
Das war in der ersten Frauenbewegung nicht anders, auch da mussten nur die Radikalen, die Universalistinnen, vor den Nazis ins Exil fliehen – die Differenzialistinnen bzw. Biologistinnen glaubten, zunächst mitmischen zu können bei den Männerbünden. Die allerdings verwiesen selbst die willigsten Komplizinnen rasch auf ihre Plätze. Und wo im Namen einer “Natur der Frau“ argumentiert wird, da ist selbstverständlich die “Natur des Juden“ oder des “Negers“ nicht weit. Sexismus und Rassismus sind zwei Seiten einer Medaille.
Auch heute argumentieren vor allem übereifrige Konvertitinnen auch im Namen der Emanzipation. Ist es denn nicht besser, eine verschleierte Frau zu sein als ein nacktes Objekt: Frauen sind der Besitz der Männer, sie gehören einem (bei Verhüllung) – oder allen (bei Entblößung).
Von Anfang an war das Kopftuch darum das Symbol, die Fahne des Feldzuges der Gotteskrieger. Am Kampf für das Kopftuch sind sie zu erkennen: die Islamisten und ihre, bestenfalls, naiven Freundinnen.
Der deutsche Paradefall dafür ist Fereshta Ludin, die per Gerichtsbeschluss erzwingen will, dass sie ihr “privates Kopftüchlein“ auch in deutschen Schulen tragen kann. Von der “taz“ („Recht auf Toleranz“) und der “Süddeutschen Zeitung“ („nicht reduziert auf ein Stück Stoff“) bis zur “Zeit“ („wie das Kreuzlein an der Kette“) ging ein Aufschrei der Empörung durch das Land, als Ludin ihren von der Gewerkschaft unterstützten Prozess in erster Instanz verlor.
Aber wer ist diese Feresha Ludin, die mit einem deutschen Konvertiten verheiratete Afghanin wirklich? Diese heute 29-jährige, die die Tochter eines Botschafters und einer emanzipierten, unverschleierten Mutter ist, in Saudi-Arabien zur Schule ging und noch 1997 zusammen mit ihrem bärtigen Mann gern gesehener Gast der Taliban war. Mein Kapitel „Der Fall Ludin zeigt, wie in Deutschland mit dem Kopftuch Politik gemacht wird – und wie fast alle dabei mitmachen, auch die Opfer einer solchen Politik.
Dabei hätte spätestens seit 1997, als die “revolutionären Garden“ Khomeinis den Frauen verrutschende Kopftücher alles andere als eine “religiöse Sitte“ (schließlich leben Millionen gläubiger Muslime ohne) oder “Privatsache“, sondern ein Politikum, eben die Flagge des islamischen Kreuzzuges. Und seither tobt auch der “Kampf der Kulturen“ – aber nicht etwa zwischen Christen und Muslimen, sondern unter Muslimen. Denn die nicht fundamentalistische Mehrheit ist ja das Opfer der Fanatiker.
Doch vor allem in Deutschland war jegliche Kritik an den religiösen Eiferern und ihrer Kopftuch-Propaganda jahrzehntelang tabu: Das ging so weit, dass selbst etwas so handfestes wie der Jahresbericht des Verfassungsschutzes (dessen Aufgabe es ja ist, ihm “verfassungsfeindlich“ dünkende Kräfte zu beobachten) als Larifari abgetan wurde. Als der damalige Präsident des Verfassungsschutzes, Peter Frisch (SPD), im Herbst 1996 seinen Jahresbericht vorstellte und den islamischen Fundamentalismus als “Sicherheitsproblem Nr. 1 für Deutschland“ und “größte Gefahr für das 21. Jahrhundert“ benannte – da fragte kein einziger Journalist auch nur nach. Und berichtet wurde darüber schon gar nicht. Die deutschen Journalisten wollten einfach viel lieber über “Neonazis“ reden – dass hier eine ganz andere Art von Nazis im Namen Allahs die Welt verbessern und erobern wollen, übersahen sie beflissentlich. Im besten Falle. Meist trugen die Medien nicht nur zur Ignorierung, sondern auch zur Idealisierung der Islamisten bei. Fragen nach dem, was da eigentlich wirklich in den (in der weltlichen Türkei verbotenen) Koranschulen in Deutschland gelehrt und in den (von den Gottesstaaten finanzierten) Moscheen gepredigt wird, wurden mit dem Hinweis auf die “Religionsfreiheit“ und die “Toleranz“ abgetan. Man war ja auch selbst nicht Opfer. Noch nicht. Über 20 Jahre lang waren in erster Linie die Frauen im Visier – genauer: die Musliminnen. Und die waren weit weg. Und die schienen das ja auch nicht anders zu wollen.
Ja, die Frauen. Mit ihnen fängt es immer an. Sie sind immer die ersten, die von allmachtssüchtigen Männerbünden entrechtet werden. Dann folgen die Juden (wo noch welche sind); sodann die Intellektuellen (von denen so manche bis dahin selber kräftig dazu beigetragen haben); und dann alle und alles, was den neuen Herren so nicht passt. Doch wenn es schon nicht das Mitgefühl für die weibliche Hälfte der Menschheit ist, so sollte es wenigstens die Erkenntnis sein, dass Menschenrechte unteilbar sind und das Los der Frauen schon immer der Gradmesser für Recht und Gerechtigkeit einer Gesellschaft waren. Eine Gesellschaft, in der ein männlicher Mensch den anderen erniedrigen kann, nur weil der weiblich ist – eine solche Gesellschaft ist im Keim eine Unrechtsgesellschaft. Ein Mann der es gewohnt ist, die eigene Mutter, Schwester, Frau zu verachten – der kann auch kein Mitgefühl für seine Nächsten haben und schon gar nicht für Fremde.
Seit dem 11. September 2001 geht ein Schrecken durch die westliche Welt. Ein später Schrecken. Ob dieser Schrecken den Menschen wirklich die Augen geöffnet hat, ist zu bezweifeln. Verdächtig ist, dass bei dem Versuch, Psychologie und Motive der Täter zu begreifen, vieles in Erwägung gezogen wird, nur eines, das Sichtbarste, nicht: der Faktor Männlichkeit. Diese Männlichkeit – und vor allem: die verunsicherte Männlichkeit – ist der Stoff, der aus dem wirren Gebräu überhaupt erst ein explosives macht. Dieser Männlichkeitswahn mit seinem pathologischen Narzismus und Fremdenhass, der zu Beginn des 21. Jahrhunderts leider nicht nur in den orientalischen Gottesstaaten, sondern auch in westlichen Demokratien grassiert, ist der entscheidende Faktor.
In den kommenden Jahren werden die Weichen gestellt werden: pro Menschlichkeit und Aufklärung – oder pro Männlichkeit und Verdunkelung. Dieses Buch will einen Beitrag leisten zur Erhellung.
Alice Schwarzer Januar 2002
- Die Gotteskrieger und die falsche Toleranz, Alice Schwarzer (Hg.), Kiepenheuer & Witsch, 5. Auflage 2004. ISBN 3462031058
"Eine Frau, die unter ihren Stoffbergen dahinstolpert, während ihr Mann lässig in Jeans ausschreitet; oder ein Mädchen, das zwangsverheiratet wird - das ist ein Skandal, egal, zu welchem Kulturkreis man gehört."
- DER SPIEGEL, 15. November 2004
"Frauen und Männer sind Opfer ihrer Rollen – aber Frauen sind noch die Opfer der Opfer."
- „Der kleine Unterschied“, Fischer, 1975, ISBN 3-596-21805-5, Seite 180
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„Die Islamisten meinen es so ernst wie Hitler“
04. Juli 2006 Das Banlieu ist für Alice Schwarzer keine terra incognita. Als die Rassenunruhen in den Pariser Vorstädten vor einigen Monaten auch die deutsche Öffentlichkeit in Aufregung versetzten, kam den Überlegungen der Vordenkerin des deutschen Feminismus über das Syndrom von patriarchalischer Gewalt und pseudorevolutionärer Gesetzlosigkeit besonderes Gewicht zu.
Alice Schwarzer hat von 1964 bis 1966 und noch einmal von 1970 bis 1974 in Frankreich studiert. Ihre listigen und kraftvollen Interventionen in die öffentliche Debatte, die dem Feminismus hierzulande eine Stimme gaben, waren an französischen Vorbildern geschult. Wir haben die Herausgeberin der „Emma“ nach Strategien gegen den Islamismus vor dem Hintergrund der sich verschärfenden demographischen Krise befragt.
Frau Schwarzer, der Hebel zur Modernisierung islamischer Gruppen in Deutschland ist die Emanzipation der Töchter in diesen Gruppen, sagen die einen. Andere meinen, das sei westeuropäischer Eurozentrismus.
Die Lage der Frauen ist für den Grad der Freiheit einer Gesellschaft und Gerechtigkeit für alle immer entscheidend. Der Schlüssel zur Emanzipation muslimischer Gesellschaften ist in der Tat die Stellung der Frauen. Hier müssen wir nicht nur die Töchter berücksichtigen, sondern auch die Mütter, denn die Mütter prägen die Kinder. Der Einwand, dies sei eine eurozentristische Einmischung, ist zynisch. Im Gegenteil: der Kulturrelativismus ist in meinen Augen ein Ausdruck von Verachtung der anderen. Was die Menschenrechte betrifft, gilt für uns alle der gleiche Maßstab.
Könnte es sein, dass manche Kinder oder Mütter sagen, je strenger eure Gesetze im Sinne einer säkularen Gesellschaft sind, desto besser können wir uns darauf berufen?
Wir wissen, dass es so ist. Und ich halte das sogar für unsere Pflicht. Auch wenn Gesetze natürlich nur ein Teil des Paketes sind, das nötig ist zur offensiven Integration, die wir bislang nicht geleistet haben. Wir müssen den Entrechteten und Entmündigten in diesen Communities beistehen. Das sind die Frauen. Das sind die Töchter. Das sind die Söhne. Beispiel Kopftuch: Ich habe gerade Enzensbergers Schreckensmänner gelesen. Er sagt: „Neben dieser ganzen Entrechtung scheint ja diese Kopftuchdebatte eine Art Ablenkungsmanöver zu sein.“ Das sehe ich ganz anders. Das Kopftuch ist die Flagge des Islamismus. Das Kopftuch ist das Zeichen, das die Frauen zu den anderen, zu Menschen zweiter Klasse macht. Als Symbol ist es eine Art „Branding“, vergleichbar mit dem Judenstern. Und real sind Kopftuch und Ganzkörperschleier eine schwere Behinderung und Einschränkung für die Bewegung und die Kommunikation. Ich finde es selbstverständlich, dass wir uns an Ländern wie Frankreich ein Beispiel nehmen und das Kopftuch in der Schule und im Kindergarten untersagen, für Lehrerinnen und Schülerinnen.
Das betrifft den öffentlichen Raum. In die Familien selber kommen wir nicht rein.
Nein, da können wir nur Angebote machen und mit gutem Beispiel vorangehen. Es gibt Vorschläge, ab dem Kindergarten deutschstämmige und türkischstämmige Kinder zu mischen, um sie aus dem Ghetto herauszuholen. Aber auch, um der zunehmenden Dämonisierung der „Ungläubigen“ und des „dekadenten Westens“ entgegenzutreten, die von der Agitation der Islamisten ausgeht. Ganz wichtig sind auch Deutschkurse für die Mütter.
Die Politik geht jetzt in Sachen Integration in die Offensive. Bundesinnenminister Schäuble plant einen „Integrationsrat“, in den selbstverständlich auch muslimische Kräfte einbezogen werden sollen.
Das ist ein wichtiger Schritt, der ja auch in Frankreich mit Erfolg getan wurde. Ich bin nur sehr erstaunt, dass an einem runden Tisch auch Milli Görüs Platz nehmen soll.
Warum sind Sie erstaunt?
Weil es entscheidend sein wird, nicht mehr länger nur das terroristische Milieu ins Visier zu nehmen, sondern auch dessen Umfeld, die ideologischen Aufrüster. Und da ist die von Necmettin Erbakan gegründete, international auch ökonomisch agierende Milli Görüs der Hauptmotor in Deutschland. Diese vom Verfassungsschutz schon lange scharf beobachtete Organisation tritt offensiv für vieles ein, was nicht im Grundgesetz, aber in der Scharia steht: das Kopftuch für Lehrerinnen, ..., ... et cetera. Nicht nur in den Augen der Islamkundlerin und Milli-Görüs-Expertin Prof. Ursula Spuler-Stegemann ist die Organisation „eindeutig antidemokratisch, antichristlich und antisemitisch“ orientiert. Es wäre fatal, wenn der bisher so schiefe „Dialog“ so fortgesetzt würde. Dialog ja. Aber mit den Richtigen.
Meinen Sie, dass wir die Islamisierung unserer westlichen Gesellschaften - planvoll oder sorglos - mit betreiben?
Absolut! Wir waren 25 Jahre lang naiv und ignorant - oder sogar Sympathisant. Und die wenigen, die begriffen haben, haben sich einschüchtern lassen. Sie hatten Angst, als „Rassisten“ denunziert zu werden - wie es ja auch mir passiert ist. Und das in erster Linie auf Kosten der Menschen im islamischen Kulturkreis. Aber es ist eine weltweite Offensive. Das Geld kommt aus Saudi-Arabien, die Ideologie aus Iran. In Afghanistan ging das Anfang der neunziger Jahre los. In Algerien hat es in den neunziger Jahren über hunderttausend Tote gegeben, einen blutigen Bürgerkrieg, der von Islamisten angezettelt wurde und der Westen hat weggeguckt. Amerika hat in den achtziger und neunziger Jahren gezielt islamistische Kräfte gefördert, um den sogenannten grünen Gürtel um die Sowjetunion zu legen. Der Kampf der Taliban gegen die Sowjetunion - den haben die Amerikaner unterstützt. Der Geist ist nun aus der Flasche.
Wie kann eine liberale, emanzipatorische Gesellschaft einer solchen Bedrohung widerstehen?
Durch einen unerschütterlichen Glauben an die Universalität der Menschenrechte! Doch es gibt ein besonderes deutsches Problem: dieses deutsche Minderwertigkeitsgefühl, das leicht in Größenwahn umschlagen kann. Diese Fremdenliebe, die Verherrlichung des Fremden ist ein Resultat dieser mangelnden Selbstachtung. Die Fremdenliebe ist natürlich nur die andere Seite der Medaille Fremdenverachtung. Da spielt in Deutschland der Protestantismus eine fatale Rolle und das schlechte Gewissen wegen der Nazizeit. Zu dieser deutschen Fremdenliebe hat sich in den achtziger Jahren in der Linken die Sehnsucht nach neuen Göttern gesellt. Die Idole hatten abgewirtschaftet: Stalin, Mao, Che Guevara waren Enttäuschungen. Doch gerade auch die deutsche Linke war von Gläubigkeit durchdrungen. Diese Töchter und Söhne ihrer Eltern sehnten sich nach neuen Göttern. Als Chomeini 1979 die Macht ergriff, sympathisierten weite Teile der westlichen Linken spontan mit diesem neuen „Volksaufstand“, diesen neuen „Helden“.
Sie waren 1979 in Teheran.
Zwei Wochen nach der Machtergreifung.
Warum?
Der Grund war ein Hilferuf von Frauen in Teheran an französische Intellektuelle. Dieser Hilferuf kam von Leuten, die selber gegen den Schah gekämpft und auf Chomeini gesetzt haben. Die glaubten, es ist gut, wenn die Perser im Zuge einer nationalen Selbstbesinnung „zu unseren Wurzeln“ zurückkehren - was immer das sein mag.
Und schon in diesen zwei Wochen hat sich herausgestellt, dass da irgendetwas nicht stimmt?
Ja, für die Frauen sofort! Sofort ging die Entrechtung los. Als wir ankamen, wir Schriftstellerinnen und Journalistinnen, war nicht klar, ob wir reingelassen werden. Die Stimmung auf den Straßen war noch euphorisch. Überall bärtige junge Männer mit Kalaschnikows, in denen Blumen steckten, und die uns freundlich begegneten. Wir haben in diesen Tagen alle Autoritäten gesehen, auch Chomeini. Zu dem sind allerdings nur drei Frauen aus unserer Gruppe gegangen, weil wir ein Kopftuch tragen sollten. Ich bin nicht mitgegangen, denn der Zwang zum Kopftuch war bereits zum Symbol der Entrechtung der Frauen geworden. Ich erinnere mich noch gut an eine ägyptische Filmemacherin in unserer Gruppe, die bat: „Ich flehe euch an, tut es nicht. Verratet uns nicht!“ Drei gingen dennoch zu Chomeini . . . Wir haben mit allen neuen Machthabern gesprochen, Frauen wie Männern, und sie haben uns offen gesagt, was sie vorhaben. Ich erinnere mich an die Tochter von Talegani. Sie hatte über Sartre promoviert, und sie erläuterte uns glühend das neue Recht: Steinigung der Frauen bei Ehebruch. Steinigung bei Homosexualität. Das steht so in der Scharia. Das Wort einer Frau gilt vor Gericht von nun an nur noch halb soviel wie das eines Mannes.
War Ihnen damals klar, was das für ein Vorgang ist? Dass damit eine Reislamisierung der Welt begann?
Mir war klar, dass die es ernst meinen. Ganz wie Hitler 1933. Auch bei ihm konnte man ja schon alles in „Mein Kampf“ lesen. Aber mir war in der Tat nicht klar, dass das der Beginn eines weltweiten Kreuzzuges war, unter Führung von Intellektuellen übrigens. Wir wissen ja schon lange, dass die führenden islamistischen Aktivisten Intellektuelle sind.
Selbst, wenn man dem Feminismus skeptisch gegenübersteht, könnte man argumentieren, er ist jetzt die einzige Waffe, um diese Bedrohung aufzubrechen.
Nicht ungestraft entrechtet man die Hälfte der Menschheit und lebt im engsten Familienzirkel die Tyrannei. Wie soll daraus Demokratie wachsen?
Wen weckt jemand wie Necla Kelek auf? Uns oder die türkischen Frauen?
Beide. Kelek versucht, die Deutschen in ihrer Ignoranz aufzurütteln - und ihren türkischen Schwestern Mut zu machen. Der Versuch, Necla Kelek als „zu radikal“ oder gar als „Verräterin“ zu isolieren, den finde ich aufschlussreich. Der erinnert mich an Reaktionen auf mich früher. Frauen wie Necla Kelek oder Ayaan Hirsi Ali wagen es, nicht nur die Omerta zu brechen, das Tabu des Schweigens, und den Islamismus zu kritisieren, sondern auch den Islam.
Durch den Islamismus bekommt die Frage der Emanzipation eine ganz andere Bedeutung. Unsere Gesellschaft wird eine sein, in der in den Großstädten die Mehrheit der Familiengenerationen aus Migrantenmilieus kommen.
Es heißt, dass 2010 jeder zweite Mensch in einer deutschen Großstadt einen Migrantenhintergrund haben wird.
Das heißt, die Einheimischen sind eine Minderheit unter Minderheiten. Schaffen wir es noch, prägende Kraft auszuüben?
Wir müssen es schaffen! Dabei läuft die Linie nicht unbedingt zwischen Deutschen und Migranten, sondern zwischen Rückschrittlichen und Fortschrittlichen. Zunächst waren die Islamisten auch innerhalb der türkischen Community nur ein kleiner Kern. Sie haben die mangelnde Bildung der Wirtschaftsmigranten und die vernachlässigte Integration genutzt, zu agitieren. Sie sind hier in die Viertel gegangen, in die Jugendarbeit, in die Sozialarbeit. Wir waren nirgendwo.
Seit 1992 haben wir das Mittelalter nach Deutschland importiert.
Seit Mitte der Achtziger schon! Seither gilt Deutschland Experten als europäische „Drehscheibe des islamischen Terrorismus“. Die islamistischen Terroristen aller Länder haben bei uns Asyl erhalten. Heute sympathisieren junge Muslime zunehmend mit dem Fundamentalismus, das hebt ihr angeknackstes Selbstwertgefühl. Aber gleichzeitig gibt es eben auch die anderen. Die Mehrheit ist weiterhin erreichbar.
Ich glaube, wir haben nur noch drei Jahre Zeit, weil die, die auf der Rütli-Schule sind, dann auf dem Arbeitsmarkt sind.
Hinzu kommen die Rußlanddeutschen. Das sind keine Muslime, aber: das ist exakt derselbe Männlichkeitswahn. Sie kommen aus Exmilitärdiktaturen, aus Machokulturen. Aber sie haben deutsche Pässe, sie tauchen in keiner Ausländerstatistik auf. In ihren Familien ist die Gewalt gegen Frauen und Kinder ebenfalls signifikant höher als in deutschen Familien.
Das ist klar. Bei den Rußlanddeutschen gibt es die größte Kriminalitätsrate.
Und auch in dem Milieu haben wir Tendenzen des religiösen Fundamentalismus, in dem Fall des christlichen.
Wird die Entwicklung nicht dazu führen, dass wir irgendwann Gesellschaften mit einem starken muslimischen Kern haben?
Das kann so kommen, muss aber nicht. In den sechziger und siebziger Jahren waren die Türken in Deutschland integrierter als heute. Ich habe gerade gelesen, dass die dritte Generation schlechter Deutsch spricht als die zweite. Das liegt daran, dass diese Community völlig schutzlos über ein Vierteljahrhundert dieser faschistoiden Agitation ausgeliefert war. Vor zehn Jahren ist in Bonn die saudiarabische Fahad-Akademie eingeweiht worden. Sie ist nun seit kurzem im Gespräch. Überraschung: Das soll eine dunkle Quelle islamistischer Agitation sein. Aber: das alles stand schon 1995 in „Emma“. Man hätte es also von Anfang an wissen können - wenn man gewollt hätte.
Die zwei Dinge, die wir nicht gesehen haben, sind die demographische Entwicklung und die Zuwanderung.
Wenn wir das jetzt als politische Bewegung erkennen und denen mit allen Mitteln begegnen - und dieses ignorante Gerede von anderen Sitten, anderem Glauben, anderen Kulturen lassen -, dann ist die muslimische Mehrheit noch immer erreichbar. Es gibt in den als „islamistisch“ eingestuften Organisationen in Deutschland laut Verfassungsschutz 25 320 Aktivisten. Die muss man mindestens mit sechs multiplizieren, denn das sind ja Familienchefs und Söhne, die das Sagen haben.
Und dann kommen noch die Beziehungen ins Ausland dazu.
So ist es. Aber wir rechnen einfach mal sechs. Das sind rund 150 000 Islamisten - bei über drei Millionen Muslimen.
Ist es nicht so, dass wir ein immer stärkeres Ungleichgewicht bekommen, weil sich bestimmte Mittelklasseschichten im Laufe der letzten Jahrzehnte nicht genügend reproduziert haben, und dass die anderen immer mehr zunehmen?
Familie ist wichtig. Aber überschätzen Sie nicht den Stellenwert der Familie. Ein Kind ist sehr vielen Einflüssen ausgesetzt. Immer wichtiger wird das Fernsehen, das verdummt und brutalisiert - und das von Jungen in muslimischen Familien vielfach höher konsumiert wird als von Mädchen oder Deutschen. Der eklatanteste Denkfehler von Philip Longman, dem amerikanischen Propagandisten des Patriarchats, ist übrigens auch, dass er glaubt, das Patriarchat wird triumphieren, weil patriarchale Familien die meisten Kinder kriegen und die dann wie ihre Väter und Mütter werden. Dabei wissen wir nur zu gut, dass das keineswegs immer so funktioniert.
Fehlt in unserer Wertediskussion nicht die Überlegung: Wie schaffen wir es, unsere eigene Gesellschaft zu erhalten, auch quantitativ?
Ich würde eher von den durch unsere Gesellschaft errungenen Werten reden: Aufklärung, Gleichberechtigung, Demokratie. Mit der Vermittlung dieser Werte müssen wir früh anfangen. Auch dazu brauchen wir Ganztagskindergärten und Ganztagsschulen. Ich glaube, dass auch die christlichen Institutionen in unserem Lande sehr gut beraten wären, ihre Privilegien bis zu einem gewissen Punkt aufzugeben - und für eine klare Trennung zwischen Staat und Religion einzutreten.
Kelek schreibt jetzt ein Buch, das hat vielleicht eine Auflage von siebzigtausend. Was wäre der nächste Schritt, um diese Milieus besser zu erreichen?
In Frankreich geht eine Minderheit von mutigen Frauen seit einigen Jahren in den Vorstädten in die Offensive und artikuliert sich. Hier sind es bisher nur einzelne. Noch. Es gibt Basisarbeit, Mädchenhäuser, Frauentreffs, die müssen gefördert werden. Gleichzeitig muss man auf der Ebene der Männer wirken, die in patriarchalen Kulturen das Gesetz machen. Wir dürfen nie vergessen: Musliminnen und Muslime sind die ersten Opfer der Islamisten. Dann kommen die Juden. Der Rest steht in der dritten Reihe.
Wir im F.A.Z.-Feuilleton haben gegen den Irak-Krieg geschrieben. Wenn ich mir nun die Situation in Afghanistan anschaue, sehe ich, dass es auch dort nicht besser, sondern eher schlechter wird. Aber für die Frauen ist die Intervention, soweit man es hört, gut gewesen.
Das höre ich anders. Die Talibane sind wieder im Vormarsch - und Frauen verhüllen sich weiterhin aus Angst. Und im Irak hat es vor dem Krieg mehr Studentinnen als Studenten gegeben. Ich bin auch gegen den Irak-Krieg gewesen, weil mir völlig klar war, dass der Irak - bei allen Problemen mit dem Tyrannen Saddam Hussein - eine weltliche Bastion gegen diese ganzen Gottesstaaten war. Man kann Saddam Hussein viel vorwerfen, nur, fundamentalistisch war er nie. Nun ist Irak zum Tummelplatz der Islamisten geworden. Ganz davon abgesehen, dass man davon ausgehen muss, dass es der Mehrheit der Menschen im Irak heute bedeutend schlechter geht als unter Saddam Hussein. Ich bin mir ganz sicher, dass auch der Irak nun ein fundamentalistischer Staat wird.
Jemen hatte im Jahr 1952 drei Millionen Einwohner, jetzt sind es etwa zwanzig Millionen, und irgendwann werden es siebzig Millionen sein. Und achtzig Prozent werden unter achtzehn sein.
Auch das ist eine Frage des Grades der Gleichberechtigung der Frauen. Je emanzipierter die Frauen sind, desto weniger kriegen sie ungewollte Kinder. Der Faktor Emanzipation verändert die demographische Entwicklung.
Meine Generation ist großgeworden mit einer Aversion gegen Quotenregelungen.
Ist Ihnen eigentlich klar, dass die Quote nicht vom Feminismus kommt?
Nein.
„Emma“ war zunächst gegen die Quote. Die Quote kommt von den Parteifrauen. Die kamen und kommen ohne diese Krücke in ihren Männerparteien nicht voran. Meine Bedenken gegen die Quote sind, dass damit Frauen von Männergnaden gefördert werden - und das sind nicht immer die besten. Andererseits: Auch Kanzlerin Merkel war Anfang der Neunziger noch eine Quotenfrau!
Wie ist denn Ihr Gefühl über Deutschland im Jahre 2006?
Deutschland hat die Wiedervereinigung noch nicht überwunden. Ökonomisch haben wir die Probleme, die die ganze Welt hat. Das ganze System wird sich rütteln, bis irgendwann alle auf dem gleichen Level sind - und da ist doch klar, dass das für den privilegierten Westen Abstieg bedeutet.
Kein alarmierendes Gefühl?
Nicht unbedingt. Denn wir Frauen sind an einem entscheidenden Punkt. Die Töchter und Enkelinnen der Emanzipation greifen jetzt zur Hälfte der Welt. Das führt zu neuen Verteilungskämpfen. Das heißt für die Männer: Privilegien abgeben. Es war die Frauenbewegung, die Anfang der siebziger Jahre zum ersten Mal über Kinderarbeit und Hausarbeit gesprochen hat.
Es gibt eine Studie über vierzig Jahre, bei der Frauen des Jahrgangs 1920 bis Mitte der siebziger Jahre begleitet wurden. Die klügsten, kreativsten Frauen hatten die meisten Kinder. Die heutige Frauengeneration hat andere Möglichkeiten, weshalb die klügsten, kreativsten Frauen die wenigsten Kinder bekommen.
Aber auch die werden wieder Kinder bekommen, sobald die Mutterschaft nicht mehr mit einem Berufsverbot verknüpft ist. Siehe die Geburtszahlen in Schweden oder Frankreich, da hat ja sogar die potentielle Präsidentschaftskandidatin Selogene Royal vier Kinder! Die große Gefahr für Frauen ist auch, dass sie immer das Angebot haben, sich ins Privatleben zu flüchten. Ich sage bewusst flüchten. Man kann auch sagen: Ich möchte ein Kind, und wie manage ich das. Ich habe in einer Bielefelder Studie gelesen, dass 96 Prozent der Mütter, die in Elternzeit waren, nicht vorher mit den werdenden Vätern darüber geredet haben, wie man das organisiert.
Es gibt vom Max-Planck-Institut eine Studie über das Reproduktionsverhalten bei Männern. Neunundneunzig Prozent der jungen Männer zwischen zwanzig und dreißig wollen Kinder. Waren sie in einer festen Beziehung, änderte sich das sofort. Wurde es konkret, wollten sie plötzlich keine Kinder mehr.
Je konkreter es wird, umso genauer begreifen diese jungen Männer, was Vatersein bedeutet. Früher war man Sonntagsvater. Das geht so nicht mehr.
Das wird sich im nächsten Jahrzehnt mit der Berufstätigkeit der Frauen zuspitzen. Qualifizierte Frauen werden dringend gebraucht.
Ob sie gebraucht werden oder nicht: Frauen wollen berufstätig sein! 95 Prozent aller jungen Frauen können sich keine Zukunft ohne Beruf vorstellen. Seit Anfang der siebziger Jahre, seit dem Beginn der neuen Frauenbewegung, sind die Frauen nicht aufzuhalten. Die einzige Lösung ist, auf der einen Seite die Emanzipation der Frauen konstruktiv zu unterstützen und auf der anderen Seite dem Männlichkeitswahn den Kampf anzusagen. Bei Gesellschaften, die sich entwertet fühlen und die dann auf die Entwertung mit Größenwahn reagieren, wie die muslimischen beziehungsweise arabischen Gesellschaften, drückt sich das ja immer so aus, dass die Männer in den Männlichkeitswahn flüchten. Was auch die Männer einengt. Stolz und Ehre. Wir kennen das auch. Dieser Männlichkeitswahn ist der dunkle Kern des Problems. Der Männlichkeitswahn ist eine tickende Bombe. Höchste Zeit, sie zu entschärfen.
Das Gespräch führte Frank Schirrmacher.
Die in diesem Interview mit „...“ gekennzeichneten Aussagen von Frau Schwarzer mussten auf Grund einer einstweiligen Verfügung des Landgerichts München I nachträglich aus dem Beitrag entfernt werden.
Text: F.A.Z. vom 4.7.2006
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Hannah Arendt
- eine politische Philosophin über Totalitarismus, Antisemitismus und die faschistische Internationale, mehr…
Hannah Arendt war eine eigenwillige und originelle Denkerin. Sie band sich an keine philosophische Richtung, an keine Religion und an keine Ideologie.
„ Wo von geistigen Lagern die Rede ist, herrscht meist der Ungeist“ sagte die Tochter aufgeklärter Königsberger Juden.
Hannah Arendt wurde 1906 in Hannover geboren. Nach ihrem Schulabschluss studierte sie Philosophie und promovierte 1929 an der Universität Heidelberg. Sie war jüdischer Abstammung und verließ Deutschland 1933 aufgrund der Judenverfolgung im Dritten Reich. Arendt ging zunächst nach Paris und emigrierte sieben Jahre später in die USA. Dort nahm sie 1951 die amerikanische Staatsbürgerschaft an. In New York war sie als Lektorin tätig und zeigte großes Engagement für verschiedene jüdische Organisationen. Doch besonderes Interesse zeigte sie für die Erforschung des Totalitarismus. Im Jahre 1951 veröffentlichte Arendt ihr erstes Buch: "The Origins of Totalitarism". In diesem Buch stellte sie verschiedene totalitäre Machtsysteme, wie den Nationalismus und Bolschewismus den aus der Antike stammenden totalitären Machtsysteme gegenüber. Das Werk wurde ein Riesenerfolg und Hannah Arendt erlangte einen internationalen Bekanntheitsgrad als Politologin und Schriftstellerin. Ab 1953 erhielt sie Lehraufträge an verschiedenen, renommierten Universitäten wie der Princeton University und der University of Chicago. Seit 1967 arbeitete sie als Professorin für Politik und Philosophie an der New York School for Social Research in New York. Dieser Tätigkeit ging Hannah Arendt bis zu ihrem Tod am 4. Dezember 1975 nach. Heutzutage wird sie auch als Philosophin des 20. Jahrhundert bezeichnet.
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Totalitarismus
Der Totalitarismus ist eine politische Herrschaftsform. Sie wird mit diktatorischen Methoden vollzogen und es ist keine Gewaltenteilung vorhanden. Die Bürger werden gewaltsam unterdrückt und haben keinerlei demokratische Rechte. Der Begriff Totalitarismus kommt von „Totalitär“, welches von dem französischen Wort „total“ kommt, das Herrschaft bedeutet. Er wurde in den 20er Jahren geprägt und von dem italienischen Diktator Benito Mussolini begründet. Der Unterschied von Totalitarismus zu anderen Herrschaftsformen besteht darin, dass es keine erkennbare Grenze zwischen öffentlichen und privaten Bereich gibt, weil alles den staatlichen Bedürfnissen, Erfordernissen und Anordnungen subsumiert und jegliche Kritik und Freiheitsrechte des Individuums, nötigenfalls gewaltsam, unterdrückt werden. Zu den totalitären Staaten zählen: Das faschistische Italien, das nationalsozialistische Deutschland und die stalinistische Sowjetunion.
Hannah Arendt führte eine Analyse der totalen Herrschaft, des Imperialismus und des Antisemitismus durch. Doch trotz aller Kritik am Zionismus, hörte sie nie auf den Staat Israel zu verteidigen.
Sie beschreibt in ihrem Buch „Elemente und Ursprünge totalitärer Herrschaft“, dass der Totalitarismus eine neuartige Staatsform in der Geschichte darstellt. Ihre Hauptthese sagte aus, dass das totalitäre Regime nicht nur nach Macht und Herrschaft strebe, sondern den Raum des politischen selbst zerstört. Die Fähigkeit des Menschen zu gemeinsamen Handeln ist hierdurch aufgehoben.
Diese werden zu verfügbaren Körpern. Sie unterstrich dass das totalitäre Herrschen nicht nur Strafen und Bewachen, sondern auch Töten und inhaftieren will. Durch ihren exotischen Schreibstil, der eine Mischung aus Gedichtsschreibung, Philosophie, Journalismus und sogar Literaturbetrachtung war, frustrierte ihre Zeitgenossen und erreichte somit, dass ihre Thesen die ganze Zeit, seit ihrer Entstehung, überdauerten. Außerdem geht sie in ihrem Buch auf die Bewegung mit den Konzentrationslagern der Nationalsozialisten
ein und zwar nicht nur in den KZ’s, sondern auch auf die Auswirkungen der KZ’s nach Außen. In einem totalitären Staat, so Arendt, sei niemand vor der Zerstörung des Privaten und des Politischen sowie dem stetig fortschreitenden Massenmord sicher, da jedes noch so private Gespräch, jede noch so private Beziehung durch Angst vor Denunzierung geprägt wird. Dadurch ist die Spontaneität des privaten zwischenmenschlichen Bereichs vernichtet. Umso gefährlicher sind öffentlich geäußerte Meinungen oder politische Handlungen. Sie fügt hinzu, dass die totalitäre Herrschaft ihre Intensität durch den immer zu fortschreitenden Massenmord erhält. Daher ist der eigentliche Wortsinn der totalitären Herrschaft: terroristische Herrschaft.
Ouellen - www.wikipedia.de
- encarta
- Die Zeit Nr. 42 12.Oktober 2006
- http://achimwagenknecht.de/Arendt/a216totalitarismus.htm
Referat von Marie Bowi und Antonia Schulte
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Antisemitismus und faschistische Internationale, aus einem Brief des Jahres 1945 von Hannah Arendt
(…) Tatsächlich ist der Antisemitismus eine der gefährlichsten politischen Bewegungen unserer Zeit. Der Kampf gegen ihn ist eine der lebenswichtigen Aufgaben der Demokratien, und wenn er überlebt, dann ist dies eines der bedeutsamsten Anzeichen für zukünftige Bedrohungen. Um ihn richtig beurteilen zu können, sollte man sich ins Gedächtnis zurückrufen, dass sich in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts die ersten antisemitischen Parteien – im Unterschied zur Praxis aller anderen rechten Partein – auf internationaler Ebene zusammengeschlossen haben. Mit anderen Worten, der moderne Antisemitismus war nie bloß eine Angelegenheit des extremen Nationalismus: von Anfang an wurde er als Internationale betrieben. Das Lehrbuch dieser Internationale waren nach dem letzten Krieg „ die Protokolle der Weisen von Zion“, ein Text, der in jedem Land verbreitet und gelesen wurde, egal ob es dort viele, wenige oder überhaupt keine Juden gab. So ließ,um ein kaum zur Kenntnis genommenes Beispiel zu erwähnen, Franco die Protokolle während des spanischen Bürgerkrieges übersetzen, obgleich Spanien an Mangel an Juden kein jüdisches Problem für sich reklamieren konnte.
Die wiederholten Nachweise, dass es sich bei den Protokollen um eine Fälschung handelt, wie auch die unermüdlichen Enthüllungen ihrer wirklichen Entstehung, sind ziemlich irrelevant. Es ist von weitaus größerem Nutzen und von größerer Wichtigkeit, dass man nicht das erklärt, was an den Protokollen offenkundig, sondern was an ihnen mysteriös ist: vor allem, weshalb sie trotz der offenkundigen Tatsache, dass es sich bei ihnen um eine Fälschung handelt, andauernd geglaubt werden. Hier, und nur hier allein liegt der Schlüssel zu der Frage, die allem Anschein nach niemand mehr stellt, warum die Juden der Funke waren, an dem sich der Nazismus entzündete und warum der Antisemitismus der Kristallisationspunkt der faschistischen Bewegungen auf der ganzen Welt war. Dass die Protokolle selbst in Ländern Bedeutung gewannen, in denen von einem richtigen jüdischen Problem gar keine Rede sein konnte, beweist, wie recht Alexander Stein mit seiner wissenschaftlichen Abhandlung über Adolf Hitler: Schüler der Weisen von Zion hatte, einer Veröffentlichung, die in den dreißiger Jahren nicht auf das geringste Echo stieß. Er weist darin nach, dass die Organisation der angeblichen „ Weisen von Zion“ ein Modell war, dem die faschistische Organisation nacheiferte, und dass die Protokolle all die Grundsätze enthielten, die sich der Faschismus aneignete, um die Macht zu erringen. Das Geheimnis für den Erfolg dieser Fälschung war also nicht in erster Linie der Judenhass, sondern viel eher die grenzenlose Bewunderung, die der Gerissenheit einer vorgeblich jüdischen Technik, sich weltweit zu organisieren galt.
Lässt man mal den billigen Machiavellismus der Protokolle einmal außer acht, dann besteht ihr wesentlicher Grundzug, politisch gesprochen darin, das sie prinzipiell antinational sind; dass sie zeigen, wie die Nation und der Nationalstaat unterwandert werden können; dass sie sich nicht mit der Eroberung eines bestimmten Landes zufrieden geben, sondern auf die Eroberung der Weltherrschaft abzielen; und schließlich, dass die darin beschriebene internationale Weltverschwörung eine ethnische und rassistische Grundlage hat, die es Menschen ohne Staat oder Territorium ermöglicht, die ganze Welt mit den Mitteln und Methoden einer Geheimgesellschaft zu beherrschen.
Um zu glauben dass die Juden tatsächlich eine derart raffinierte Einrichtung benutzen (es gibt viele Menschen, die immer noch an die eigentliche Wahrheit der Protokolle glauben, selbst wenn sie eingestehen, dass es sich um eine Fälschung handelt), braucht man über sie nicht mehr zu wissen, oder sollte man über Juden nicht mehr wissen als das sie es, zerstreut in alle Himmelsrichtungen, fertig gebacht haben, sich zweitausend Jahre hindurch ohne Staat und ohne Territorium als ethnisches Ganzes zu erhalten; das sie in dieser ganzen Zeit durch persönliche Einflussnahme eine alles andere als unbedeutende Rolle in den Regierungen der Nationalstaaten gespielt haben und das sie international durch Geschäftsbeziehungen, Familienbande und philanthropische Verbindungen miteinander verknüpft sind. Völkern, die an Politik gewöhnt sind, fällt es schwer zu verstehen, dass so große politische Machtchancen tatsächlich nie ausgenutzt worden sein sollten, nicht einmal ansatzweise mit der Absicht, sich zu verteidigen (wie schwer es fällt, dies zu verstehen, kann jeder Jude begreifen, wenn er Benjamin Disraeli aufmerksam liest. Disraeli war einer der ersten kultivierten Europäer, der an eine Art jüdischer Geheimgesellschaft in der Weltpolitik glaubte – und auch noch stolz darauf war).
Diese paar Tatsachen, die auch diejenigen kennen, die nie wirklich einen Juden zu Gesicht bekommen haben, reichen aus, um dem Bild, das von den Protokollen gezeichnet wird, beträchtliche Plausibilität zu verleihen; jedenfalls soviel, dass es darüber hinaus zur Nachahmung reizt, zum Imaginären Wettkampf um die Weltherrschaft – ausgerechnet mit den Juden. (…)
Hannah Arendt, Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. Zürich Piper 1986
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Bassam Tibi
"Verfassungspatriotismus als Leitkultur"
(1.Bassam Tibi, Leitkultur als Wertekonsens, in Politik u. Zeitgeschichte B1-2 / 2001)
" Gegen die Kulturrelativsten argumentiere ich, dass es durchaus allgemeingültige Maßstäbe gibt, mit deren Hilfe Unterschiede erkannt und bewertet werden können."
(2. Bassam Tibi, Eol, S.149)
" Multikulturelle und kulturrelativistische Toleranz ist eine Form der Aufgabe der eigenen Werte, das heißt der Selbstaufgabe und in diesem Fall Aufgabe von Aufklärung und Freiheit."
3. Bassam Tibi, ( Eol, S.38)
" Die Bedeutung von Aufklärung und Freiheit für den Einzelnen wie für die gesamte Menschheit auf die einfache Formel von Selbstaufgabe und Aufgabe von Werten herunterzubrechen, mit dieser ahistorischen Reaktion ereilt Tibi zu Recht der Vorwurf einer unkritischen Islamkritik. Das Aufklärung immer nur Aufklärung über etwas sein kann und Freiheit immer nur Freiheit von etwas, ihre Begriffe also nicht reiner Selbstzweck sind, sondern nur dann als solche kritische über sich hinausweisende Begriffe bleiben, wenn sie negativ bestimmt in Relation gesetzt werden, ist ein e der Grundbedingungen kritischen Denkens, (...) von der sich Tibi mit seiner Kritik am Islam wegbewegt hat."
(Kommentar von Sören Punjer - Autor von : (" Das Bedürfnis nach Werten-Bassam Tibis Leitkulturidee und die deutsche Debatte.") > in : ("Wo Multikultis das Land regieren, Bahamas, April 2005 " Berlin)
Friede, Freude, Eierkuchen
Der Göttinger Politikwissenschaftler Bassam Tibi über die Islamkonferenz, den religiösen Dogmatismus der Muslime und die deutsche Neigung zur Selbstaufgabe im Spiegel 40/06.
Hier einige Auszüge:
Spiegel: Die Intendantin der Deutschen Oper in Berlin hat die Mozart- Oper "Idomeneo" aus Furcht vor islamistischen Reaktionen vom Spielplan genommen. Ist das ein erstes Zeichen, dass sich Deutschland dem Islam unterwirft?
Tibi: Nicht ein erstes Zeichen, ein wiederholtes Zeichen. Denn solche Unterwerfung hat es in der letzten Zeit immer wieder gegeben, zuletzt bei der Entschuldigung des Papstes. Beim Thema Islam gibt es in Deutschland keine Pressefreiheit, keine Denkfreiheit. Organisierte Truppen in der Islamgemeinde wollen bestimmen, was hier gesagt werden darf, was hier gemacht werden darf. Ich selbst bin mehrmals von Veranstaltungen ausgeladen worden, weil es Drohungen gab.
Spiegel: Sie wollen behaupten, dass in Deutschland Islamkritiker systematisch mundtot gemacht werden?
Tibi: Ja. Selbst die verhältnismäßig moderate türkische Organisation DITIP sagt, es gebe keinen Islamismus, es gebe nur Islam und Muslime - alles andere sei Rassismus. Dann können sie Religionskritik nicht mehr leisten. Der Rassismusvorwurf ist eine in Deutschland sehr wirksame Waffe. Das wissen die Islamisten: Wenn sie den Vorwurf erheben, jemand schüre "das Feindbild Islam", macht die europäische Seite einen Rückzieher. Mich hat man auch mit diesem Dreck beworfen, dabei kann meine Familie ihre Genealogie zurückverfolgen bis Mohammed, und ich kann den Koran auswendig.
Spiegel: Sie haben mehrfach davon gesprochen, der Konflikt zwischen der westlichen Welt und islamischen Gruppierungen hier sei ein "weltanschaulicher Krieg".
Tibi: Nach dem Ende des bipolaren Konflikts berufen sich die Menschen auf ihre Kultur und machen damit Politik. In Deutschland versuchen Vertreter der Islamgemeinde, hier geborene Kinder und die gesamte islamische Gemeinschaft zu hijacken, um zu verhindern, dass sie unter Einfluss der Aufnahmegesellschaft geraten(....).
Spiegel: Viele in Deutschland haben die Vorstellung eines friedlichen Zusammenlebens, ohne Parallelgesellschaften. Ist es deshalb richtig, sich kompromissbereit zu zeigen, den Zorn der Muslime nicht unnötig herauszufordern?
Tibi: Im Gegenteil. Die Islamfunktionäre hier sind sehr intelligent, sie werten das als Schwäche. Die Muslime stehen absolut zu ihrer Religion, das ist ein religiöser Absolutismus. Und die Europäer stehen nicht mehr zu den Werten ihrer Zivilisation. Sie verwechseln Toleranz mit Relativismus.
Spiegel: Wenn euch etwas beleidigt, dann lassen wir das lieber - dieser Standpunkt entschärft den Konflikt nicht?
Tibi: Nein, das ist Selbstaufgabe. Und je schwächer die Muslime den Partner einschätzen, desto größer ist der Ärger, der von ihnen ausgeht (....).
Spiegel: Kann die von Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble initiierte Islamkonferenz in diesem grundsätzlichen Konflikt helfen?
Tibi: Nein, weil das oberste Tabu ist, dass es einen solchen Konflikt überhaupt gibt. Der wird verleugnet. Stattdessen redet man von Missverständnissen und, dass man die beheben wird. Aber ein Wertekonflikt ist kein Missverständnis. Islamische Orthodoxie und Grundgesetz, das geht nicht. Und deshalb ist die Islamkonferenz schon jetzt gescheitert.
Spiegel: Also was dann?
Tibi: Die Muslime müssen sich von drei Dingen trennen, wenn sie Europäer werden wollen, und zwei Dinge neu definieren. Sie müssen Abschied nehmen von der Pflicht, andere zu missionieren, und vom Dschihad. Denn das bedeutet nicht nur Pflicht zur Selbstanstrengung - Dschihad heißt auch Einsatz von Gewalt zur Verbreitung des Islam. Und die Dritte Sache ist die Scharia, das islamische Rechtssystem, das unvereinbar ist mit dem Grundgesetz.
Spiegel: Und was müsste umdefiniert werden?
Tibi: Pluralismus und Toleranz sind Bestandteil der Moderne. Damit muss man sich arrangieren. Aber Pluralismus heißt nicht nur Vielfalt, sondern dass wir dieselben Regeln und Werte teilen, aber dennoch anders sind - auf dieser Basis. Im Islam gibt es das nicht. Genauso wenig wie Toleranz. Im Islam bedeutet Toleranz, dass Christen und Juden unter der Herrschaft der Muslime als Schutzbefohlene leben dürfen, aber niemals als gleichberechtigte Bürger.
Was Muslime als Toleranz nennen, ist nichts anderes als Diskriminierung.
Tibi, 62, in Damaskus geboren,
kam mit 18 Jahren zum Studium
nach Frankfurt am Main,
1976 erhielt er die deutsche Staatsbürgerschaft.
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Henryk.M.Broder henryk-broder.com
Toleranz ist nicht ausschließlich eine Tugend und ein besonderes Merkmal für demokratische Gesinnung. Es kommt darauf an, was man unter Toleranz versteht und wem man diese Toleranz gewährt. Wenn man sich über Ruhestörer vor seiner Haustür aufregt, wenn man Leute kritisiert, die pöbelnd durch das Bahnabteil marodieren, wenn man radikale Glaubensfanatiker ablehnt, die am liebsten sofort die Scharia einführen wollen, so hört man von selbsternannten "Gutmenschen" den wohligen Rat: "Seien Sie doch mal tolerant!"
"Toleranz ist eine Haltung, mit der sich viele gerne schmücken - die Reichen gegenüber den Armen, die Starken gegenüber den Schwachen, die Heteros gegenüber den Homos. Wer es sich leisten kann, ist tolerant. Wenn aber "Ehrenmorde" als ganz normale Verbrechen gelten, wenn Terroristen zu "Widerstandskämpfern" deklariert werden und ein rechtskräftig verurteilter Kindermörder Prozesskostenhilfe bekommt, um einen Prozess gegen die Bundesrepublik führen zu können, weil ihm bei der Vernehmung Ohrfeigen angedroht wurden - dann wird Toleranz zu einem gesellschaftlichen Selbstmord auf Raten.
Henryk M. Broder: Kritik der reinen Toleranz
Verlag Berlin 2008, gebundene Ausgabe,
Wirklich schlimm dran sind die Armenier. Die Angehörigen der ältesten christlichen Kirche, Anfang des vierten Jahrhunderts entstanden, leben zwar seit ewigen Zeiten in der Türkei, müssen sich aber noch immer gegen den Verdacht wehren, illoyale Separatisten zu sein. Und kommt gar die Rede auf den armenischen Völkermord von 1915, dem über eine Million Armenier zum Opfer fielen, hört alle Freundlichkeit auf (...)
Anders aber als die Deutschen haben sich die Türken mit diesem Teil ihrer Geschichte nicht wirklich auseinandergesetzt. Von einigen Intellektuellen wie Orhan Pamuk abgesehen, ziehen sie es vor, den "armenischen Genozid" zu ignorieren oder ihn als "armenische Propaganda" zu leugnen (...)
Seit 93 Jahren warten die Armenier darauf, dass die Leiden ihrer Vorfahren anerkannt werden. Es gibt keine Überlebenden der Todesmärsche und keine Zeugen mehr, keine Anne Frank, keinen Oskar Schindler und keinen Pater Kolbe. Der erste Völkermord im Europa des 20. Jahrhunderts, der Hitler als Vorlage zur "Endlösung der Judenfrage" gedient hat, droht im Dunst der Geschichte zu verschwinden.
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Clinton Richard Dawkins (* 26. März 1941 in Nairobi, Kenia) ist ein britischer Zoologe, theoretischer Biologe und Autor wissenschaftlicher und populärwissenschaftlicher Literatur.
Er wurde 1976 mit seinem Buch The Selfish Gene (Das egoistische Gen) bekannt, in dem er die Evolution auf der Ebene der Gene analysiert. Er führte den Begriff Mem für den Bereich Kultur als hypothetisches Analogon zum Gen in der biologischen Evolution ein (siehe auch Memetik). In den folgenden Jahren schrieb er mehrere Bestseller, unter anderem The Extended Phenotype (1982), Der blinde Uhrmacher (1987), Und es entsprang ein Fluß in Eden (1995), Gipfel des Unwahrscheinlichen (1996) und Der Gotteswahn (2006) sowie kritische Beiträge zu Religion und Kreationismus.
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"Viren im Kopf"
Übersetzung eines Artikels von Richard Dawkins
Originaltitel: Viruses of the Mind (erschienen 1993)
Quelle: http://www.simonyi.ox.ac.uk/dawkins/WorldOfDawkins-archive/Dawkins/Work/Articles/1993-summervirusesofmind.shtml
"Der Hafen, den alle Meme zwangsläufig ansteuern ist der menschliche Geist, aber dieser Geist ist seinerseits ein Kunstprodukt, das entsteht, indem Meme ein menschliches Gehirn umstrukturieren, so dass es ein besserer Lebensraum für Meme wird. Die Ein- und Ausgabekanäle werden örtlichen Gegebenheiten angepasst und durch allerlei künstliche Mittel verstärkt, welche den Umfang und die Zuverlässigkeit der Kopiervorgänge erhöhen. Der Geist eines gebürtigen Chinesen unterscheidet sich erheblich von dem eines gebürtigen Franzosen, und der Geist eines Lesekundigen unterscheidet sich von dem eines Analphabeten. Als Gegenleistung bringen Meme dem Organismus, in dem sie wohnen eine unschätzbare Fülle von Vorteilen - mit einigen Trojanischen Pferden obendrein…
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Zum Schutz der Kinder
Mein Kollege, der Psychologe Nicholaus Humphrey, nahm 1997 in seiner Amnesty Lecture in Oxford das schon zitierte Sprichwort "Knüppel und Steine brechen mir die Beine, doch Worte tun mir niemals weh" als Ausgangspunkt. Dass dieses Sprichwort stimme, belegten zum Beispiel die Voodoo-Anhänger auf Haiti, die innerhalb weniger Tage stürben, wenn ein böser "Zauber" über sie verhängt werde- offensichtlich durch irgendeinen psychosomatischen Angsteffekt. Dann warf er die Frage auf, ob Amnesty International [....] einen Feldzug gegen verletzende oder schädliche Reden oder Publikationen führen sollte. Er beantwortete diese Frage mit einem klaren Nein gegenüber einer solchen allgemeinen Zensur: "Die Meinungsfreiheit ist so kostbar, dass man damit nicht herumspielen sollte." Doch dann schockierte er sein eigenes liberales Ich, indem er sich für die Zensur in einem wichtigen Ausnahmefall einsetzte. Einzugreifen sei bei schweren Fehlentwicklungen in der ethischen und religiösen Entwicklung von Kindern,
insbesondere zu Hause, wo es den Eltern gestattet -und sogar von ihnen erwartet- wird, das sie für Ihre Kinder bestimmen, was als wahr und gelogen, als richtig und falsch zu gelten hat. Nach meiner Überzeugung ist es ein Menschenrecht der Kinder, das ihr Geist nicht durch die schlechten Gedanken anderer Menschen verkrüppelt wird - ganz gleich wer diese Menschen sind. Endsprechend haben Eltern kein gottgegebenes Recht, ihre Kinder auf irgendeine von den Eltern gewählte Weise kulturell zu indoktrinieren: kein Recht, den Wissenshorizont Ihrer Kinder zu beschränken, sie in einer Atmosphäre von Dogmen und Aberglauben aufwachsen zu lassen oder darauf zu bestehen, das sie dem einfachen, schmalen Weg des elterlichen Glaubens folgen.
Kurz gesagt, Kinder haben das Recht, dass ihr Geist nicht durch Unsinn verdorben wird, und wir als Gesellschaft haben die Pflicht, sie davor zu schützen. Den Kinder beispielsweise beizubringen, an den wörtlichen Wahrheitsgehalt der Bibel zu glauben oder anzunehmen, dass die Planeten über ihr Leben bestimmen, sollten wir Eltern ebenso wenig gestatten, wie wir ihnen erlauben, ihren Kindern die Zähne auszuschlagen oder sie in einem Kerker einzusperren. [.....]
Ich bin meinen Eltern sehr dankbar dafür, dass sie überzeugt waren, man solle Kindern weniger beibringen, was sie denken, als vielmehr, wie sie denken.
Wenn sie sich auf faire, ordnungsgemäße Weise mit allen naturwissenschaftlichen Belegen beschäftigt haben, erwachsen werden und dann zu der Überzeugung gelangen, die Bibel sei wörtlich wahr oder Ihr Leben sei von der Bewegung der Planeten bestimmt, dann ist das ihr gutes Recht. Wichtig dabei ist, dass es ihr Recht ist, selbst zu entscheiden, was sie denken wollen, und dass es nicht das Richt der Eltern ist, es ihnen aufzuzwingen nur weil sie die stärkeren sind. Besonders wichtig ist das natürlich wenn man bedenkt, dass die Eltern von heute die Eltern der nächsten Generation sind und dann möglicherweise jede Indoktrination, die sie geprägt hat, wiederum weitergeben.
Solange Kinder klein, verletzlich und schutzbedürftig sind, zeigt sich wahre moralische Obhut nach Humphreys darin, dass man sich ehrlich bemüht zu erraten, wie sie sich selbst entscheiden würden, wenn sie schon alt genug wären. Als bewegendes Beispiel nennt er das kleine Inkamädchen, dessen 500 Jahre, tiefgefrorene Überreste in den Bergen von Peru gefunden wurden. Der Antroprologe, der die Leiche entdeckte, bezeichnete sie als Opfer eines Ritualmords. Wie Humpfrey berichtete zeigte das US-amerikanische Fernsehen eine Dokumentation über das "Mädchen aus dem Eis". Darin wurden die Zuschauer aufgefordert, über das Spirituelle Engagement der Inkapriester zu staunen und mit dem Mädchen auf seiner letzten Reise den Stolz und die Aufregung zu teilen, dass ihr die besondere Ehre zuteil wurde, geopfert zu werden. Letztlich lautete die Aussage der Fernsehsendung: Die Praxis des Menschenopfers ist auf ihre Weise eine ehrenvolle kulturelle Errungenschaft - ein weiterer Edelstein in der Krone des Multikulturalismus, wenn man so will.
Humpfrey hält das für einen Skandal. Ich auch.
Aber wie kann jemand es wagen, so etwas auch nur zu äußern? Wie können sie es wagen, uns - die wir im Wohnzimmer vor dem Fernseher sitzen - aufzufordern, wir sollten bei der Betrachtung eines Ritualmordes erhebende Gefühle haben - bei einem Mord, den eine Gruppe aufgeblasener, abergläubiger alter Ignoranten an einem wehrlosen Kind begeht? Wie können sie es wagen, uns aufzufordern, wir sollten eine unmoralische, an einem anderen Menschen begangene Tat gut finden?
Auch hier beschleichen den anständigen liberalen Leser möglicherweise ungute Gefühle. Natürlich, nach unseren Maßstäben ist es unmoralisch, und dumm ist es auch, aber wie steht es mit den Maßstäben der Inkas? Für sie war das Opfer doch sicher eine moralische Handlung und alles andere als dumm, denn es war doch durch alles was ihnen heilig sanktioniert? Das kleine Mädchen war zweifellos eine treue Anhängerin der Religion, mit der sie erzogen war. Wer sind wir , dass wir das ein Wort wie "Mord" gebrauchen und damit das Urteil über die Inkapriester nach unseren Maßstäben und nicht nach den Ihren fällen? Vielleicht war die Kleine ja verzückt und glücklich über ihr Schicksal. Vielleicht glaubte sie wirklich, sie würde direkt ins ewige Paradies eingehen, wo der Sonnengott sie mit seiner strahlenden Gesellschaft wärmte. Vielleicht - und es scheint viel wahrscheinlicher - schrie sie aber vor Entsetzen.
Humphrey - und mir - geht es allerdings um etwas anderes:
Ganz gleich ob sie ein bereitwilliges Opfer war oder nicht, es bestehen stichhaltige Gründe für die Annahme, dass sie sich nicht bereitwillig geopfert hätte, wenn sie alle Tatsachen gekannt hätte. Nehmen wir beispielsweise an, sie hätte gewust das die Sonne eine Kugel aus Wasserstoff ist, der heißer ist als eine Million Grad und der sich durch Kernfusion in Helium verwandelt, und das diese Kugel ursprünglich aus einer Gas-Scheibe entstanden ist, aus der auch das übrige Sonnensystem einschließlich der Erde hervorging - vermutlich hätte sie dann die Sonne nicht als Gott angebetet, und damit hätte sich auch ihre Sichtweise in der Frage, ob sie diesen Gott durch ihr Opfer besänftigen solle, geändert.
Den Inkapriestern kann man ihre Ignoranz nicht vorwerfen, und man mag es für zu hart halten sie als dumm und aufgeblasen zu bezeichnen. Aber man kann sie zu recht beschuldigen, das sie ihre eigene Überzeugung einem Kind aufzwangen, das zu jung war, um selbst zu entscheiden, ob es den Sonnengott anbeten sollte oder nicht. Wie Humphfrey außerdem betont, kann man es den heutigen Dokumentarfilmmachern und uns, ihrem Publikum, vorwerfen das sie und wir in dem Tod eines kleinen Mädchens etwas schönes sehen - "etwas was unsere gemeinsame Kultur bereichert."
Die gleiche Tendenz, wunderliche religiöse Gewohnheiten einzelner ethischer Gruppen zu glorifizieren und die in Ihrem Namen begangenen Grausamkeiten zu rechtfertigen, zeigt sich immer und immer wieder. Sie wird zur Ursache quälender Konflikte im Geist netter liberaler Menschen, die einerseits Leiden und Grausamkeit nicht ertragen können, andererseits aber von Postmodernisten und Relativisten darauf trainiert wurden, andere Kulturen nicht weniger zu respektieren als ihre eigene. Die Verstümmelung der Geschlechtsorgane von Frauen (manchmal auch "Beschneidung" genannt) ist zweifellos besonders schmerzhaft, sie macht sexuelle Lust bei den opfern unmöglich (was vermutlich ihr eigentlicher Zweck ist), und die Hälfte des anständigen liberalen Geistes will sie abschaffen. Die andere Hälfte "respektiert" ethnische Kulturen und glaubt, wir sollten nicht eingreifen, wenn "sie" "ihre" Mädchen verstümmeln wollen.
(Dies ist auch heute noch in Großbritannien regelmäßige Praxis. Wie ein leitender Beamter der Schulbehörde mir berichtete, wurden Mädchen aus London auch 2006 zur Beschneidung zu einem Onkel nach Bradford geschickt. Die Behörden blieben aus Angst, "die Gemeinschaft" werde ihnen Rassismus vorwerfen, auf diesem Auge blind.)
In Wirklichkeit sind "ihre" Mädchen natürlich eigenständige Persönlichkeiten, und deren Wünsche sollte man nicht übergehen. Aber die Antwort kann auch schwieriger sein: Was ist wenn ein Mädchen selbst sagt, es wolle beschnitten werden? Würde sich das Mädchen sich als umfassend informierte Erwachsene im Rückblick nicht vielleicht wünschen, es währe nie geschehen? Humphfrey weist darauf hin das keine erwachsene Frau, die die Beschneidung als Kind aus irgendeinem Grund eingegangen ist, die Operation später im Leben freiwillig auf sich nimmt. [....]
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Aus Richard Dawkins, DER GOTTESWAHN
2. Aflage 2007, Ulstein Buchverlage GmbH, Berlin
ISBN 978-3-550-08688-5
Körperliche und seelische Misshandlung
Wenn man von Kindesmisshandlung durch Priester spricht, meint man damit heute stets den sexuellen Missbrauch. Deshalb fühle ich mich von vornherein verpflichtet, das ganze Thema des sexuellen Missbrauchs in den richtigen Rahmen zu stellen und aus dem Weg zu räumen. Wie viele bereits festgestellt haben, herrscht heutzutage im Zusammenhang mit der Pädophilie eine Hysterie, eine Vulgärpsychologie, die an die Hexenverbrennung von Salem im Jahre 1692 erinnert. [....]
Die katholische Kirche hat im Rückblich eine große Bürde an derartiger Schmach zu tragen. Ich mag die katholische Kirche aus mehrerlei Gründen nicht, aber noch weniger mag ich Ungerechtigkeiten, und deshalb muss ich mich einfach fragen, ob eine Institution, insbesondere in Irland und in den Vereinigten Staaten, im Zusammenhang mit diesem Thema nicht auf ungerechte Weise dämonisiert wurde. Meiner Meinung nach richtet sich der Wiederwille der Öffentlichkeit nicht zuletzt gegen die Heuchelei von Priestern, die sich beruflich vorwiegend damit beschäftigen, Schuldgefühle - "Sünden" zu wecken. Hinzu kommt der Vertrauensmissbrauch durch eine Autoritätsperson, die zu verehren und dem Kind von der Wiege an anerzogen wurde. Ein solcher verstärkter Wiederwille sollte uns umso mehr dazu mahnen, nicht vorschnell zu urteilen. Wir sollten uns einfach bewusst sein das unser Geist über eine bemerkenswerte Fähigkeit verfügt, falsche Erinnerungen zusammenzubauen, zumal wir von Therapeuten und geldgierigen Anwälzen noch dazu angestiftet werden. [....]
"Knüppel und Steine brechen mir die Beine, doch Worte tun mir niemals
weh." Dieses Sprichwort stimmt - allerdings nur, solange man den Worten nicht glaubt. Wenn jedoch unsere ganze Erziehung und alles was wir von Eltern, Lehrern und Priestern je gehört haben, uns dazu veranlassen zu glauben, -wirklich zu glauben -, das Sünder im Höllenfeuer brennen (oder das andere heimtückische Lehren stimmen, etwa wie die, das Frauen Eigentum ihres Ehemanns seien), dann ist der Gedanke durchaus plausibel, das Worte längerfristig größeren Schaden anrichten als Taten. Nach meiner Überzeugung ist "Kindesmisshandlung" keine Übertreibung für das was Lehrer und Priester einem Kind antun wenn, wenn sie es beispielsweise in dem Glauben erziehen, ungebeichtete Todsünden würden mit dem ewigen Höllenfeuer bestraft.
In der bereits erwähnten Fernsehdokumentation " The Rools of All Evil?" befragte ich eine Reihe von Religionsführern. Anschließend wurde ich kritisiert, weil ich mir amerikanische Extremisten ausgesucht hatte und keine angesehenen Vertreter aus der Hauptrichtung der Religion, Erzbischöfe. (Ich hatte beim Erzbischof von Canterbury, beim Kardinalserzbischof von Westminster und beim britischen Oberrabbiner wegen eines Interviews angefragt. Alle lehnten ab, und das zweifellos aus gutem Grund. Der Bischof von Oxford willigte ein, und das höchst angenehme Gespräch war ebenso wenig extremistisch, wie es bei den anderen gewesen wäre.) Diese Kritik hört sich berechtigt an - nur ist das, was der Außenwelt extremistisch erscheint, im Amerika des 21. Jahrhunderts bereits die Hauptrichtung. Zu den Interviewpartnern, die dem britischen Fernsehpublikum am widerlichsten vorkamen, gehörte beispielsweise Pastor Ted Haggard aus Colorado Springs. In Bushs Amerika ist "Pastor Ted" kein Extremist, sondern Präsident der National Association of Evangelicals, die 30 Millionen Mitglieder hat, und eigenen Behauptungen zu folge genießt er das Vorrecht jeden Montag mit Präsident Bush telefonisch beraten zu können. Hätte ich mich an die "Rekonstruktionisten" wenden müssen, die sich mit ihren "Dominion-Theologie" offen für einen christlichen Gottesstaat in Amerika einsetzen. Ein besorgter amerikanischer Kollege schrieb mir:
Die Europäer müssen wissen, dass es einen theologischen Wanderzirkus gibt, der die Wiedereinsetzung des alttestamentarischen Rechts fordert - mit der Tötung von Homosexuellen und so weiter - und der politische Ämter oder sogar das Wahlrecht nur Christen zugesehen will. Die Masse der Mittelschicht bejubelt diese Rhetorik. Wenn die Säkularisten nicht aufpassen, werden Dominionisten und Rekonstruktionisten schon bald die Hauptrichtung in der echten amerikanischen Theokratie darstellen.
(Das folgende hielt ich zunächst für eine Satiere der Zeitschrift The Onion, aber es ist offenbar ernst gemeint; vgl. www.talk2action.org/storry/2006/5/29/195855/959 (01.04.2007). Es handelt sich um ein Computerspiel namens Left Behind: Eternal Forces. P.Z. Myers fasst es in seiner hervorragenden Webseite "Pharyngula" so zusammen: "Stellen sie sich vor, sie sind Fußsoldat in einer paramilitärischen Gruppierung die das Ziel hat, Amerika zu einem christlichen Gottesstaat umzugestalten und ihre irdische Vision von der herrschaft Christi über alle anderen Lebensaspekte zu stellen- sie haben den Auftrag-, alle Katholiken, Juden, Muslime, Buddisten Homosexuelle und alle, die sich für die Trennung von Kirche und Staat einsetzen, zu bekehren oder umzubringen..." Vgl. http://scinesblogs.com/pharyngulaa/2006/05/gta_meet_lbef.php (01.04.2007)
Eine Zusammenfassung befindet sich unter http://select.nytimes.com/gst/abstract.html?res=F1071FFD3C550C718CDDAA0894DE404482 (01.04.2007)
Ein weiterer Gesprächspartner in meinem Fernsehinterviews war Pastor Keenan Roberts, der aus dem gleichen US-Bundesstaat - nämlich Colorado - stammte wie "Pastor Ted". Pastor Roberts pflegt eine besondere Art der Verrücktheit in Form der "Höllenhäuser", wie er sie nennt. In ein Höllenhaus werden die Kinder von ihren Eltern oder ihren christlichen Schulen gebracht, und dort macht man ihnen wahnsinnige Angst vor dem, was mit ihnen nach dem Tot geschehen kann. Schauspieler spielen in beängstigenden Szenen einzelne "Sünden" wie Abtreibung und Homosexualität nach, während ein scharlachrot gekleideter Satan schadenfroh zusieht. Aber das alles ist nur das Vorspiel zur Glanznummer, der Hölle selbst mit dem realistischen Geruch brennenden Schwefels und den qualvollen Schreien der für immer Verdammten.
Nachdem ich mir eine Probe angesehen hatte - der Teufel war darin so richtig schön diabolischim kitschigen Stil des Bösewichts aus einem viktorianischen Melodram-, interviewte ich Pastor Roberts in Gegenwart seiner Schauspieler. Er erklärte mir zwölf Jahre seien das beste Alter, in dem Kinder das Höllenhaus besuchen sollten. Ich war darüber ein wenig schockiert und fragte ihn, ob es ihm keine Sorgen mache, das zwölfjährige nach seiner Vorführung Albträume bekommen könnten. Darauf erwiderte er - vermutlich aus ehrlicher Überzeugung:
Mir ist etwas anderes wichtiger: Sie sollen begreifen, das die Hölle ein Ort ist wohin sie auf keinen Fall kommen wollen. Lieber erreiche ich sie mit dieser Botschaft in einem Alter von zwölf Jahren als das ich sie damit überhaupt nicht erreiche und sie dann ein Leben in Sünde führen und nie zum Herren Jesus Christus finden. Wenn sie wegen der Aufführung Albträume haben gibt es nach meiner Überzeugung ein höheres Gut, das sie in ihrem Leben letztlich erringen und erreichen, und das ist wichtiger als ein paar Albträume.
Wenn man das was Pastor Roberts als seine Überzeugung ausgibt, wirklich und wahrhaftig glaubt, hält man es sicher auch für richtig, Kinder einzuschüchtern.
Wir können Pastor Roberts nicht als extremistischen Sonderling abtun. Wie Ted Haggard gehört auch er im heutigen Amerika zur Hauptrichtung.Es würde mich nicht einmal wundern, wenn beide sich auch einer weiteren Überzeugung einiger ihrer Glaubensbrüder anschlössen: Demnach hört man die Schreie der Verdammten, wenn man in Vulkane hineinhorcht,( vgl. http://www.av1611.org/hell.html) und die großen Röhrenwürmer, die man in den Schloten der Tiefsee findet, sind die Erfüllung von Markus 9, 43-44: "Wenn dich aber deine Hand zum Abfall verführt, so haue sie ab! Es ist besser für dich, dass du verkrüppelt zum Leben eingehst, als das du zwei Hände hast und fährst in die Hölle, in das Feuer, das nie verlöscht, wo der Wurm nicht stirbt und das Feuer nicht verlöscht."
Wie die Hölle in der Vorstellung auch aussehen mag, alle diese Höllenfeuer-Fans teilen offenbar die hämische Schadenfreude und Selbstgerechtigkeit derer, die genau wissen, dass sie selbst zu den erretteten gehören. Die gleiche einstellung vermittelt auch Thomas von Aquin, jener größte aller Theologen in seiner Summa Theologia: "Damit die Heiligen ihr Glück und die Gnade Gottes besser genießen können, ist es ihnen gestattet, der Bestrafung der Verdammten in der Hölle zuzusehen." Wirklich nett der Mann. (Mann vergleiche damit Ann Coulters liebenswürdige christliche Nächstenliebe: "Ich fordere alle, die wie ich Religionshasser sind, ausdrücklich auf, mir zu versichern, das sie über den Gedanken, dass Dawkins in der Hölle brennt, nicht lachen" (Coulter 2006,S.268)
Selbst Menschen, die ansonsten völlig rational sind, empfinden unter Umständen eine sehr reale Angst vor dem Höllenfeuer. Nach meiner Fernsehdokumentation über die Religionen erhielt ich neben vielen Briefen auch den folgenden von einer offensichtlich intelligenten Frau:
Ich habe seit meinem fünften Lebensjahr eine katholische Schule besucht und wurde von Nonnen indoktriniert, die mit Lederriemen, Stöcken und Knüppeln zu Werke gingen. Während meiner Pubertät las ich Darwin, und was er über Evolution zu sagen hatte, erschien dem logischen Teil meines Geistes absolut sinnvoll. Aber ich habe während meines Lebens viele Konflikte durchlitten, und ganz tief in mir drin wird häufig die Angst vor dem Höllenfeuer geweckt. Ich habe eine Psychotherapie gemacht und dort einen Teil meiner früheren Probleme aufarbeiten, aber dieser tief sitzenden Angst werde ich nicht Herr. Deshalb schreibe ich ihnen mit der Bitte, ob sie mir Namen und Adresse der Therapeutin nennen können, die sie diese Woche in ihrer Sendung interviewt haben und die sich speziell mit solchen Ängsten beschäftigt.
Ich war von diesem Brief ganz gerührt und antwortete (wobei ich ein kurzfristiges, schändliches Bedauern darüber unterdrückte, dass es für Nonnen keine Hölle gibt); ich schrieb ihr sie solle sich auf ihre Vernunft verlassen, denn diese sei ein großes Geschenk, das sie - im Gegensatz zu Menschen, die weniger Glück hatten - offensichtlich besitze. Ich äußerte die Vermutung, Priester und Nonnen würden die Hölle deshalb so extrem entsetzlich darstellen, weil sie einen Ausgleich für ihre mangelnde Plausibilität schaffen wollten. Wäre die Hölle plausibel müsse sie nur mäßig unangenehm sein, um ihr einen gewissen Abschreckungswert zu erhalten. Außerdem stellte ich den Kontakt zu der erwähnten Therapeutin Jill Mython, einer reizenden zutiefst aufrichtigen Frau, die ich vor der Kamera interviewt hatte, her. Jill war selbst in einer ganz besonders anrüchigen Sekte namens Exklusive Brethen aufgewachsen, die Gruppe war so unangenehm, das sogar eine ganze Webseite (www.peeps.net) sich mit der Fürsorge für diese Menschen beschäftigt, die ihr entkommen sind.
Jill Mython war mit der Angst vor der Hölle groß geworden und hatte sich als Erwachsene vom Christentum abgewandt; heute berät und therapiert sie andere, die in ihrer Kindheit ähnlich traumatisiert wurden: "wenn ich an meine Kindheit zurückdenke, war Angst das beherrschende Element. Es war die Angst vor Zurückweisung in der Gegenwart, aber auch vor der ewigen Verdammnis. Für ein Kind sind Bilder von Höllenfeuer und Zähneklappern sehr real. Sie haben nichts Metaphorisches." [.....] "Die Hölle ist ein schrecklicher Ort. Die völlige Zurückweisung durch Gott. Die völlige Verurteilung. Da gibt es echtes Feuer, echte Qualen, echte Folter, und das geht immer so weiter, es gibt kein Entrinnen." Im weiteren Verlauf erklärte sie mir, dass sie Selbsthilfegruppen für Menschen leitet, die eine ähnliche Kindheit haben wie sie selbst. Ausführlich erklärte sie mir, wie schwer es vielen Leuten fällt so etwas hinter sich zu lassen: "Das hinterlassen ist außerordentlich schwierig. Man lässt ein ganzes soziales Netzwerk zurück, ein ganzes System, in dem man mehr oder weniger groß geworden ist, ein Glaubenssystem, von dem man jahrelang überzeugt war. Sehr oft lässt man auch Angehörige und Freunde zurück ...Für die existiert man eigentlich nicht mehr."
[...] an einer früheren Stelle hatte ich Jill Mython die beschriebene Form der religiösen Erziehung als geistige Misshandlung bezeichnet, und auf diese Aussage kam ich später mit folgenden Worten zurück: "Sie sprechen von religiöser Misshandlung, ein Kind mit einem echten Glauben an eine Hölle großzuziehen, in Relation setzen sollten, wo steht sie ihrer Ansicht nach, was die Traumatisierung angeht, im Vergleich zu sexueller Misshandlung?"
Darauf erwiderte Sie: "Das ist eine sehr schwierige Frage" Ich glaube, es gibt zwischen beidem große Ähnlichkeiten, denn in beiden Fällen wird Vertrauen missbraucht; dem Kind wird das Recht abgesprochen, sich frei und offen zu fühlen und normale Beziehungen zu seiner Umwelt herzustellen. [...] Es ist eine Form der Diffamierung; in beiden Fällen wird in gewisser Weise das Ich geleugnet."
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Fritjof Capra
In Wien geborener amerikanischer Philosoph, Physiker und Erfolgsautor. 1966 promovierte der Heisenberg-Schüler in Atomphysik, 1968-70 Forschungsauftrag an der University of California, 1970 Forschungen im Zentrum für Linear-Beschleunigung in Stanford, seit 1970 feldtheoretische Untersuchungen am Imperial College in London. Capra setzt sich in seinen Büchern intensiv mit dem Verhältnis zwischen moderner Physik und östlicher Mystik auseinander, die er in einem »ganzheitlichen, ökologisch-orientierten, neuen Weltbild« zu harmonisieren sucht. Seine bekanntesten Werke sind die im Scherz Verlag erschienenen Bücher »Wendezeit« und »Der kosmische Reigen«.
Theorie des Geistes
In seiner Theorie des Geistes schließt sich Capra an die Santiago-Theorie des Geistes von Varela und Maturana an, die den Prozess des Wissens, die Kognition mit dem Lebensprozess identifizieren. Geist ist damit nicht ein nach dualistischer Auffassung unabhängig von Materie existierendes Substrat, sondern ein Prozess, der durch das Gehirn als spezifische Struktur abgearbeitet wird. Das Verhältnis zwischen Geist und Gehirn ist somit das zwischen Prozess und Struktur. Die gegenseitige Abhängigkeit zwischen Struktur und Prozess überwindet die alte Trennung zwischen Geist und Materie. Auch die Unterscheidung zwischen Determinismus und Freiheit wird insofern überwunden, als ein lebendes System von seinen Organisationsmustern und seiner Struktur determiniert ist. Die Struktur wiederum ist ein Produkt früherer struktureller Übergänge, die durch Interaktion mit der Umwelt durch strukturelle Kopplung ausgelöst wurden. Auf welche Umweltreize in welcher Form der Organismus nun reagiert, entscheidet er selbst, wodurch er selbst seine Struktur bestimmt und auf diese Weise wieder frei ist. Strukturelle Determiniertheit heißt nur, dass die Struktur den Rahmen vorgibt, innerhalb dessen sich das System bewegen kann. Capra zieht auch die Grenzen des kognitiven Netzwerks weiter, als dies nach gängiger Auffassung der Fall ist. Nervensystem, Immunsystem und das endokrine System der Hormone arbeiten eng zusammen und bilden gemeinsam das kognitive Netzwerk. Quelle: Wikipedia
Bewusstsein
Bewusstsein bedeutet nach Capra (und Maturana) die höchste Stufe des Geistes, die das Selbst-Bewusstsein, das Wissen, dass man weiß, mit einschließt. Erst durch ein reflektierendes, abstraktes Denken kann Kommunikation entstehen, die als Koordination von Verhalten durch gegenseitige strukturelle Kopplung aufgefasst wird. Maturanas Theorie des Bewusstseins betont Kommunikation und eine symbolische Sprache gemeinsam mit Selbst-Bewusstsein als die Grundpfeiler, mit deren Hilfe sich menschliches Bewusstsein verstehen lässt. Bewusstsein ist immer durch die Sprache in den sozialen Kontext eingebettet und dadurch ein zutiefst soziales Phänomen. Das gefühlte, erlebte Selbst, das Ich, hat nach dieser Theorie keine unabhängige Existenz, sondern entsteht aus den inneren strukturellen Kopplungen. Individualität und Autonomie bedeuten nicht Unabhängigkeit und Verlassenheit, wenn die vielfältigen Beziehungen innerhalb des Lebensnetzes erkannt werden. Diese Erfahrung des Wiederankoppelns an das die Menschheit umgebende Lebensnetz, das kulturelle, soziale Netzwerk, bezeichnet Capra als Wiedererlangung der vollen Menschlichkeit, die durch die Cartesianische Angst, die durch die Trennung von Geist und Körper entsteht, verloren wurde. Quelle: Wikipedia
Interview mit Fritjof Capra
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Eugen Drewermann
1940 in Bergkamen bei Dortmund geboren, studierte Philosophie in Münster, Theologie in Paderborn und Psychoanalyse in Göttingen. Er ist Priester und hat in katholischer Theologie promoviert und sich habilitiert. Als Privatdozent der Katholischen Philosophisch-Theologischen Hochschule in Paderborn hielt er Vorlesungen über Systematische Theologie, bis ihm im Oktober 1991 die kirchliche Lehrerlaubnis entzogen wurde. Er ist außerdem als Psychotherapeut tätig. Mittlerweile ist Drewermann aus der Katholischen Kirche ausgetreten.
„Immer, wenn ein bestimmtes weltanschauliches Gebäude sich in logische Widersprüche verwickelt, die dennoch als unwiderlegliche Wahrheiten auf das heftigste verteidigt werden, darf man psychoanalytisch dem Verdacht nachgehen, dass hier starke psychische Kräfte, gewissermaßen infolge ihrer eigenen Schwerkraft, eine Krümmung des geistigen Feldes hervorrufen, sodass aus geraden Linien in sich zurücklaufende Kreisbahnen werden.“ ( Eugen Drewermann )
Für Aufsehen erregte das bei dtv 1991erschiene Buch: „Kleriker, Psychogramm eines Ideals“, (dtv 1989 Walter-Verlag AG, Olten, ISBN 3-530-16902-1) Das Buch, für das der Autor verurteilt wurde.
Das Buch:
„ Was Jahrhunderte lang die Festigkeit der katholischen Kirche zu sein schien, dieses Monolithische und hierarchisch Unangreifbare, das macht heute ihre Schwäche aus“. Darum muss der, der wie Drewermann an dem gegenwärtigen Zustand der katholischen Kirche etwas ändern will, bei der Gruppe von Menschen beginnen, die zentral den christlichen Klerus verkörpern: Bei den Klerikern. Mit Vehemenz greift er die oft menschenverachtenden Machtstrukturen der Kirche an, die statt Erlösung Angst und statt Freiheit Abhängigkeit erzeugen. Er kämpft „ aus der Wahrheit der modernen Seelenlehre gegen die krankmachende Kirche“ und plädiert für eine Theologie des Glücks und für das Recht auf Eros auch für Priester und Ordensfrauen. (…)
Drewermanns Analyse des inneren Zustandes der katholischen Kirche enthüllt schonungslos die verschleierte Wirklichkeit und deckt deren psychische Strukturen und unbewusste Hintergründe auf.
„Das Buch ist niemanden zu empfehlen, der innere Turbulenzen scheut. Wer sie selbst zulässt, erkennt, wo er selbst steht. Ein eminent wichtiges Buch, das jeden herausfordert und auf Tiefenschichten zielt“. ( Psychologie heute)
„ Die Folgen von 450 Jahren verweigerter Reformation – die Wirklichkeit hat mich bestätigt.“ ( Eugen Drewermann)
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Ralph Giordano
Ralph Giordano, jüdischer Antifaschist und Schriftsteller
Gespräch mit Ralph Giordano
Vom Dialog und der "zweiten Schuld"
»Nur die Wahrheit hat Bestand« – die These der »Zweiten Schuld«
Ein Gespräch mit Ralph Giordano
Ralph Giordano wurde am 20. März 1923 in Hamburg geboren. Er fiel unter die Verfolgung durch die Nürnberger Rassegesetze. Mit seiner Familie entging er knapp dem Hungertod in einem Versteck.
Giordano wurde Journalist und Schriftsteller und drehte zahlreiche Dokumentarfilme, die international Auszeichnungen erhielten. Bekannt wurde er durch seinen Familienroman »Die Bertinis«. Als Überlebender des Holocaust ist sein Lebensthema die Auseinandersetzung mit den Ursachen und Folgen von Rassismus, Faschismus und Antisemitismus.
Hartkemeyer: Ralph Giordano, warum ist der Umgang mit der deutschen Geschichte, speziell der NS-Zeit, auch heute noch so problembehaftet? Warum reicht die Anstößigkeit der »Wehrmachtsausstellung« bis in die Enkelgeneration hinein?
Giordano: Ich frage mich oft, was geschehen wäre, wenn die so genannte Kriegsgeneration einen offenen, ehrlichen und wahrhaftigen Dialog über diese Zeit und ihre eigene Rolle darin geführt hätte? Wie hätte es sich ausgewirkt, wenn es für die große Zahl der Angehörigen der Kriegsgeneration, also diejenige, die verantwortlich war für das, was unter Hitler geschah, keine Frage von Paragraphen oder Gefängnissen, sondern eine Frage der politischen und persönlichen Hygiene gewesen wäre? Ich denke, das gesamte Klima der Bundesrepublik Deutschland und die politische Kultur hätten eine völlig andere Qualität.
Aber statt einer offenen und ehrlichen Auseinandersetzung mit den Untaten fand nach dem Krieg das größte Verdrängungs‑ und Eingliederungswerk der Geschichte statt. Der große Friede mit den Tätern bedeutet, dass Millionen so gut wie straflos gemordet werden konnten. Von wenigen Ausnahmen abgesehen sind die Verantwortlichen ja nicht nur straffrei davongekommen, sie konnten ihre Karrieren auch unbeschadet fortsetzen. Dass verdrängt wurde um der eigenen Karriere willen bedeutet, dass man Vergangenheit ununterbrochen zur Gegenwart macht, indem man sie unaufgearbeitet vor sich herschiebt. Diese Verdrängung und Verleugnung der ersten Schuld habe ich die »zweite Schuld« genannt.
Die mangelnde Auseinandersetzung hat auch bei Ihnen Spuren hinterlassen.?
Giordano: Mag die Zeit auch vieles heilen, die Erinnerungen an die Zeit von 1933 bis 1945 werden für mich von Jahr zu Jahr intensiven. Die Energie, die ich für diese Last aufbringen muss, wird größer. Dazu kommt für mich die zweite Bürde, nämlich hinzunehmen, dass für diesen Leichenberg niemand haftbar gemacht werden konnte. Das ist insofern eine gefährliche Situation, weil es die Täter von morgen ermutigen könnte.
Können Sie der Tätergeneration nicht verzeihen? Gibt es für Sie so etwas wie eine Kollektivschuld der Deutschen?
Giordano: Ich bin selbst ein Deutscher, insofern ist das, was ich meine, schon komplexer. Aus meiner Sicht ist es notwendig, sich sowohl mit der individuellen Verstrickung auseinander zu setzen als auch mit den Ingredienzien des gesamten Schuldkomplexes. Ab 1938 haben wir in unserer Familie nur noch über »die Deutschen« gesprochen, zu denen sich unsere Familie nicht mehr zugehörig fühlen wollte und auch aufgrund der Entrechtung nicht mehr zugehörig fühlen durfte.
Ich habe gesagt und halte daran fest, dass die überwältigende Mehrheit der Deutschen von damals zu Hitler gestanden hat. Oft unbewusst ‑ aber das ändert nichts an dieser Tatsache. Diese Zustimmung war so groß, dass ich von der Kollektivschuld bestimmter Generationen, und natürlich auf sie beschränkt, gesprochen habe und nach wie vor spreche. Ich bin deshalb auch angefeindet worden, weil es das größte Reizwort der deutschen Nachkriegsgeschichte war.
Ich meine aber, dass eine Differenzierung notwendig ist, Ich will das an einem Beispiel deutlich machen. Mein Großvater war Bauer, im katholischen Zentrum aktiv und Bürgermeister. Er wurde 1933 abgesetzt und sollte nach Bürgermoor ins KZ, weil er seinen Widerstand nicht aufgegeben hatte, obwohl er schon über 70 war. Sein Nachbar, ebenfalls Bauer, war bereits 1933 ins KZ verschleppt worden. Darauf hin hat er die Bauern im Dorf mobilisiert, um auf das KZ zu marschieren. Der Nachbar wurde freigelassen. Er selbst ist mit seinem Pferdewogen verunglückt, bevor die Nazis ihn fassten. Mein Großvater war natürlich auch Deutscher, aber er hat mit seinen Möglichkeiten versucht, etwas zu tun. Ihn in diese Kollektivschuld mit ein zu beziehen ist für mich ein Problem.
Giordano: Selbstverständlich ist der Widerstand ausgenommen. Aber dieser Widerstand war eine Insel im Meer der braunen Zustimmung. Ich habe die Stimmung damals in Deutschland erlebt. Die überwältigende Mehrheit hat mit einer langen Vorgeschichte dafür gesorgt, dass Hitler so erfolgreich war. Es ist diesem System weltanschaulich gelungen, bei den damaligen Deutschen ins Schwarze zu treffen. Diese Befindlichkeit der überwältigende Mehrheit der damaligen Deutschen war das Problem und ist es bis heute, wenn es darum geht, Farbe zu bekennen. Es bereitete Scham zu erkennen, einem System angehangen zu haben, dessen krimineller Charakter von vornherein klar war.
Das ist wahrscheinlich eine ganz entscheidende Ursache?
Giordano: Wissen Sie, das Schrecklichste, was mir in all diesen Jahren begegnet ist, war, wenn die Leute gesagt haben: Ich habe von nichts gewusst!
Wenn sie das sagen, sparen sie die Jahre von 1933 bis 1941 vor dem Holocaust aus. Das eben entsetzt mich, weil der kriminelle Charakter dieses Systems für Menschen, die ihre humane Orientierung ein bisschen behalten hatten, von vornherein klar war.
Alle Parteien bis auf eine wurden verboten. Die Gewerkschaften waren verboten. Dann die öffentliche Bücherverbrennung. Der Boykott jüdischer Geschäfte schon ab dem 1.April 1933. Dann die Errichtung von Konzentrationslagern. Dann die Ermordung von Hitlers SA-Rivalen Röhm. Ich war 11 Jahre alt, es war das Tagesgespräch, alle wussten davon. Dann die Diskriminierung der Juden durch die Nürnberger Gesetze im September 1935. Dann die Nacht vom 9. auf den 10. November 1938. Sie machten die Deutschen zu Mitwissern, dass sie von einer Verbrecherbande regiert werden. Und die Deportation der Juden geschieht 1940 und 1941 am helllichten Tag.
Wenn die Leute sagen, aber wir haben von nichts gewusst, sparen sie das alles aus. Und es entsteht der Eindruck, als wenn bis zum Holocaust das Nazireich ein bürgerlicher Rechtsstaat gewesen ist, an dem nicht auszusetzen war. Das ist das eigentlich Schreckliche.
Leider wurde Hitler nur militärisch geschlagen. Die Verwüstungen des Geistes und des Gefühls der meisten Menschen lebten weiter. Deserteure galten bis in unsere Zeit als »Verräter«. Dagegen gab es den »großen Frieden« mit den Tätern.
Was hat für Sie versagt, die Menschen, die Justiz, die Politik?
Giordano: Wir haben gesehen, dass der Staat nicht fertig wird mit seinen gewalttätigen Vorgängern. Der Staat als Gewalttäter kommt im Bürgerlichen Gesetzbuch gar nicht vor. Keiner der Nazi-Richter ist angesichts ihrer 32000 Todesurteile auch nur angeklagt worden.
Ihnen wird nicht selten vorgehalten, jetzt muss doch endlich ein Schlussstrich gezogen werden.
Giordano: Zum ersten Mal habe ich diesen Satz 1945 gehört, zum letzten Mal vorige Woche. Meistens von Leuten, die sich mit dem, womit sie Schluss machen wollen, nie ernstlich innerlich auseinandergesetzt haben.
Wollen und können Sie sich mit den Tätern versöhnen?
Giordano: Es ist für mich selbstverständlich, zur Versöhnung bereit zu sein. Aber dazu gehört Ehrlichkeit, Wahrhaftigkeit, Aufrichtigkeit. Dieses vorausgesetzt gebe ich jedem ehemaligen Nazi die Hand.
Ich will Ihnen ein Beispiel nennen: 1958/59 habe ich im Gericht dem Aufseher des KZ Oranienburg gegenüber gesessen. Er war nicht nur geständig, sondern er hat sich sogar mehr belastet als es die Zeugen taten. Er konnte sich nicht verstellen, Eine absolute Ausnahme. Das Urteil lautete lebenslänglich.
Ich habe ihn später im Zuchthaus Rheinbach besucht. Er sprach mit mir über das Führerprinzip, über die Verantwortung des Einzelnen. Er hatte sich im Gefängnis mit dem Nationalsozialismus und mit sich selbst auseinander gesetzt. Zum Schluss streckte er mir seine Hand ‑ die Mörderhand ‑ entgegen, mir, dem Überlebenden des Holocaust. Ich nahm sie an. Er war ein Anderer geworden. Ich sah seine Wandlung und wusste, in einem »vierten Reich« würde er mir nichts tun.
Was hält Ihre Meinung über das Gute im Menschen aufrecht?
Wissen Sie, auch wenn das Wort oft unendlich misshandelt wird ‑ die Liebe. Nur sie ist ‑ wie die Wahrheit ‑ dauerhaft. Nur ihre Werke haben Bestand. Aber wie schwer ist es, das zu erkennen oder gar zu erreichen? |
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Hape Raddatz
Der Gebrauch der Vernunft
„ So wie sich der christliche Gedanke mit der griechischen Philosophie verband, so schränkte sich das islamische Prinzip auf den Regelrahmen des Scharia-Gesetzes ein. Die Vernunft des „Individuums“ soll darauf dressiert werden, die Vorschriften nicht verstandesmäßig zu erfassen, sondern sie als einzig „ vernünf-tige“ Basis menschlicher Existenz-besser: Massenexistenz - zu verstehen“. Das Recht wird zum Einheitsraster der Dauerschöpfung, der die Menschen als uniforme Geschöpfe Allahs steuert. Idealerweise setzt sich alles Leben aus Glaubenswissen und –Praxis zusammen, dokumentiert durch die Übung der „ Ich-Abstreifung“ ( arab.tadjarrud), die Reinigung des Bewusstseins von individuellem, also nichtislamischen Denken.“
Selbst-Bewusstsein und Selbst-Distanz zu kontroversen Themen können unter solchen Bedingungen nicht zustande kommen. Übergeordnete Kriterien wie „ der freie Wille“ unterliegen dem Regelraster, kontrolliert von den Theologen. Deren vornehmliche Aufgabe besteht darin, die Sklavenharmonie des Denkens mit dem schariatischen Netzwerk, d.h. die bedingungslose Unterwerfung ohne die Frage nach dem „Warum“ (arab.: bila kayafa), zu gewährleisten. Der banale Standardeinwand der „Dialog“-Vertreter, dass „ nicht alle“ so denken, könnte ernster genommen werden, wenn sie stattdessen „ die meisten“ einsetzten.“
(aus: Dialog nach Muslimart, Die offene Replik der Imanschaft auf Benedikt XVI. Jahrgang 60 Nr. 6/2006 Dezember, die neue Ordnung)
Ich habe in diesem Netztagebuch bisher mit Hingabe auf die politische Linke eingedroschen, und man tut mir nicht Unrecht, wenn man mir einen konservativen Standpunkt unterstellt. Das heißt aber keineswegs, dass ich die konservative Rechte gleichsam als meine politische Familie ansähe - als "Nest", das man nicht "beschmutzen" dürfe, womöglich weil das "dem Gegner nützt". Ich halte sehr viel sowohl vom Christentum als auch vom Patriotismus; das heißt aber noch lange nicht, dass ich bereit wäre, totalitäres Denken zu tolerieren, nur weil es sich auf christliche oder patriotische Werte beruft.
Ich halte es für erstrebenswert, in einem Land zu leben, wo ich es mit friedfertigen Mitbürgern zu tun habe; wo ich sagen kann, was ich für richtig halte, ohne mit der Gestapo, der GPU oder der Inquisition Bekanntschaft zu machen; wo ich zu meinem Recht komme, ohne jemanden bestechen zu müssen; wo ich lesen kann, was mich interessiert; wo ich meinen Marotten frönen kann, auch wenn sie vielleicht "sündhaft" sind; wo meine Frau sich nicht vermummen muss; das von nicht überragenden, aber vernünftigen Leuten regiert wird, die mich nicht für utopische Experimente einspannen; wo man die Regierung friedlich mit dem Stimmzettel stürzen kann; und auf das man ohne billigen Hurrapatriotismus stolz sein kann.
Wer den Islam verstehen will, muss sich vor allem bewusst sein, wie stark die Erfahrungen der formativen Periode seiner Geschichte, also der Zeit vom 7.-9. Jahrhundert bis heute den Charakter des "islamischen Systems" prägen, das eben nicht einfach eine Religion in unserem Verständnis des Wortes ist (die man in die Unverbindlichkeit des Privaten abschieben könnte), sondern eine allumfassende, dem Anspruch nach gottgewollte, Lebensordnung ist, in der Religion, Politik, Recht, Kultur und Sitte untrennbar miteinander verwoben sind. Die "Umma", also die islamische Gemeinschaft war von Anfang an ebenso eine Kampf- wie eine Glaubensgemeinschaft.
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Liminski: Herr Raddatz, wir haben das "Wort zum Sonntag", nun kommt das "Wort zum Freitag". In Deutschland leben drei Millionen Muslime, das ist eine beachtliche Minderheit. Ist da ein eigenes geistliches Wort sinnvoll oder nicht sinnvoll?
Raddatz: Es ist grundsätzlich zu begrüßen, weil integrativ gesehen selbstverständlich die Anpassung, oder sagen wir mal die Einfügung, einer großen Glaubensgemeinschaft in die pluralistische Gesellschaft durch so eine Maßnahme in jedem Falle befürwortet werden kann. Nur würde das voraussetzen, dass auch grundsätzliche Fragen hinsichtlich der Integration beziehungsweise der Adaption dieser Glaubensgemeinschaft an Grundregeln unserer eigenen Mehrheitsvorstellungen hier gewährleistet wäre. Und das scheint bis heute jedenfalls nicht der Fall zu sein. Zumindest gibt es Zweifel.
Liminski: Was sind denn das für grundsätzliche Fragen, die Ihrer Meinung nach geregelt werden müssen?
Raddatz: Nun, dazu gehört natürlich zuallererst der Gedanke der Menschenrechte, der Grundrechte im demokratischen Rechtsstaat. Und hier gibt es die große Diskrepanz der fehlenden Religionsfreiheit in der muslimischen Gemeinschaft. Und diese Frage haben wir nicht im Mindesten angesprochen bisher. Sie ist also sogar bewusst umkurvt worden sozusagen von der Politik, und das ist eine der ganz großen Schwächen. Und solange wir das nicht offen ansprechen, werden wir auch solche Probleme wie den so genannten Ehrenmord natürlich nicht lösen können, ganz zu schweigen von der generellen Frage des Gewaltmonopols des Rechtsstaats, was ja durch den Islam nicht anerkannt werden kann, weil die Gewalt eben beim schariatischen Rechtgeber, nämlich Allah, liegt. Also das sind alles grundsätzliche Fragen, die nicht im Mindesten geklärt sind.
Liminski: Aber über so eine Initiative könnte man doch den Islam besser kennen lernen.
Raddatz: Das wäre der Fall, wenn man zum Beispiel sich klar gemacht hätte, was eigentlich innerhalb des Islam der spirituelle Teil, den ja niemand den Muslimen nehmen will, also es gibt selbstverständlich im Islam einen Teil, der auch durch die Religionsfreiheit des demokratischen Rechtsstaats abgedeckt ist. Das sind die berühmten fünf Säulen des Islam. Wenn das der hiesigen Öffentlichkeit schon einmal klargemacht wäre, dann würde auch ein solches "Wort zum Freitag" entsprechenden Gehalt bekommen. Dann würde man sogar als Demokrat oder meinetwegen auch als Nichtchrist solchen "Worten zum Freitag" lauschen können. Warum eigentlich nicht in einem pluralen Staat? Nur muss man eben halt vorab wissen, dass es innerhalb des islamischen Glaubens einen gesetzlichen, rechtlichen Teil gibt, dem sogar aufgetragen ist, alles andere nicht Islamische früher oder später zu überwinden. Und das ist das große Problem, was wir mit einer muslimischen Gemeinschaft hier haben.
Liminski: Sie meinen also, so ein Wort würde die Integration nicht fördern, vielleicht sogar eher Parallelgesellschaften fördern?
Raddatz: Sie sagen selbst dieses Wort, was man schon fast als Unwort bezeichnen könnte. In der Tat ist es aber so. Indem wir die eigentlichen Grundfragen verdecken und dafür Nebenpunkte wie so ein solches "Wort zum Sonntag" im Grunde ja missbrauchen. Solange wir also die Grundfragen nicht klären und solche Nebenpunkte in den Vordergrund stellen, machen wir uns selbst etwas vor. Wir bauen eine Illusion auf sozusagen. Wir behaupten, integrativ hier tätig zu sein, was im Grunde nicht möglich ist, solange eben das Bekenntnis der Muslime zum demokratischen Rechtsstaat nicht verbindlich vorliegt. Und es ist schlicht und einfach für den Moslem, insbesondere für die Gemeinschaft bei uns hier, sehr, sehr schwierig, so ein Bekenntnis abzulegen. Das geht nur in einem gemeinsamen Dialog, in dem die Grundlagen festgelegt werden. Und diese Art von Grundsatzdialog hat bisher noch nicht stattgefunden.
Liminski: Wie würde denn Ihrer Meinung nach diese Initiative bei Islamisten verstanden? Könnten sie es nicht als Signal der Versöhnung und der friedlichen Koexistenz begreifen?
Raddatz: Herr Liminski, das Prinzip der Versöhnung ist Islamisten fremd. Der Begriff des Islamismus allein deutet ja schon an, dass es sich hier um eine radikalere Version des Islam handelt, die eben genau das verfolgen muss, was ihr aus den orthodoxen Grundlagen des Islam her aufgegeben ist, nämlich früher oder später nichtislamische Umgebungen zu überwinden und den Islam zu installieren. Das ist die Aufgabe des Islamisten, und insofern ist es ihm sehr schwer, versöhnlich zu denken, zumal hinzukommt, dass schon vor 500 Jahren durch die Orthodoxie ganz offiziell auch die versöhnlichen Aussagen der islamischen Grundlagen, sprich also Koran und Prophetentradition, offiziell gelöscht worden sind. Also diejenigen Teile, die es in den islamischen Glaubensgrundlagen gibt, die in der Tat Ansatzpunkte wären, um Versöhnung und Integration zu schaffen, die sind von der Orthodoxie offiziell gelöscht, die sind also offizieller Glaubensinhalt, natürlich nicht bei allen Muslimen, aber vom maßgeblichen Teil, und der ist seit 20, 30 Jahren eben im radikalen Bereich im Vormarsch. Das können Sie auf breitestmöglicher Front sehen. Das können Sie an den maßgeblichen Autoritäten des Gegenwartislam sehen, die allesamt den radikalen Islam vertreten, die Terrormaßnahmen entschuldigen, die auch in Gestalt zum Beispiel des bekannten Fernsehimam Qaradhawi ganz offiziell auch die Vernichtung Israels vertreten und dergleichen mehr. Also wohin Sie schauen, haben Sie im Moment die Dominanz des radikalen Islam, und deswegen ist es umso wichtiger, dass wir hier im Westen, unabhängig davon, ob es in Deutschland, Frankreich oder sonst wo passiert, dass wir also grundsätzlich auf europäischer Ebene dieses Grundproblem ansprechen.
Liminski: Das "Wort zum Freitag", ein Signal mit ambivalenter Wirkung. Das war der Islamkenner und Autor Hans-Peter Raddatz. Besten Dank für das Gespräch, Herr Raddatz.
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Ayaan Hirsi Ali, geboren 1969 in Somalia, ist niederländische Politikerin und Frauenrechtlerin und war Mitglied des niederländischen Parlaments für die VVD. Mit ihren scharfen Attacken gegen Zwangsheirat und Unterdrückung der Frau im Islam sowie mit dem Drehbuch für den Kurzfilm "Submission" hat Ali Aufmerksamkeit über die Grenzen der Niederlande hinaus erregt. Nach einem Disput über falsche Angaben bei ihrer Einbürgerung zog Ali im Mai 2006 in die USA, wo sie im "American Enterprise Institute" in Washington arbeitet
"Ich will mehr Quellen von Wissen, Moral und Fantasie fruchtbar machen als alleine den Koran und die Überlieferungen des Propheten.
Die Tatsache, daß es keinen islamischen Spinozo, Voltaire, Stuart Mill, Kant und Bertrand Russel gibt, will nicht heißen, daß Muslime die Werke dieser Denker nicht nutzen dürtfen.
Das Lesen von Philosophen des Westens wird heute als Untreue gegenüber dem Propheten Mohammed und der Botschaft Allahs gesehen. Dies ist ein schwerwiegender Irrtum. Warum ist es nicht erlaubt, das Gute, zu dem Mohammed uns angespornt hat ( Zum Beispiel seine Weisung, barmherzig zu den Armen und Waisen zu sein), zu bewahren und die Quellen unserer Moral um die anderer Philosophen zu ergänzen ?"
(Ayaan Hirsi Ali en Uitgeverij, Augustus Amsterdam, 2004)
"Heute befinde ich mich in der beschämenden Situation, daß ich Sie um Hilfe bitten muß. Ich bin gekommen mit dem Anliegen, daß Sie den Vorschlag für den Hilfsfond für Leute wie mich unterstützen, deren einziges Verbrechen die freie Rede ist. Ich glaube, daß diese Frage viel breiter und wichtiger ist als die Frage, ob ich getötet werde oder nicht. Es geht um die Redefreiheit und eine kleine Minderheit, welche extreme Gewalt androht, um Freigeister in Europa einzuschüchtern. Wo es keine freie Meinungsäußerung gibt, gibt es auch kein Gewissen.
Vielleicht stimmen Sie mit meiner Analyse nicht überein, vielleicht denken Sie, ich bin zu grob mit dem Islam oder drücke mich zu kontrovers aus. Aber niemand kann bestreiten, daß ich nur friedliche Mittel für meine Argumente, Artikel, Bücher Reden und einen Film angewendet habe. Ich habe niemals für Gewalt plädiert. Und wenn auch viele Leute mit mir und meinem Stil nicht übereinstimmen, glaube ich nicht, daß ich zum Tode verurteilt sein sollte oder in ein Versteck gezwungen. Im Moment bin ich in einer sehr verzweifelten Situation. Die Todesdrohungen sind nicht leiser geworden, und die Sicherheitskosten liegen über allem, was ich bezahlen kann..."
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Wir möchten mit ihnen darüber reden, wie wir über den Islam reden. Wenn Sie sich den westlichen Diskurs über den Islam anschauen - was läuft da richtig, was läuft schief?
Richtig finde ich, daß es überhaupt eine derart breite Diskussion gibt, wie wir Sie jetzt haben. Das war nicht immer so. Schief läuft meiner Meinung nach, daß diese Diskussion noch immer eine taktische ist. Im Westen wird die Auseinandersetzung mit dem Islam weitgehend strategisch geführt. Bevor man fragt, was Sache ist, wird gefragt, was das für Auswirkungen haben könnte, wenn man zur Sache kommt. So gehen die Inhalte im Taktischen unter. Man wird das Gespräch differenzierter führen müssen.
Ich unterscheide grundsätzlich zwischen der Philosophie des Islam und den Muslimen. Ich rede nicht über die Muslime, sondern über die Religion. Und da steht für mich fest, daß der Islam mit der liberalen Gesellschaft, wie sie sich im Gefolge der Aufklärung herausgebildet hat, nicht vereinbar ist. Wenn man diese Feststellung für plausibel hält, dann ist es nur richtig, die Muslime auch damit zu konfrontieren. Stattdessen verirren sich die Debatten im Taktischen, alles Problematische wird in Nebel gehüllt und am Ende läßt man sich darauf ein, zu sagen: Der Islam ist Frieden, Mitgefühl, Barmherzigkeit. Weil man Mitleid mit Minderheiten hat, die im Alltag nicht selten massiven Diskriminierungen ausgesetzt sind, glaubt man, es sei besser, die Dinge nicht beim Namen zu nennen. Das ist falsch. Es wäre erwachsener, sich gegenseitig die Wahrheit zu sagen.
Tausende von Migranten sind nach Europa gekommen. Aber Europa ist nicht bloß ein Wirtschaftsraum, sondern teilt auch gewisse Werte. Also ist es nur folgerichtig, den hier lebenden Muslimen zu sagen: Wenn ihr hier lebt, müßt ihr euch an gewisse Spielregeln halten, das Gesetz achten und Toleranz üben und zwar ganz egal, ob euch euer Prophet oder euer heiliges Buch etwas anderes vorschreiben.
Der Islam, nicht die Muslime sind das Problem, sagen Sie. Hängt die Vereinbarkeit also davon ab, daß sich die Muslime nicht an den Islam halten?
In gewisser Weise ja. Nehmen Sie ein paar Beispiele: Im Islam beginnt das Leben erst im Jenseits. Sie müssen sterben, um zum Leben zu gelangen. In unseren Rechtsstaaten schützt der Staat das Leben. Dazu verpflichten ihn die Gesetze, und die Gesetze werden vom Volk gemacht. Das ist ein vernünftiger Aufbau, ein säkulare Verfassung. Im Islam gibt es so etwas nicht. Der Islam anerkennt individuelle Rechte nicht als Wert an sich. Man unterwirft seinen Willen dem Willen des Propheten und erhält erst dadurch Rechte und Pflichten.
Im Islam ist eine Unterscheidung zwischen religiösem und öffentlichem Bereich undenkbar. Alles ist im Koran und im Hadith festgeschrieben, und jede Form des Wissens, die nicht diesen beiden Büchern entspringt, ist haram - unrein. Das erklärt auch, warum die arabischen Staaten so wenig Forschung und Wissenschaft betreiben, so wenige Bücher übersetzen. In liberalen Gesellschaften sind Bildung und Wissenschaft keine Ableitungen der Religion. Wenn Sie in liberalen Gesellschaften einem Wissenschaftler widersprechen möchten, brauchen sie eine bessere Theorie, stichhaltigere Belege. Und wenn die nicht gut genug sind, gehen sie eben nach Hause und lecken ihre Wunden, aber sie gehen nicht los und töten den anderen, wie es die Philosophie des Islam vorschreibt, auch wenn sich zum Glück nicht alle Muslime daran halten. Wenn sie aber dem Propheten Mohammed widersprechen, dann gibt es keinen Spielraum mehr, dann ist jeder gegen Sie, und sie werden mit Drohungen überschüttet. Ich könnte immer weiter aufzählen: Das Thema Homosexualität zum Beispiel oder der Umgang mit den sogenannten Nichtgläubigen. Ungläubige müssen der dahwa ausgesetzt werden, erst freilich der Predigt, wenn sie die aber ablehnen, tritt die sechste Verpflichtung, der Jihad in Kraft. Das ist eine wesentlicher Bestandteil des Islam, der natürlich völlig inakzeptabel ist.
Der Islam hat viele gute Seiten. Aber das ist ein anderes Thema. Es muß möglich sein, in einer getrennten Diskussion nur über solche Aspekte zu reden, die mit einer liberalen Verfassung unvereinbar sind.
Man hört oft die Formel, der Islam werde von Terroristen mißbraucht. Dem würden sie also widersprechen?
Ja. Das ist kein Mißbrauch. So wurde uns der Islam überliefert. Jeder Schüler lernt, daß Islam die Unterwerfung unter den Willen Gottes bedeutet. Dann wird er fragen: Wo finde ich denn den Willen Gottes? Dann stößt er auf Koran und Hadith. Und was man dort dann wortwörtlich liest und auswendig lernt, hat eben mehr mit Bin Ladin zu tun als mit den schönen Worten europäischer Islamreformer. Darum hat Bin Ladin so viele Anhänger, jeder Muslim kann das nachvollziehen.
Aber nur eine Minderheit der Muslime bekennt sich doch zu Bin Ladins Taten - glücklicherweise.
Das stimmt. Darum verfolge ich eine umgekehrte Argumentation: Ich glaube, Bin Laden beruft sich zu Recht auf die Religion. Darum müssen wir - wenn wir diese Gewalt verurteilen und verabscheuen - die Religion ändern. Leider fehlt es dazu an notwenigen Führungspersönlichkeiten, wir haben im Islam eine Krise der theologischen Autoritäten und zwar nicht zuletzt deswegen, weil der Prophet keine Nachfolger hatte beziehungsweise alle ermordet wurden. In einer Fernsehdiskussion am Sonntag erklärte der Generalsekretär des Zentralkomitees der Muslime in Deutschland, Dschihad heiße im Grunde nichts anderes, als „den inneren Schweinehund zu überwinden“.
Der Betreffende hat nur einen Teil der Wahrheit dargestellt. Die erste Stufe von Dschihad meint tatsächlich den inneren Kampf, die eigene Unterwerfung zu bewerkstelligen, also fünfmal am Tag beten, den Koran lesen, am Ramadan fasten und nach Mekka pilgern. Dann gibt es die Stufe der Mission, friedlich zuerst. Aber die problematische Dimension des Dschihad ist dann erst die nächste Stufe. Sie folgt dem Koran, der sagt, Friede sei erst dann möglich, wenn alle dem Glauben unterworfen sind. Wenn der von Ihnen zitierte Islam-Vertreter ehrlich wäre, müßte er sagen: Letzteres schreibt uns unsere Religion vor, aber wir werden es nicht tun. So wird die Frage nach der Friedlichkeit des Islam zu einer Frage des Vertrauens. Hier im Westen nehmen die Leute erst einmal an, die Aussage eines Gesprächspartners sei auch so gemeint. Die Generalunterstellung ist erst einmal die, daß man sich die Wahrheit sagt. Im arabisch-islamischen Raum ist das nicht unbedingt so, denn es gibt keine Notwendigkeit, einem Ungläubigen gegenüber wahrhaftig zu sein. Es führt nicht weiter, an diesen fundamentalen Punkt nicht rühren zu wollen.
Wie erfolgreich ist Ihrer Meinung nach der Dschihad in Europa?
Ich spreche von der schleichenden Scharia. Die Untergrabung der freiheitlichen Gesellschaft ist ein Prozeß in mehreren Stufen. Wenn es in holländischen Gremien um das Für und Wider eines bestimmten öffentlichen Aktdarstellung geht, sprechen sich die muslimischen Vertreter immer dafür aus, die Darstellung verschwinden zu lassen. Vor zehn Jahren wären solche Debatten in Holland noch unvorstellbar gewesen. Oder nehmen Sie die Situation in manchen Gegenden Frankreichs. Dort gibt es manchmal nur noch einen Supermarkt, einen islamischen, in dem kein Schweinefleisch und kein Alkohol zu haben ist. Dort muß man nun also mit dem Bus fahren, wenn man eine Flasche Wein kaufen will. Und in Großbritannien geht es nun soweit daß die Sparkassen keine Sparschweine mehr aufstellen, um die Gefühle der Muslime nicht zu verletzen, für die Schweine ja unrein sind. Das ist eben die schleichende Scharia. Sie zeigt ihr vollständiges Gesicht erst in den Gesellschaften, in denen die Muslime in die Mehrheit gekommen sind.
Der Genfer Islamwissenschaftler Tariq Ramadan verspricht einen friedlichen Euro-Islam, will die Freiheitsrechte für Frauen garantieren. Was halten sie von ihm?
Ramadan sagt, was wir alle hören wollen. Ich habe seinen letzten Text über den Papst gelesen. Im ersten Absatz verurteilt er die gewalttätigen Proteste, schreibt, Muslime dürften sich darüber nicht in dieser Form aufregen. Da dachte ich: Wow! Musik in meinen Ohren. Aber wenn man dann weiterliest, fällt auf, was er nicht sagt. Ramadan weicht konsequent der Auseinandersetzung um die aufgeworfene Gewaltfrage aus. Das finde ich nicht in Ordnung. Er gehört für mich zu den Vertretern des Islam, die die Diskussion einäugig führen möchten. Die einfach weglassen, was nicht in die friedliche Wunschvorstellung paßt. Ich kann mir nicht vorstellen, wie er bei einer derart einseitigen Argumentation irgendjemanden überzeugen will, daß Islam und westliche Lebensweise zu versöhnen wären. Es muß doch nur eine junge muslimische Frau ankommen und sagen: Ich möchte mit einem nicht beschnittenen Nicht-Muslim zusammenleben. Da würde die Vision des Euro-Islam schon erste Kratzer kriegen. Ramadan redet über den Islam, wie er sein sollte, nicht über den Islam, wie er ist. Man kann aber kein ehrliches Gespräch auf der Basis von Verdrängungsleistungen führen.
Wie stellen Sie sich denn eine Reformation des Islam vor?
Der Ausgangspunkt muß der Prophet sein. Er hat sich selbst als"Bote Gottes" bezeichnet. Er ist nicht gottgleich, sondern fehlbar, eben ein Mensch, der Gottes Wort verkündet. Wir sollten also alle mit den Menschenrechten vereinbaren Bestandteile seiner Lehre behalten, aber den Rest eben in seinem historischen Kontext, der arabischen Halbinsel des siebten Jahrhunderts belassen. Der zweite Schritt wäre festzustellen, daß auch der Koran nicht von Gott stammt, sondern 150 Jahre nach dem Tod Mohammeds von Menschen verfaßt wurde. Darin stehen viele Dinge, die wir heute überwinden sollten. Die Menschheit hat sich schließlich seitdem enorm entwickelt. Und der dritte Punkt ist die Sexualdoktrin. Ich spreche vom Dogma der Jungfräulichkeit vor der Ehe. Wenn wir das überwinden, werden die Frauen frei sein.
Wie steht es mit der Apostasie im Islam? Kann man austreten?
Wenn man es leise tut, schon . . .
Also nicht öffentlich, so wie Sie.
Nicht so wie ich, genau. Aber die neuste Mode ist ja, etwa in Ägypten, daß mißliebige Intellektuelle gegen ihren Willen aus der Umma ausgeschlossen werden. Dann werden sie zwangsgeschieden und zum Abschuß freigegeben.
Sie stehen nun schon seit einigen Jahren im Zentrum der Kontroverse, haben jede Menge Feinde - aber auch Anhänger. Sind Sie ein Vorbild für andere aus der islamischen Gemeinschaft? Nein, ich rüttele bloß am Baum. Man kann mich nicht Vorbild nennen. Vorbilder wird es erst in der nächsten Generation geben Wir sind da noch ganz am Anfang. Es gibt aber in den Niederlanden eine leidenschaftliche Diskussion und schon wichtige junge islamische Autoren und Intellektuelle. Ich stehe zwar am Ausgangspunkt der Debatten - mit der Frage: Bist Du auf ihrer Seite oder nicht? -, dann aber kommt die Debatte auch auf die eigentlichen, inhaltlichen Fragen. Diese Debatte innerhalb der muslimischen Gemeinschaft müssen wir unterstützen und fördern, statt auf alte Männer mit Bärten und Kopfbedeckung zu hören, die uns doch nur mit Friedensillusionen einlullen, staatliche Unterstützung erbitten und versichern, sie hätten die Jugend im Griff, während dieselbe Jugend zum selben Zeitpunkt Straßenschlachten veranstaltet.
Leider ist die saudi-arabische Regierung, die einen rückständigen Islam verbreiten läßt, ein sehr enger Verbündeter des Westens und insbesondere auch der Vereinigten Staaten, wo Sie heute leben. Das ist ein großes Problem. Wenn die Globalisierung so weiter voran schreitet, wird sich der Westen von solchen Verbündeten trennen müssen. Bin Ladin trifft natürlich einen richtigen Punkt, wenn er den Westen für die Unterstützung von Tyrannenstaaten verurteilt. Wir unterstützen Ägypten, die Saudis, Jordanien, Pakistan, die Golfstaaten - das sind alles keine Rechtsstaaten und keine Demokratien. Diese ganze sogenannte realistische Außenpolitik in der Tradition von Henry Kissinger war ein Desaster. Jetzt haben wir dort despotische Regimes mit einer ungebildeten, jungen arbeitslosen Bevölkerung, die der Religion hilflos ausgesetzt ist. Sie können dort nicht von einem Tag auf den anderen das Mehrheitswahlrecht einführen. Dazu gehört erst einmal das freie Individuum, das sich informiert, das weiß, worüber es abstimmt. Das wird in diesen Ländern nicht so schnell gehen.
Oder wenn, dann kommt es zu einem Wahlerfolg der Hamas.
Auch so ein Punkt. Statt die Hamas mal regieren zu lassen, eine Verwaltung betreiben zu lassen, wo sie recht schnell in Konflikte mit ihrer Scharia geraten würde, hilft die Europäische Union, die Widersprüche aufzulösen, in dem sie zahlt, so daß die Hamas das Geld nur zu verteilen braucht. Wir nennen die Hamas völlig zurecht eine kriminelle Vereinigung, aber werfen ihr auch noch das Geld hinterher! So halten wir die Palästinenser und die anderen arabischen Bevölkerungen in erbärmlichen und rückständigen Verhältnissen.
In den Vereinigten Staaten kursiert das Argument, die Amerikaner zahlten doppelt, sowohl für teures Benzin, das die islamischen Despoten stützt, als auch für den Militärhaushalt.
Das trifft zu. Öl war ein Fluch für die ganze Region. Nehmen sie nur Nigeria, früher kein islamisches Land, dort wurde nun, auf der Woge der Öleinnahmen, ebenfalls die Scharia eingeführt. Wir müssen vom Öl loskommen.
Sie wirken, seit Sie die Niederlande verlassen haben, am American Enterprise Institute, das den Republikanern nahesteht. Wie bewerten Sie den Irak-Krieg?
Diese Idee, in ein Land hineinzugehen und in zwei Jahren Demokratie herzustellen, war eine naive Utopie. Nun aber wird Amerika den Irak nie verlassen. Das wird noch Generationen dauern. Und langfristig - mal sehen. Indien, das sich nun zu einer prosperierenden Demokratie entwickelt, war auch die Kolonie, um die sich die Briten am längsten kümmerten.
Alles, was Sie sagen, läuft auf die Notwendigkeit einer theologischen Reform des Islam hinaus. Nun spricht aber nicht nur Navid Kermani von einer akuten Krise der islamischen Theologie - einer Krise, die der Reform im Wege steht.
Ja. Da Mohammed in einer Stammesgesellschaft gewirkt hat und Krieg und Schlachten da große Themen waren, ist der Islam eine Religion der Sieger. Das ist natürlich mit den heutigen Fakten nur schwer zu versöhnen. Und eine Religion von Siegern braucht auch keine Theologie. Ich halte diese ganze Frage der fehlenden theologischen Autorität allerdings für die große Sollbruchstelle des Islam.
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Jean Paul Sartre 1905 - 1980
Einer der bedeutendsten und kreativsten Autoren des 20. Jahrhunderts war Jean-Paul Sartre. Sein umfangreiches, viele Genres umfassendes Werk ist bisher weder vollständig in Frankreich publiziert noch komplett ins Deutsche übersetzt worden. Über kaum einen Autoren des Zwanzigsten Jahrhundert wurden und werden weltweit so viele Dissertationen, Bücher und Aufsätze (Sekundärliteratur) verfaßt. Sein Leben ist in mehreren umfassenden Biographien beschrieben worden.
In seinem Werk steht die Freiheit des Menschen und die Vielgestaltigkeit seiner Entwürfe im Zentrum. Das Individuum, das Subjekt, behauptet sich trotz vielfältiger struktureller Zwänge - soziale, politische, historische, kulturelle und psychische Voraussetzungen und Schranken - in komplexen Situationen. Der Existentialismus Sartres wandelte sich von einer frühen emphatischen Affirmation der Freiheit zu einer späteren Konzeption, bei der sich die Freiheit verengt zu jener "kleinen Bewegung, die aus einem völlig gesellschaftlich bedingten Wesen einen Menschen macht, der nicht in allem das darstellt, was von seinem Bedingtsein herrührt."
Sartre hat in seinem literarischen Werk, in Dramen, Romanen, Erzählungen und Filmszenarien, die Situation des Menschen als Herausforderung beschrieben. Kolonialismus, Rassismus, Antisemitismus, die Unterdrückung der Frauen und ökonomische Ausbeutung sind Bedingungen, denen sich der Mensch unterwerfen oder gegen die er sich erheben kann. Es liegt in seiner Entscheidung, seine vorgefundene Situation auf sich zu nehmen, um sie zu überschreiten, und entsprechend in authentischer Weise zu leben, oder sich ihr so anzupassen, daß er seine Freiheit entfremdet und verdinglicht, was Sartre als Inauthentizität beschreibt.
In seiner Philosophie, die sich neben den Hauptwerken Das Sein und das Nichts (1943) und Kritik der dialektischen Vernunft(1960) in umfangreichen Entwürfen zu einer Moral und in zahlreichen Aufsätzen niederschlug, stehen die Beziehungen der Individuen zur Geschichte und zur Gesellschaft im Mittelpunkt. Sein Verhältnis zur Husserlschen Phänomenologie, zur Heideggerschen Existenzphilosophie, zur Psychoanalyse, zu Strukturalisten und Marxisten nimmt einen wesentlichen Platz ein.
Am Ende seines Lebens kreisten Sartres Gedanken um den Begriff der Brüderlichkeit und um eine Gesellschaft, die brüderliche Wechselseitigkeit zwischen den Menschen ermöglichen könnte.
http://www.sartre-gesellschaft.de/
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Ryszard Kapuscinski 1932-2007
"Die Stärke der europäischen Kultur liegt, im Gegensatz zur anderen Kulturen, in ihrer Kritikfähigkeit, vor allem in ihrer Selbstkritik. Der europäische Geist erkennt seine Grenzen, akzeptiert die eigene Unvollkommenheit, ist skeptisch, zweifelnd und stellt Fragen. Den anderen Kulturen fehlt der kritische Geist. Und noch mehr - sie neigen zu Hochmut, zu der Haltung, dass alles Eigene das Beste sei. Für die Übel sind immer die anderen verantwortlich. Sie vermuten Komplotte, Verschwörungen, Agenten, fremde Dominanz in verschiedenen Formen. Sie halten jede Kritik für einen bösartigen Angriff, diskriminiernd oder rassistisch. Vertreter dieser Kulturen nehmen Kritik sehr persönlich, wie eine Beleidigung, Demütigung. Wenn man ihnen sagt, dass der Stadt schmutzig sei, dann könnte man ihn gleich sagen dass sie selber schmutzig sind. Statt Selbstkritik hegen sie Groll, Neid oder Komplexe. Das alles bewirkt, dass ihre Kulturen unfähig sind zur Öffnung und Fortschritt".
"Heroische Haltung ist immer selten, ist eine Ausnahme. Da jedoch diejenigen die aus der Vergangenheit auftauchen als Heroen erschinen, der Eindruck entsteht, dass die Menschheit in ihrer Ganzheit genauso heroisch wären. Inzwischen sind die meisten normal, durchschnittlich, schwach, nur mit dem Gedanken beschäftig, um zu Überleben, graue Vögel des Alltags mit kurzen Flügeln. Auch in der Architektur. Nur Türme, Kathedralen, Paläste, haben überdauert, aber die Gebäude waren einzigartig. Allgemeinheit wohnte in Lehmhütten, in provisorischen Schuppen, Buden von der nichts geblieben ist. Gewöhnlichkeit, Einfachheit Durchschnittlichkeit werden sehr schnell vergessen als hätten sie nie existieret. Nur das, was einzigartig ist kann die Zeit überdauern".
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«Wer sich so in Gefahr begibt wie Kapuscinski, kann nicht normal sein», hat Salman Rushdie gesagt.
Ach, Salman ist ein guter Freund von mir. Die Gefahr ist Teil meines Jobs, das muss ich akzeptieren, basta. Ausserdem ist die Welt allgemein ein gefährlicher Ort. Alle Menschen fürchten sich, die Frage ist nur, wie man damit umgeht. Manchmal gibt es einfach Wichtigeres als die eigene Angst. Natürlich ist sie ein sehr starkes und unschönes Gefühl. Sie verwüstet einen. Wer nie alles überwuchernden Hass, nie wirklichen Hunger erlebt hat, der kann einen gar nicht verstehen. Der hat ein anderes Bewusstsein und ein viel ruhigeres Gewissen. Und manchmal finde ich keine Mittel, mich verständlich zu machen. Da fühle ich mich ausgeschlossen.
Wie wichtig ist Geschichte?
Sehr wichtig, denn sie stiftet Identität. Bei uns, wo die Gegenwart so dynamisch ist, vergisst man leicht, was war und woher man kommt. Ein Gefühl von Entwurzelung kann die Folge sein. Es gibt afrikanische Sprachen, die kennen keine Zukunft, nur Gegenwart und Vergangenheit, die Toten werden unter dem Haus begraben, sie sind mitten unter den Lebenden und geben ihnen Kraft. Geschichte wird dort häufig mündlich überliefert, hat einen Helden und die Form des Mythos. Beim Erzählen wandelt sich das Geschehene natürlich, es wird den aktuellen Bedürfnissen angepasst. Aber die Leute sind sehr ergriffen von ihrer Vergangenheit.
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Karl Raimund Popper - Die offene Gesellschaft und ihre Feinde. Kritischer Rationalismus und Politik
Popper gilt als einer der bedeutendsten und (vor allem in der angelsächsischen Welt) einflussreichsten Philosophen der Gegenwart, ein Ruf, der mehr noch seinen wissenschaftstheoretischen als seinem politiktheoretischen Werk gilt. Nach 1945 erschienen neben Neufassungen seiner älteren Bücher vor allem noch die Aufsatzsammlungen "Conjectures and Refutations"(1963) und "Objective Knowledge" (1972), 1973 auf deutsch, "Objektive Erkenntnis", sowie ein umfangreiches Buch über die Beziehung von Körper, Gehirn, Denken und Bewusstsein ("The Self and ist Brain"), 1977, deutsch ("Das Ich und sein Gehirn", 1982), das er in Zusammenarbeit mit dem Neurobiologen und Nobelpreisträger John Eccles verfasste. In der Folge des Zweiten Weltkriegs mit seinen fünfzig Millionen Toten, der Zerstörung ganzer Landstriche, der systematisch betriebenen Vernichtung von Millionen Juden und nicht zuletzt dem Abwurf zweier Atombomben erhielt die Erde ein neues Gesicht, das bis heute insbesondere durch zwei Züge geprägt ist:
- von der Erfahrung des Terrors und der Zerstörung planetarischen Ausmaß, die durch das Gleichgewicht des Schreckens gebändigt werden sollen;
- von der Hoffnung auf einen Neubeginn nach der weitgehenden Zerstörung Europas, der gekennzeichnet sein sollte durch die Verwirklichung der bürgerlichen Demokratie
In der westlichen Hemisphäre, durch wirtschaftlichen Aufschwung und wissenschaftlich-technischen Fortschritt der Naturbeherrschung, durch den Ausgleich sozialer Spannungen und einem Pluralismus der Werte, der die Toleranz zum obersten Gebot macht. Doch neben dieses Selbstverständnis der Nachkriegszeit trat schon bald die Einsicht in eine, in wesentlichen Bereichen ganz anders geartete politische und gesellschaftliche, wirtschaftliche und kulturelle Realität: Die Teilung Europas und der kalte Krieg, Stellvertreterkriege in der sogenannten "Dritten Welt", wissenschaftlich-technischer Fortschritt mit einhergehenden weltweiten Umweltschäden und der aus den verschiedenen Ursachen erwachsene Protest gegen herrschende Argumentationsfiguren und ideologischer Sachzwänge.
„ Und wenn es etwas geben würde wie einen Sozialismus verbunden mit persönlicher Freiheit, dann wäre ich auch heute noch Sozialist. Denn ich kann mir nichts Besseres denken als ein bescheidenes, einfaches und freies Leben in einer egalitären Gesellschaft. Ich brauchte einige Zeit, bevor ich erkannte, dass das nur ein schöner Traum war; dass die Freiheit wichtiger ist als die Gleichheit; dass der Versuch, Gleichheit zu schaffen, die Freiheit gefährdet; und dass, wenn die Freiheit verloren ist, es unter den Unfreien auch keine Gleichheit geben kann“ (Popper 1979a,45). Die Erkenntnis, dass sich die Versprechen des 19. Jahrhunderts nicht von selbst verwirklichen, dass also technischer Fortschritt und wirtschaftliches Gedeihen nicht zwangsläufig zur Beglückung der Menschheit führen, war spätestens seit der Jahrhundertwende ins öffentliche Bewusstsein gedrungen. Sie fand nach dem zweiten Weltkrieg umso mehr Widerhall, als seit den zwanziger Jahren die Sozialwissenschaften begonnen hatten, die Funktionsgesetze westlicher Zivilisationen systematisch zu untersuchen, ihre problematischen Seiten ( sei es aus marxistischer Sicht, sei es etwa im Vergleich zu anderen Kulturkreisen) herauszustellen und die Widersprüche sichtbar zu machen, die innerhalb des wissenschaftlich-technischen Weltbildes auftreten, wenn der erhobene Anspruch mit der Realität konfrontiert wird.
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Neckla Kelek
Der Weg der Vernunft
„ Wenn wir über den Islam und die Integration oder über Islam und Reform und über westliche Werte sprechen, dann müssen die veränderungsbereiten Muslime selbst einen Weg der Vernunft gehen.
Sie müssen die Reform ihrer Religion betreiben, nicht indem sie mehr Raum und Gruppenrechte einfordern, sondern indem sie klug und maßvoll die Stärkung der Rechte des Einzelnen, des Individuums mithilfe der europäischen Gesetze fördern. Es geht nicht darum, Freiheiten auszunutzen, sondern für die Gesellschaft und die Religion Verantwortung zu übernehmen. Nur starke und selbstverantwortliche muslimische Männer und Frauen werden in einer modernen Gesellschaft ihren Platz und ihre Identität finden.
Ich bin zu der Erkenntnis gelangt, dass der Islam, jedenfalls so wie er sich in seinem politischen Kern heute darstellt, nicht in eine demokratische Gesellschaft zu integrieren ist.
Er stellt sich in seinem ganzen Wesen als ein Gegenentwurf zur aufgeklärten, säkularen Zivilgesellschaft dar. Der Islam muss sich säkularisieren, daran führt kein Weg vorbei. Er muss den Dualismus der westlichen Gesellschaft anerkennen und leben, sonst wird er nicht ankommen und fremd bleiben.“
Ich bin deshalb auch der Meinung, dass es zur Zeit nicht um eine staatliche Anerkennung der islamischen Organisationen als Vertreter des Islam gehen kann.
Dafür erfüllen sie nicht die Voraussetzungen und sie sind auch nur ein marginaler Teil der Muslime in Deutschland. Und wie das Beispiel Österreich, wo die Muslime seit 1912 als Religionsgemeinschaft anerkannt sind, zeigt, führt die Anerkennung nicht automatisch zu einer besseren Integration. 45% der Muslime, befand der vormalige Innenminister Prokop,
seien „nicht integrationswillig“.
Aber ich bin der Überzeugung, dass jeder einzelne Muslim als gläubiger Mensch seinen Platz in dieser Gesellschaft finden kann. Ohne den spirituellen Sinn und eine Vielzahl der Riten seines Glaubens auf- oder preiszugeben. Und ich habe Hoffnung, dass dies gerade in Deutschland möglich ist.“
(( Prof. Dr. Necla Kelek, geb.1957 in Istanbul, kam mit 1o Jahren nach Deutschland und hat…Volkswirtschaft und Soziologie studiert und über das Thema „Islam und Alltag“ promoviert. Sie forscht zum Thema Parallelgesellschaften, Islam und Integration…..ständiges Mitglied der Deutschen Islamkonferenz...))
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Die Muslime und der Holocaust
Von Necla Kelek, 21. November 2009, 04:00 Uhr
Die Unfähigkeit zu trauern plagt auch die Einwanderer aus der Türkei
Wie Sie vielleicht wissen, bin ich in der Türkei geboren und 1967 mit zehn Jahren nach Deutschland gekommen und inzwischen deutsche Staatsbürgerin. Ich teile diese Biografie mit Tausend Anderen und muss mir die Frage stellen: Bin ich für das, was vor meiner Zeit in Deutschland zwischen 1933 und 1945 geschah, mitverantwortlich? Geht mich das, was vor Jahrzehnten in der Türkei geschah und heute geschieht, noch etwas an?
Viele meiner türkischen Landsleute, vor allem die Jüngeren, leben heute in einer Art selbstgewähltem geschichts- und verantwortungslosen Zustand. Die Geschichte und Verhältnisse in der Türkei kennen sie nicht und können sie nicht beeinflussen. Sie wollen sich die ferne Heimat nicht schlechtreden lassen, protestieren in einer Art kollektiven Reflex, wenn man in dunkle Vorgänge der Geschichte Licht bringen will. Mit der deutschen Geschichte haben sie auch nichts zu tun. Die, die keinen deutschen Pass haben, können nicht wählen, können oder wollen keine Verantwortung übernehmen und sind faktisch Opfer einer Politik, die andere für sie machen. Und so kommt es zu der verbreiteten Haltung: Schuld sind immer die anderen, im Zweifelsfall die Deutschen. Der Migrant ist das Mündel, das abhängig gehalten wird - auch von den eigenen Leuten. Ja, die Opferrolle wird von der türkischen Politik geradezu zelebriert. Es ist ein schlimmer Zustand, auf diese Weise in einer Art geschichtlichen Amnesie zu leben. Viele Migranten und auch die türkische Gesellschaft leben in einer infantilen Gesellschaft, die sich nicht ihrer historischen und gesellschaftlichen Verantwortung stellt und damit zur Generation ohne Geschichte wird.
Für uns in Deutschland lebende Bürger gibt es aber eine Möglichkeit, sich aus dieser Haltung zu befreien: Man hört auf zu jammern. Man nimmt teil, mischt sich ein, wird Staatsbürger dieses Landes. Integration ist Teilhabe an der Gesellschaft und ein Prozess, der auch vom Einwanderer eine Leistung abverlangt. Freiheit muss man lernen, Verantwortung tragen auch.
Ich hatte vor fast zwanzig Jahren in dieser Frage ein Schlüsselerlebnis. Ich bin als Studentin in meiner Nachbarschaft am 9. November zu einer Gedenkstunde in die Hamburger Synagoge gegangen. Dort sprach Ralph Giordano und schilderte die Deportation seiner Familie und Nachbarn. Etwas Merkwürdiges geschah mit mir. Die Erzählung empörte mich nicht als Türkin über die Verbrechen der Deutschen, sondern ich war getroffen als Mensch. Ich schämte mich als menschliches Wesen für die Menschen, die anderen so etwas antun.
Erst spät hatte die Bundesrepublik gelernt, sich der Schuldfrage anzunehmen. 1967 erschien ein Buch, das heftige Reaktionen hervorrief und zeigte, wie brüchig die bis dahin auf einer "Bewusstseinszensur" basierende Selbstgewissheit der Nachkriegsgesellschaft war: "Die Unfähigkeit zu trauern" von Alexander und Margarete Mitscherlich. Ein Buch, das von der Weigerung der Kriegsgeneration handelte, sich der Verantwortung für die im Dritten Reich begangene Schuld zu stellen - in den Augen der beiden Autoren eine notwendige Voraussetzung, um sich von der autoritären Fixierung auf den Diktator Adolf Hitler lösen und "Trauerarbeit" leisten zu können. In der Geschichte der Bundesrepublik steht diese "Erinnerungsarbeit" bis heute immer wieder auf der Tagesordnung. Die Debatten verlaufen meist äußerst kontrovers, aber sie haben durch die kollektive Befassung eine Art Reifeprozess ermöglicht und damit dazu beigetragen, den demokratisch-zivilen Charakter dieser Republik zu festigen. Sie waren "Arbeit", mit der die verdrängte Vergangenheit ins Bewusstsein gehoben wurde.
Ich möchte heute die Gelegenheit ergreifen, meinen türkischen Landsleuten und auch den Muslimen im Land diese "Arbeit" aufzubürden. Ich möchte dazu beitragen, dass wir Migranten lernen, dass wir im Guten wie im Bösen viel mit dem Land gemeinsam haben, in dem wir leben. Denn Heimat ist der Ort der Gegenwart wie der Erinnerung. Mehr als es türkische und deutschen Geschichtsbücher bisher verkünden, stellen sich auch bekannte historische Fragen anders, als gemeinhin vermutet wird. Die Geschichte der Deutschen, der Türken, Araber und Muslime hat viele gemeinsame Punkte, es sind Ereignisse, in der sich Fragen der Verantwortung anders als vermutet stellen.
Ich spreche hier darüber, weil ich das als deutsche Staatsbürgerin tun kann, ohne in Gefahr zu laufen, von einem Staatsanwalt vor Gericht gezerrt zu werden wie kürzlich der Schriftsteller Orhan Pamuk wegen seiner Äußerungen zum Völkermord an den Armeniern. Und weil ich es für unerträglich halte, wenn Voreilige jede Äußerung, die kritisch mit Türken, Arabern oder Muslimen umgeht, als Rassismus deuten. Zur Wahrheit gehört Klarheit, auch wenn die Wahrheit unangenehm ist.
Ich möchte Ihnen anhand einiger Beispiele die Verbindung deutscher, türkischer und islamischer Geschichte dokumentieren. Bereits 1912/13 hatten die Jungtürken unter Enver Pascha in einem Militärputsch den Sultan gestürzt und die Macht übernommen. Kaiser Wilhelm II. sah die politische Bewegung der Jungtürken, als eine Art fünfte Kolonne der Deutschen. Das deutsche Kaiserreich setzte im Ersten Weltkrieg ganz auf "die islamische Karte". Den Heiligen Krieg der Muslime wollte Wilhelm als "letzten Trumpf" einsetzen. Im Schatten des Ersten Weltkriegs wurden 1915 die Armenier aus Anatolien vertrieben und ermordet. Es waren bis zu 1,4 Millionen Menschen. Generalfeldmarschall Colmar von der Goltz hatte die Deportation der "unzuverlässigen" Armenier in die mesopotamische Wüste empfohlen, weil er sie als Bedrohung im Rücken der eigenen Truppen sah. Bei dem diktatorisch regierenden Triumvirat unter Enver Pascha, Talaat Pascha und Cemal Pascha, das ein durch die türkischen Muslime dominiertes Anatolien anstrebte, stieß sein mörderischer Vorschlag auf Zustimmung. Sie wollten eine ethnische reine Türkei schaffen.
Vom Holocaust an Armeniern war bereits im Jahr 1895 die Rede. Bereits Abdulhamid II. hatte die Armenier als Sündenbock ausersehen und nutzte einen provozierten Anlass in Konstantinopel, um die Armenier zu verfolgen. Ende Dezember 1895 erreichten die gegen die Armenier gerichteten Pogrome, auch Urfa, eine der ältesten Städte der Menschheit, die heilige Stadt Abrahams in Ostanatolien. Einheimische kurdische Stammesführer plünderten, zusammen mit den Truppen des Sultans und seiner Spezialeinheit "Hamidiye", innerhalb weniger Tage 2400 Häuser und brachten über 10 000 Armenier und andere Christen um. Entsetzlicher Höhepunkt war die Brandschatzung der armenischen Kathedrale, in die sich 3000 Armenier mit ihren Frauen und Kindern geflüchtet hatten. Man verbarrikadierte alle Eingänge und steckte die Kirche in Brand. Wer nicht verbrannte, erstickte am Qualm des frischen grünen Pfeffers, den man körbeweise in die Flammen warf. Eine in Urfa anwesende amerikanische Missionarin gebrauchte für die Tat erstmals den Begriff "Holocaust", der in einer englischen Bibelübersetzung für "Brandopfer" steht. Kein einziger der Mörder wurde jemals zur Rechenschaft gezogen und eine Verantwortung ist in diesem Zusammenhang noch nie problematisiert worden - die der Kurden. Wenn von den Landschaften in Ostanatolien und Städten gesprochen wird, redet man gemeinhin von kurdischen Gebieten. Ja inzwischen leben dort fast nur noch Kurden. Vor einhundert Jahren waren die Kurden an der Vertreibung und Ermordung der Armenier aktiv beteiligt, sie haben sich mithilfe der Türken den Besitz der Armenier angeeignet, haben ihre Städte und Häuser übernommen. Noch nie habe ich von kurdischer oder offizieller türkischer Seite auch nur ein Wort des Bedauerns, eine Geste der Verständigung gehört.
Auch in Deutschland wissen wenige von den Vorgängen, die zum Holocaust an den Armeniern geführt haben - obwohl Deutsche involviert waren. Auf beiden Seiten. Den Armeniern stand der evangelische Pfarrer Johannes Lepsius, Leiter eines Spitals und eines Waisenhauses, zur Seite. Er dokumentierte den "Todesgang des armenischen Volkes" und organisierte Hilfe. Die jungtürkischen Regierungstruppen wiederum wurden von dem deutschen Major Graf Wolffskeel von Reichenberg unterstützt, der den armenischen Widerstand niederschießen ließ; ein Oberstleutnant Böttrich unterschrieb die Deportationsbefehle. Auch in Deutschland gibt es Widerstände, sich der Aufarbeitung dieser Geschehnisse anzunehmen. Einem wie Johannes Lepsius ist noch kein Denkmal gesetzt worden. Es bedurfte einer Entschließung des Bundestages, damit die Dokumente von Lepsius über den Genozid endlich in Potsdam ausgestellt werden können.
Auf Intervention des türkischen Botschafters sollten vor einigen Jahren die Schulbücher für Brandenburg "bereinigt" werden - von dem Völkermord sollte keine Rede mehr sein; Kenan Kolat, der Vorsitzende der "Türkischen Gemeinde in Deutschland" gehört zu denjenigen, die die Interessen der Türkei vertreten. Er hat einen Brief an die Bundeskanzlerin geschrieben und sie darauf hingewiesen, dass der Ausbau des Lepsius-Hauses in Potsdam "die Völkerverständigung zwischen Armeniern und Türken erschweren" werde. Der Sozialdemokrat Kolat macht deutlich, dass sich sein Verband an Völkermord an den Armenier weder erinnern noch ihm gedenken will. Ihn stört auch, dass türkische Schüler in Brandenburg vom Völkermord der Armenier im Osmanischen Reich erfahren. Dadurch würde ein "psychologischer Druck" auf die türkisch-stämmigen Schüler erzeugt, der angeblich nicht nur ihre schulische Leistung, sondern auch den "inneren Frieden" im Land gefährden würde. So kann eine aufgeklärte zivile Gesellschaft mit der Geschichte nicht umgehen. Solche Auffassungen sind, Integrationshindernisse und richten sich gegen eine aufgeklärte Gesellschaft. Gerade uns Migranten in Deutschland muss daran gelegen sein, dass das geschichtsklitternde Reinheitsgebot türkischer Politiker und ihrer Ableger in Deutschland nicht unwidersprochen bleibt.
Übrigens war Hitler über den Genozid und das Vorgehen der Jungtürken genauestens informiert. In seinem Prozess, in dem er sich für den Putsch von 1923 verantworten musste, berief er sich auf das Vorbild der Jungtürken. Und vor dem Überfall auf Polen 1939 wischte der "Führer" alle Bedenken gegen die geplante Vernichtung der polnischen Eliten mit dem Hinweis beiseite: "Wer redet heute noch von der Vernichtung der Armenier?" Hitler suchte darüber hinaus den strategischen Schulterschluss mit den Muslimen gegen die Juden. Er fand ihn im Mufti von Jerusalem, dem einflussreichsten Vertreter der Muslime im Nahen Osten.
Hadj Mohammed Amin al-Husseini, so hieß der Mufti, organisierte seit 1916 Aufstände gegen die jüdische Bevölkerung in Palästina, auch der Kampf um die Klagemauer, bei dem 1929 Hunderte von Juden und Araber starben, ging auf sein Konto. Mit dem Machtantritt der Nazis in Deutschland eröffneten sich ihm neue Perspektiven. Die Muslime suchten Kontakt mit Berlin, boten an, Aufstände gegen die Briten anzuzetteln, baten um Waffen und bekamen sie. Al-Husseini war dabei der politische, religiöse und militärische Strippenzieher. Als bei Kriegsbeginn 1939 die Lage auch in Jerusalem unsicher wurde, floh der Mufti nach Beirut und übermittelte in seiner Eigenschaft als Führer der arabischen Welt dem deutschen "Führer" Adolf Hitler ein Angebot zur Zusammenarbeit. Es kam zum Teufelspakt zwischen Halbmond und Hakenkreuz. Der Mufti gelangte 1941 über Istanbul und Rom nach Berlin. Hier wurde er von Hitler empfangen. Er drängte ihn die Araber offiziell beim "Kampf um eine arabische Nation" zu unterstützen. Hitler ordnete an, al-Husseini auf die Gehaltsliste der Nazis zu setzen. Der Mufti wurde nicht müde, den Kampf gegen die Juden in Arabien zu organisieren.
Als der Mufti 1942 erfuhr, dass die deutsche Seite über den Austausch von 5000 jüdischen Kindern aus der Slowakei, Polen und Ungarn gegen britische Kriegsgefangene verhandelte, intervenierte er bei seinem Freund Heinrich Himmler - denn, wenn diese Kinder in einigen Jahren erwachsen wären, würden sie das "jüdische Element" in Palästina verstärken. Himmler verbot daraufhin den Austausch. Ähnliches wiederholte sich, als die Bukarester Regierung fast 80 000 Juden aus Rumänien nach Palästina ausreisen lassen wollte, sowie bei den Verhandlungen um 5000 bulgarische Kinder im Februar 1943 - statt nach Palästina wurden sie in die Vernichtungslager transportiert. Das religiöse Oberhaupt der palästinensischen Muslime erwies sich als wachsamer Helfershelfer des Holocaust.
Zurück zu den Türken und ihr Verhältnis zu den Juden ihres Landes. Der Integrationsminister von Nordrhein-Westfalen spricht sich in seinem Buch "Die Aufsteigerrepublik" dafür aus, den jungen türkischstämmigen Jugendlichen die Empathie mit den Opfern des Holocaust zu ermöglichen, in dem man ihnen nahe bringt, "dass es gerade die junge türkische Republik unter Atatürk war, die tausenden Verfolgten in der Nazizeit Asyl gewährten." Leider muss man feststellen, dass auch Minister in diesem Land manchmal von Dingen sprechen, über die sie sich schlecht informiert haben.
1933 lud die türkische Republik dreißig, später 200 deutsche Wissenschaftler ein, um in der Türkei eine neue universitäre Ausbildung zu begründen. Es waren meist rassisch Verfolgte der "Notgemeinschaft deutscher Wissenschaftler im Ausland", u.a. der Architekt Bruno Taut, die Erfinderin der Einbauküche Margarete Schütte-Lihotzky, der Komponist Paul Hindemith, Ernst Reuter usw. mit ihren Familien; insgesamt 1000 Personen. Als Atatürk 1938 starb, wurden die meisten Verträge nicht verlängert, viele der Emigranten wurden 1944 in Internierungslager gebracht. Die "neutrale" Türkei verlangte auf Druck der deutschen Regierung ab 1938 "Ariernachweise" von Flüchtlingen und suchte den Fluchtweg von Juden über die Türkei zu verschließen. Mit den eigenen Juden ging man nicht besser um.
Nach Angaben von jüdischen Organisationen hatten sich in Europa vor Beginn des Krieges fast 20 000 türkische Juden niedergelassen- eine enorme Zahl angesichts der 82 000 türkischen Juden, die in der Türkei selbst (1927) registriert waren. In Berlin unterhielten sie sogar eine eigene Synagoge. Nach den Beschlüssen der Wannsee-Konferenz zur "Endlösung" der Judenfrage wurden die Regierungen von zehn europäischen Staaten, auch die der Türkei, vom Reichsaußenminister im Juli 1943 von der Möglichkeit informiert, "Juden ihrer Staatsangehörigkeit aus dem deutschen Machtbereich heimzuschaffen". Die türkische Regierung hatte damit keine Eile. Sie bat die deutsche Botschaft wiederholt um Fristverlängerung. Die Botschaft wiederum mahnte die Türkei mehrfach, doch endlich zu reagieren. Als diese dennoch nichts unternahm, um ihre Leute zurückzuholen, übernahm die Sicherheitspolizei in Brüssel die Regie. Am 13. Januar 1944 teilte sie dem Auswärtigen Amt mit: "Inzwischen sind eine Reihe türkischer Juden in ein Konzentrationslager überstellt worden. Die Schlüssel der Wohnungen dieser türkischen Juden sind über die Botschaft Paris dem für Belgien zuständigen Türkischen Generalkonsulat zugestellt worden."
In der Türkei, unter Türken und unter Muslimen fehlt ein öffentlicher Diskurs über diese Dinge. Es fehlt an einer Auseinandersetzung mit der Geschichte. Bei meinen Recherchen bin ich häufig auf ein Verhalten gestoßen, das ich, in Anlehnung an das Ehepaar Mitscherlich, "die Unfähigkeit, sich zu erinnern" nennen möchte. Begründet ist diese Unfähigkeit nicht nur im kollektiven Unwissen, sondern auch ein genereller Abwehrreflex. Geschichte erscheint als unbedeutend, wenn sie nicht die eigene Größe dokumentiert.
In der türkischen und der muslimischen Gesellschaft herrscht ein großes Misstrauen gegen das offene Wort und die freie, kritische Nachfrage. Schnell wird einem unterstellt, Kritik gelte nicht dem besonderen Gegenstand, dem spezifischen Ereignis, der einzelnen Person, stelle vielmehr die Nation, die Türken oder den Glauben unter Generalverdacht.
Eine Gesellschaft, die sich gegen das freie Wort mit staatlicher Macht abzusichern oder kritische Stimmen diffamiert, kann mit sich selbst nicht im Reinen sein. Sie bleibt, in einer Art Bewusstseinsgefängnis stecken. Was die Mitscherlichs mit Blick auf die Verdrängung der während des Dritten Reiches begangenen Verbrechen schrieben, gilt auch für die türkische Gesellschaft von heute: "Die Getöteten können wir nicht zum Leben erwecken. Solange es uns aber nicht gelingen mag, uns den Lebenden gegenüber aus den Vorurteilsstereotypen unserer Geschichte zu lösen ? werden wir an unserem psychosozialen Immobilismus wie an eine Krankheit mit schweren Lähmungserscheinungen gekettet bleiben."
Für mich liegt in diesem "psychosozialen Immobilismus" eine der Wurzeln für die vielen Widersprüche, denen ich bei Vertretern der Türken und Muslime begegne.
Dabei können wir zum allgemeinen Nutzen sehr direkt und zu aller Nutzen aus der Geschichte lernen, nämlich wenn wir bereit sind, vorurteilslos über Fakten zu sprechen und sie gemeinsam zu analysieren. So strebten die Nazis die Volksgemeinschaft statt des Bürgerstaates an. Die Islamisten kämpfen statt der Bürgergesellschaft für die Glaubensgemeinschaft als Leitkultur. Im islamischen Zentrum in Hamburg hört sich das dann so an: "Aber wenn die Menschen den religiösen Rahmen annehmen und die Praktizierung der Scharia verlangen und sich die Gesellschaft entlang der islamischen Werte bewegt und dafür ihre Stimme gibt, werden sie mit einer demokratischen Methode die Demokratie durch Religion einschränken." Zum Glück fühlt sich nur eine Minderheit der Migranten und Muslime in Deutschland durch Türken- und Islamvereine vertreten, obwohl die sich aufführen, als seien sie deren Sprecher. Die anderen Menschen möchten in Deutschland ankommen. Aber es ist schwer, Verantwortung zu übernehmen und Mut zu zeigen, wenn die deutsche Öffentlichkeit selbst keinen Mut zeigt, über unangenehme Dinge zu sprechen. Dieses Land hat mit der Aufarbeitung seiner jüngsten Geschichte eine beispielhafte Leistung vollbracht. Ich wünsche mir auch für die deutsche Gesellschaft, dass wir diese Verantwortung gemeinsam wahrnehmen und die Bürgerrechte verteidigen. Die Gestaltung der Zukunft darf nicht in einer Art Erschöpfung Anderen überlassen werden.
Necla Kelec ist Soziologin und ständiges Mitglied der deutschen Islamkonferenz. Ihr jüngstes Buch "Bittersüße Heimat" erschien 2008 bei Kiepenheuer und Witsch. Ihr Text ist die gekürzte und überarbeitete Fassung einer Rede, die Kelec am 9. November in der Paulskirche zum Gedenken an die Pogromnacht hielt.
GOLDMANN VERLAG
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Oriana Fallaci
"Wie der Islam, schließlich, ist die Linke antiwestlich. Und der Grund, aus dem sie antiwestlich ist, kannst du einem Abschnitt eines Aufsatzes entnehmen, den der österreichische Liberale Fridrich von Hayek in den dreißiger Jahren über das bolschewistische Russland und das nationalsozialistische Deutschland schrieb. Hier ist er.
Mit rasender Geschwindigkeit entfernen wir uns nicht nur von den Anschauungen von Cobden und Bright, Adam Smith und Hume oder selbst denen Lockes und Miltons, sondern auch einem Kernstück der abendländischen Kultur, wie sie aus christlichen, griechischen und römischen Elementen entstanden ist. Nicht nur den Liberalismus des 18. und 19. Jahrhunderts
geben wir Schritt für Schritt auf, sondern auch die Grundlagen der individualistischen Philosophie, die wir als Vermächtnis von Erasmus und Montaigne, von Ciecero und Tacitus, von Perikles und Thukydides empfangen haben. Dieser Individualismus, der auf der Grundlage des Christentums und der Philosophie des klassischen Altertums sich zuerst während der Renaissance voll entwickelte und seitdem immer mehr als abendländische Kultur entfaltet hat, ist in der Hauptsache durch die Achtung vor dem Individuum als Menschen gekennzeichnet. Der Sozialismus gründet auf Kollektivismus. Der Kollektivismus lehnt den Individualismus ab. Und wer auch immer den Individualismus ablehnt, der lehnt die westliche Kultur ab."
( Oriana Fallaci, „ Die Kraft der Vernunft“, List 2004)
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-- "Der Islam ist ein Teich. Und der Teich ist ein stehendes Gewässer. Voll mit Wasser, das nie abfließt, sich nie bewegt, sich nie reinigt, nie zu fließendem Wasser wird, das bis ins Meer strömt. In der Tat verunreinigt es leicht und taugt auch wenig als Viehtränke. Der Teich liebt das Leben nicht".
Oriana Fallaci: Das Wiedererwachen des Antisemitismus
Bei dem hier in Auszügen übersetzten Text handelt es sich um einen Exklusivtext von Oriana Fallaci für die Zeitschrift „Panorama“, erschienen am 16.4.2002. Die Ausgabe, in der Fallacis Text erschien, wird von einem Forattini-Cartoon eingeleitet, das einen von Juden gekreuzigten Papst zeigt.
Dass Fallaci ihren Text in dieser Zeitschrift überhaupt platzieren konnte, verdankt sie ihrer Popularität. In den europäischen Feuilletons ist man nach Erscheinen dieses Textes über Fallaci hergefallen - schlimmer noch als nach den ersten Besprechungen von "Die Wut und der Stolz", dem Buch, in dem sie dazu aufruft, den "Gotteskriegern" von europäischer Seite aus entschlossener entgegenzutreten. Fallaci (71) ist als Kriegsberichterstatterin aus Vietnam und dem Libanon berühmt geworden.
Oriana Fallaci schreibt:
"Ich finde es beschämend, dass in Italien Umzüge stattfinden, auf denen als Selbstmordattentäter Verkleidete infame Verwünschungen Israels herausschreien, Fotographien hochhalten, auf denen führende Israelis mit einem Hakenkreuz auf der Stirn versehen sind, und die Öffentlichkeit zum Judenhass aufstacheln." (...)
"Ich finde es beschämend, dass die katholische Kirche einem Bischof, der obendrein im Vatikan residiert, erlaubt an diesem Umzug teilzunehmen, nachdem dieser falsche Heilige in Jerusalem mit einem Arsenal von Waffen und Sprengstoff, das er in Geheimfächern seines heiligen Mercedes versteckt hatte, erwischt worden war. Derselbe stellt sich auf diesem Umzug vors Mikrophon und dankt im Namen Gottes den Selbstmordattentätern, die Juden in Pizzerien und Supermärkten massakrieren, und nennt sie
« Märtyrer, die in den Tod wie zu einem Fest gehen»"... (...)
"Ich finde es beschämend, dass sie [unsere Priester] sich auf die Seite derer stellen, die den Terrorismus beweihräuchern, der uns in Flugzeugen, auf Flughäfen, bei Olympiaden tötet und der sich heute damit beschäftigt, westliche Journalisten dahinzumetzeln, sie zu erschießen, zu vergewaltigen, ihnen die Kehle durchzuschneiden, sie zu köpfen. Nach dem Erscheinen von "La Rabbia e l´Orgoglio" drohte mir ein Unbekannter an, dasselbe mit mir machen. Er zitierte Koransuren und forderte seine Brüder in den Moscheen und islamischen Gemeinden auf, mich im Namen Allahs zu bestrafen, mich zu töten, sogar mit mir zu sterben." (...)
"Ich finde es beschämend, dass die staatlichen Fernsehsender zum antisemitischen Ressentiment beitragen," (...) "dass in ihren Talk-Shows eben die Turban oder Pilgermützen tragenden Schurken mit großer Hochachtung und Gastfreundschaft behandelt werden, die den Anschlag von New York lobpreisen wie sie heute die Anschläge in Jerusalem, Haifa, Netanya und Tel Aviv lobpreisen." (...) "Ich finde es beschämend, dass die Presse das gleiche macht" (...), "dass man es für richtig hält, der Zahl der seit Beginn der zweiten Intifada getöteten Israelis einen Beigeschmack von Alltäglichkeit zu verleihen, indem man in Fettdruck herausstrich, dass schließlich im israelischen Straßenverkehr mehr Juden sterben." (...)
"Ich finde es beschämend, dass nahezu die ganze Linke, jene Linke, die vor zwanzig Jahren auf einer Gewerkschaftsdemonstration gestattete, dass eine Bahre vor die Römische Synagoge gelegt wurde (eine Warnung, wie sie für die Mafia typisch ist), den Beitrag der Juden am antifaschistischen Kampf vergessen macht," (...) "von den 75 unter 350 in Fosse Ardeatine Getöteten zu den ungezählten anderen, die unter der Folter, im Gefecht oder vor den Exekutionskommandos ihr Leben ließen. Ich finde es beschämend, dass auch, ja sogar hauptsächlich die Linke daran schuld ist - man denke an die Linke, die ihre Kongresse damit eröffnet, dem italienischen PLO-Vertreter, .dem Führer der Palästinenser, die die Zerstörung Israels wollen, zu applaudieren - , dass die Juden in den italienischen Städten wieder Angst haben müssen. Dasselbe gilt in französischen, niederländischen, dänischen und deutschen Städten." (... dem Führer der Palästinenser, die die Zerstörung Israels wollen, zu applaudieren - , dass die Juden in den italienischen Städten wieder Angst haben müssen. Dasselbe gilt in französischen, niederländischen, dänischen und deutschen Städten." (...
"Ich finde es beschämend, dass die üblichen Opportunisten, die üblichen Aasgeier, die wie immer der Dummheit, der Gemeinheit und der Ehrlosigkeit, also ihrer eigenen, höchst eigennützigen Form der Politischen Korrektheit gehorchen, das Wort Frieden ausbeuten. Dass sie im Namen des Friedens, eines Wortes, das jetzt schon mehr besudelt ist als die Worte Liebe und Menschlichkeit, den einseitigen Hass und die einseitige Bestialität schönreden. Dass im Namen eines Pazifismus, sprich Konformismus, der das Geschäft gefühliger Schwätzer und Hofnarren ist, die einst die Füße Pol Pots leckten, verwirrte, naive und furchtsame Menschen aufgehetzt werden. Dass diese getäuscht, verdorben und ein halbes Jahrhundert zurückversetzt werden, d.h. in die Ära des gelben Sterns am Mantel. Den Scharlatanen bedeuten dabei die Palästinenser genauso viel wie mir die Scharlatane. Nämlich nichts."
"Ich finde es beschämend, dass so viele Italiener, so viele Europäer sich zu Vasallen des Herrn Arafat machen" (...) "...der dank der Gelder der saudischen Königsfamilie den Dauer-Mussolini gibt und der in seinem Größenwahn glaubt als der George Washington Palästinas in die Geschichte einzugehen." (...) "Dieser Pseudo-Guerillero, der wie Pinochet immer nur Uniform und niemals Zivil trägt, und der dessen ungeachtet noch niemals an einem Gefecht teilgenommen hat. Er ließ immer und lässt noch Krieg führen. Nicht zuletzt gegen die armen Seelen, die an ihn glauben. Dieser pompöse Stümper, der sich in der Rolle des Staatsoberhaupts gefällt, ließ die Verhandlungen von Camp David scheitern, die Clinton-Initiative: Nein-Nein-Jerusalem-das-ich will-alles-haben-für mich." (...) "Dieser ewige Terrorist, der sich nur auf Terrorismus versteht, der damals, als ich ihn interviewte, RAF-Terroristen ausbildete." (...) "Heute bildet er Kinder zu Selbstmordattentätern aus. Dieser Räuberhäuptling, der seine Frau nach Paris schickt, ausgestattet und hofiert wie eine Königin, der hingegen sein Volk in der Scheiße hält." (...)
"Ich finde all das beschämend und sehe darin den Ursprung eines neuen Faschismus, eines neuen Nazismus. Ein Faschismus, ein Nazismus, umso finsterer und abscheulicher, wie er von jenen angeführt und hochgepäppelt wird, die scheinheilig auf Gutmensch, auf fortschrittlich, auf kommunistisch, auf pazifistisch, auf katholisch und christlich machen und die die Stirn haben, mich, die die Wahrheit herausschreit, Kriegstreiber zu nennen. Ich bin niemals sanft mit der tragischen, geradezu shakespearianischen Sharon umgegangen." (...) "Mit den Israelis bin ich oft hart ins Gericht gegangen, und habe die Palästinenser in der Vergangenheit manches Mal verteidigt. Vielleicht mehr als sie es verdient hatten. Aber ich stehe auf Seiten Israels, auf Seiten der Juden. Dort stehe ich, wie ich es von klein auf tat, d.h. in der Zeit, als ich mit ihnen kämpfte." (...) "Ich verteidige ihr Existenzrecht, ihr Recht zur Selbstverteidigung, ihr Recht, sich nicht ein zweites Mal vernichten lassen zu müssen. Angeekelt vom Antisemitismus so vieler Italiener, so vieler Europäer, schäme ich mich für diese Schande, die mein Land und Europa entehrt. Im besseren Falle ist es nicht eine Staatengemeinschaft, sondern ein Sumpf voller Gestalten wie Pontius Pilatus. Und auch, wenn alle Bewohner dieses Planeten darüber anders dächten, werde ich weiterhin so und nicht anders denken." (...)
by Oriana Fallaci Übersetzer: U.Krug
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Salman Rushdie
„ Wenn es einen Gott gibt, dürften ihn die „Satanischen Verse“ nicht groß kümmern, denn was wäre das für ein Gott, dessen Thron durch ein Buch ins Wanken geriete. Der Streit besteht also weniger
Zwischen Gott und mir, als zwischen mir und denen, die der Meinung sind, sie könnten sich jede Frechheit herausnehmen, weil sie Gott auf ihrer Seite haben.“
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Sam Harris
Eine Abrechnung mit dem religiösen Fundamentalismus. Über Religion, Gewalt und die Zukunft der Zivilisation:
" Der religiöse Glaube - der Glaube, dass Jesus auf die Erde zurückkehren wird; der Glaube , dass muslimische Märtyrer direkt ins Paradies eingehen- steht schlicht auf der falschen Seite dieses ständig eskalierenden Krieges der Ideen.
Die Religion erhöht das Risiko von Streit unter den Menschen um ein vielfaches mehr, als Stammeskonflikte, Rassismus oder Politik es jemals könnten. Religion ist die einzige Art von Denken, die das Gruppenspezifische dem Gruppenfremden gegenüberstellt und die die Unterschiede zwischen den Menschen im Lichte eines ewigen Lohnes versus einer ewigen Strafe betrachtet. Eine der nachhaltigsten Pathologien der menschlichen Kultur ist die Tendenz, Kinder so zu erziehen, dass sie andere Menschen aufgrund ihres religiösen Glaubens zu fürchten und zu dämonisieren lernen. Die Folge ist, dass Religion auf zumindest zwei Arten zur Gewalt verführt. Erstens töten Menschen andere Menschen, weil sie glauben, dass der Schöpfer des Universums will, dass sie das tun. Der islamische Terrorismus ist nur das jüngste Beispiel dafür. Zweitens provozieren Menschen Streit miteinander, weil sie ihre jeweilige Gemeinschaft ausschließlich nach den moralischen Kriterien ihrer jeweils eigenen Religion definieren: Muslime ergreifen Partei für Muslime, Protestanten für Protestanten, Katholiken für Katholiken. Die Konflikte selbst sind zwar nicht immer explizit religiös, aber Fanatismus und der Hass, die eine Gemeinschaft von der anderen trennen, sind häufig das Ergebnis religiöser Identitäten."
(...) "Obwohl die religiösen Spannungen auf der Welt derart offensichtlich sind, glauben noch immer viele Menschen, dass Religionskriege nur durch mangelnde Bildung, Armut oder politische Streitereien ausgelöst würden. Die meisten Ungläubigen, Liberalen oder Moderatoren gehen offenbar davon aus, dass niemand wirklich dazu bereit sei, das eigene Leben oder das Leben anderer wegen seines religiösen Glaubens zu opfern. Aber wer so denkt, der weiß nicht, was es bedeutet, sich des Paradieses gewiss zu sein. Folglich kann er sich auch nicht vorstellen, dass sich überhaupt irgendwer des Paradieses gewiss sein kann. Man sollte sich in Erinnerung führen, dass die Attentäter vom 11.September 2001 hochschulgebildete Männer der Mittelschicht waren, die keine erkennbaren Erfahrungen mit politischer Unterdrückung gemacht hatten. (1) Dafür hatten sie beträchtlich viel Zeit in ihren örtlichen Moscheen verbracht und dort über die Verderbtheit der Ungläubigen und über die Freuden gesprochen, welche die Märtyrer im Paradies erwarteten." Aus dem Buch : " Brief an ein christliches Land". (Random House, 2007)
(1) Anmerkung von VAF : Der harte Kern der Attentäter des 11. September 2001 besuchte vor den Anschlägen in New York und Washington, von den Sicherheitsbehörden unbemerkt, regelmäßig die Al Kuds Moschee in Hamburg- Harburg. Seit den Aufzeichnungen der sogenannten „Hamburger Gespräche“ wurde bekannt, dass islamistische Hassprediger in der Moschee als religiös - ideologischen Einpeitschers agierten und die Terrorzelle um Mohammed Atta diesen Hasstiraden über den Westen und die Ungläubigen regelmäßig beiwohnten. Die Inhalte der Predigten wurden lange Zeit vor der Öffentlichkeit im Verborgenen gehalten, bzw. fanden kein öffentliches Interesse. Im Jahre 2001 wurde der Hamburger Senat von einem rot- grünen Koalitionsbündnis regiert. Unter dem Deckmantel eines von SPD, Bündnis 90 / Die Grünen normierten und von falscher Toleranz geprägten multi-kulti Illusionstheaters, konnte sich die Schläferzelle um Atta ungestört in radikal-islamistischen Kreisen bewegen und von den Sicherheitsbehörden unbehelligt, auf die Anschläge des 11. September 2001 vorbereiten. Links- grüner Kulturrelativismus und eine grenzenlose Blindheit und Ignoranz gegenüber des dem Islamismus inhärenten, radikal-fundamentalistischen Potenzials, hat zumindest damals dazu geführt, das die Attentäter in Hamburg einen idealen Ruheraum zur Vorbereitung, dieses bis dato beispiellosen terroristischen Massenmordes, serviert bekamen. Die Hamburger Al Kuds Moschee ist bis zum heutigen Tag in Betrieb.
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Michael Schmidt-Salomon
Zunächst eine Anmerkung zum Stichwort "Lächerlichkeit": Ich mache Religionen nicht lächerlich, sie sind lächerlich aus sich selbst heraus und diese genuine Lächerlichkeit zeigt sich gerade dann in besonderem Maße, wenn man in aufklärerischer, d.h. nicht-vernebelnder Weise über Religionen schreibt. Wenn Sie diese ungeschminkte Einschätzung "respektlos" nennen wollen, ist das Ihr gutes Recht. Mit fehlender Toleranz hat dies aber nichts zu tun! Meines Erachtens beruht der ganze Ansatz der Frage auf einer problematischen Verwechslung von Toleranz, Akzeptanz und Ignoranz. Um das zu erklären, muss ich leider etwas weiter ausholen und die Begriffe voneinander abgrenzen:
Toleranz ist eine Last. Das sagt schon die etymologische Herkunft des Wortes über das lateinische tolerare, das von tolus (="Last") abgeleitet
ist und das man mit "ertragen", "durchstehen", "aushalten" oder "erdulden" übersetzen kann.Toleranz meint die Fähigkeit, störende bzw. verstörende Formen des Andersseins oder Andershandelns erdulden zu können. Wer tolerant ist, der nimmt es hin, dass andere Menschen in unangenehmer Weise anders denken, handeln, empfinden. Akzeptanz leitet sich demgegenüber vom lateinischen "accipere" ab, das "annehmen", "übernehmen", "gutheißen" bedeutet.
Was man akzeptiert, das duldet oder toleriert man nicht nur bloß, man ist mit ihm einverstanden. So toleriere ich Homosexualität nicht nur, ich akzeptiere sie vielmehr als völlig legitimen Ausdruck menschlicher Sexualität, auch wenn ich persönlich heterosexuell veranlagt bin.
Tolerieren muss ich nur, was ich nicht akzeptiere, was ich nicht respektiere, was mir vielleicht sogar im höchsten Maße lächerlich vorkommt, wie etwa die Tatsache, dass Christen im Rahmen eines rituell-kannibalischen Akts, den sie "Kommunion" nennen, ihren Erlöser verspeisen. Nimmt man mir die Möglichkeit meinen fehlenden Respekt gegenüber solchen archaischen Praktiken in aller Deutlichkeit zu äußern, so nimmt man im gleichen Schritt Christen die Gelegenheit, erstens eine andere Sichtweise auf ihren Glauben kennenzulernen und zweitens sich in Toleranz zu üben. Gerade letzteres wäre aber dringend geboten, schließlich ist Toleranz, in diesem Fall: die Duldung der Existenz glaubensfeindlicher Überzeugungen, etwas, was gerade sehr religiösen Menschen äußerst schwer fällt (siehe etwa den Karikaturenstreit ).
Der dritte Begriff, Ignoranz, geht auf das lateinische Substantiv ignorantia (= Unwissenheit, Dummheit )zurück und bezeichnet die Unfähigkeit, bedeutsame Sachverhalte zur Kenntnis zu nehmen. Manch einer, der tolerant erscheint, ist in Wahrheit nur ignorant, da er gar nicht die Lasten bemerkt, die er vielleicht erdulden müsste oder gegen die er sich möglicherweise sogar wehren sollte. Wer sich beispielsweise nicht darum kümmert, was innerhalb islamistischen Gruppierungen geschieht, der neigt weit eher dazu, sich in repressiver Weise tolerant zu äußern ("Lebenund Lebenlassen: Lasst die Leute doch machen, was sie wollen !" , als diejenigen, die einen guten Einblick in die Szene haben. Ignorante Personen sind aufgrund Ihrer fehlenden Kenntnis der zugrunde liegenden Sachverhalte nicht in der Lage, vernünftige Grenzen der Toleranz bzw. der Akzeptanz zu formulieren. Echte Toleranz setzt nämlich ebenso wie echte Akzeptanz Einiges an Sachkenntnis voraus. Bevor man vernünftig entscheiden kann, ob etwas geduldet oder vielleicht sogar akzeptiert werden kann, ist es wichtig zu wissen, um welche Sachverhalte es überhaupt geht.
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Peter Sloterdijk
Kritik der zynischen Vernunft
Der Religionszynismus
"Und was machen Sie mit dem Gral wenn Sie ihn gefunden haben?"
Benjamin Disraeli
...sogar Grinsen mengt sich ein, gleich dem des Totenkopfes selbst; denn dass der lange planende Mensch abfährt wie Vieh, ist auch gleichsam witzig.
Ernst Bloch, Das Prinzip Hoffnung, S. 1299
(...) Der erste Zynismus religiösen Typs begegnet uns gleichfalls im alten Testament. Bezeichnender Weise steht er in der Erzählung vom ersten Mord der Menschheitsgeschichte - in der Geschichte von Kain und Abel. Adam und Eva hatten ( unter anderem) zwei Söhne, Kain, den Erstgeborenen, der ein Bauer war, und Abel, den Zweiten, ein Schäfer. Eines Tages bringen Beide dem Herrn Opfer, Kain von den Früchten des Feldes, Abel von den Erstlingen der Herde. Der Herr jedoch heißt nur das Opfer des Abel willkommen, während er das des Kain verschmäht. Da ergrimmte Kain sehr, und seine Gebärde verstellte sich...
Da redete Kain zu seinem Bruder Abel. Und es begab sich, da sie auf dem Feld waren, erhob sich Kain wider seinen Bruder Abel und schlug ihn tot. Da sprach der Herr zu Kain: Wo ist dein Bruder Abe " ( 1.Moses, 4,6-9) Mit dieser Frage ist für den religiösen Zynismus die Bühne aufgeschlagen. Die Kunst der Verstellung, von der hier erstmals die Rede ist, hängt unmittelbar mit der zynischen Wendung eines gewalttätigen Bewusstseins gegen den anderen zusammen. Was könnte Kain antworten? Was immer er sagen würde, es müsste ein Zynismus werden- denn in Wahrheit hat er nicht vor, die Wahrheit zuzugeben; die Kommunikation mit dem Finger ist von vornherein verzerrt. Kain könnte, wen er aufs Ganze ginge, seinem Gott antworten:" Frag nicht so scheinheilig, Du weißt genauso gut wie ich, wo Abel ist, denn ich habe ihn eigenhändig umgebracht, und Du hast mir dabei nicht nur ruhig zugeschaut, sondern mir auch den Anlass dazu geliefert..." Kains wirkliche Antwort hat in ihrer Kürze noch genügend Biss: " Ich weiß nicht; soll ich meines Bruders Hüter sein?" Ein allwissender und allgerechter Gott, lässt Kains Retourkutsche durchblicken, sollte sich solche Gewissenssticheleien sparen können. Was ist das für ein Gott, der einerseits die Menschen ungleich behandelt und sie zu Verbrechen zumindest provoziert, aber andererseits unschuldig Fragen stellt nach dem Geschehenen? "Gott" dringt also, wenn man so sagen darf, nicht in jedes Bewusstsein durch. Kain macht sein Gewissen gegen diesen nichtdurchdringenden Gott dicht (vgl. die Psychologie von Kindern, die in großer Strafangst aufwachsen). Er reagiert patzig, ausweichend-unverschämt.
Mit diesem ersten Verbrechen, mehr noch als mit dem Sündenfall, so zeigt der alttestamentarische Mythos, ist etwas geschehen, was in die noch frische Schöpfung einen tiefen Bruch bringt - die Dinge beginnen, Gott zu entgleiten. Grausamkeiten entstehen in der Welt, nicht denen er nicht gerechnet hat und mit deren gerechter Sühnung er noch nicht recht umzugehen weiß. Die Pointe der Kainsgeschichte, merkwürdig genug, scheint darin zu bestehen, dass Gott, als sei er nachdenklich geworden, den Mörder Kain, nicht nur nicht bestraft, sondern ihn mit dem Kainsmal ausdrücklich unter seine persönliche Protektion stellt: "Die Rache ist mein, spricht der Herr." Denn was sich rächte, das wäre bestimmt kein Gott auf der Höhe des Möglichen. Der Gott der alten Juden hat viel von einem zornigen, alten, verbitterten Mann, der die Welt nicht mehr ganz versteht und mir eifersüchtigen und misstrauischen Blicken betrachtet, was da unten alles vor sich geht.
Immerhin wird das zurückschlagen gegen das Kainsche Urverbrechen aufgeschoben bis zum göttlichen Gericht; Gott gibt sich und den Menschen noch eine Frist, und die Mythen von einem jüngsten Gericht betonen, dass bis zu seinem Eintreffen eine entscheidende Spanne Zeit vergehen wird - die Zeit einer großen Chance. Es ist die Zeit, die Gott braucht, um gerecht zu werden; die Zeit, die wir nötig haben, um zu begreifen, was richtiges Leben sei. Beides bedeutet im Grunde das Gleiche (...).
(...) Sobald sich der Christ im Totenkopf wie in einem Spiegel wiedererkennt, kann er dahin kommen, wo die Angst vor dem Tod zurücktritt vor der Angst, nicht gelebt zu haben. Er begreift dann, das es genau "die Hure Welt" ist, mit der ins Bett zu steigen die Chance dieses unwiederbringlichen Lebens darstellt.
Von Anfang an wird die christliche Religion von einem eigentümlichen Problem verfolgt: dem Nichtglaubenkönnen. Sie ist, als organisierte Religion, ihrem innersten Wesen nach bereits eine Religion der mauvaise fo - der Unaufrichtigkeit nämlich in dem Maß, wie sie nicht auf der Nachahmung Christi beruht, sondern auf der Nachahmung der Nachahmung, auf Christuslegende, Christusmythos, Christusdogma, Christusidealisierung. Der Prozess der Dogmatisierung ist von der mauvaise foi geprägt, denn es sind zwei Dimensionen unvermeidlicher Ungewissheit, die durch Dogmatisierung in Gewissheit umgelogen werden: Erstens war das von Jesus Überlieferte äußerst fragmentarisch und in seiner Authentizität nicht mit letzter Sicherheit fassbar, sodass es nur allzu begreiflich ist, wenn sich in den Jahrhunderten nach Jesu Tod die Unterschiedlichsten Auslegungen von Christlichkeit entwickeln konnten(...).
Peter Sloterdijk, Kritik der zynischen Vernunft, Edition Suhrkamp 1983, S. 513 u. 518.
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THEO VAN GOGH
War die Ermordung Theo van Goghs politisch motiviert?
De Winter: So wie es bisher aussieht, war es ein Mord aus religiösen Motiven und damit natürlich politisch. Der Verdächtige ist ein fanatischer Muslim. Ich habe gehört, dass er mit einem Messer einen Zettel mit Koranversen an den Körper des Toten geheftet hat.
SPIEGEL ONLINE: Wie sind die Reaktionen in den Niederlanden?
De Winter: Die ganze Nation steht unter Schock. Es ist das zweite Kapitel der Tragödie, die mit der Ermordung Pim Fortuyns begonnen hat. Wir sehen Fortuyn mehr und mehr als einen radikal libertären Politiker. Im Ausland wird er immer noch fälschlicherweise als Rechtsaußen beschrieben.
SPIEGEL ONLINE: Wie würden Sie Theo van Gogh beschreiben?
De Winter: Er war ein Artist provocateur, wie die Franzosen sagen. Ich selbst war häufig die Zielscheibe seiner gnadenlosen Angriffe. Er ging ständig zu weit. Ich will Ihnen ein Beispiel von Herrn van Goghs Feinsinn geben: Einmal schrieb er, dass ich, wenn ich Sex mit meiner Frau habe, mir wohl Stacheldraht um meinen Penis wickele und 'Auschwitz, Auschwitz' schreie.
SPIEGEL ONLINE: Das ist jenseits aller Geschmacksgrenzen...
De Winter: So hat er unzählige Leute beleidigt, es war Teil seiner Persönlichkeit. Aber das muss man aushalten, wenn man in einer freien Gesellschaft wie den Niederlanden wohnt. Sie haben zwei Möglichkeiten, sich zu verteidigen: Entweder Sie schreiben zurück, so wie ich das tue, oder Sie ziehen vor Gericht, wie es viele andere Opfer van Goghs getan haben.
SPIEGEL ONLINE: Männer wie Fortuyn und van Gogh garantieren dem Land seine liberale Identität?
De Winter: Zweifellos. Die Frage ist, wie die Menschen auf solche Provokateure reagieren. Menschen, die weder auf dem weichen noch auf dem harten Weg gelernt haben, was Freiheit und Toleranz bedeuten, können mit so was nicht umgehen. Der Verdächtige fühlte sich von van Goghs Film tief beleidigt. In dem Film wird Mohammed als pädophil bezeichnet, weil er mit einem neunjährigen Mädchen verheiratet war.
SPIEGEL ONLINE: Fanden Sie den Film anstößig?
De Winter: Nein, überhaupt nicht. Zum ersten Mal schrieb ich danach etwas Positives über Herrn van Gogh in meiner wöchentlichen Zeitungskolumne, weil ich den Film für sehr gelungen und subtil hielt. Ich habe auch geschrieben, dass Leute, die diesen Film provokant finden, ein großes Problem haben.
SPIEGEL ONLINE: Welches?
De Winter: Sie sind nicht reif, in der niederländischen Gesellschaft zu leben.
SPIEGEL ONLINE: Was für Folgen wird dieser Mord haben?
De Winter: Wir müssen uns erneut fragen, wie wir mit den Immigranten umgehen wollen. Menschen mit solchen Ideen gehören zu einer Subkultur, und wir müssen den islamischen Führern sehr klar machen, dass die Grenzen der westlichen Demokratie nicht überschritten werden dürfen. Fortuyns Mörder war ein radikaler Linker, der Verdächtige jetzt kommt aus dem radikalen Islam.
SPIEGEL ONLINE: Warum passieren diese Gesinnungsmorde ausgerechnet in den Niederlanden?
De Winter: Der Grund ist unsere Toleranz. Wir haben niemandem unsere Werte aufgezwungen, weil wir immer die Kultur des "Anything goes" gefeiert haben. Nach dem Motto: Mach, was Du willst, solange du niemandem weh tust. Das ist ein wunderbarer Way of Life. Aber die Immigranten sind nicht durch die blutigen Jahrhunderte unserer Evolution gegangen. Sie müssen von vorn anfangen, und das bringt den Konflikt.
SPIEGEL ONLINE: Kann die niederländische Gesellschaft in Zukunft genauso offen sein wie bisher oder wird es Einschränkungen geben?
De Winter: Das war Fortuyns Hauptfrage. Er hat gesagt, es ist mir egal, wer hier lebt, solange sie genauso liberal sind wie wir. Ich möchte ihnen meinen Liberalismus aufzwingen. Ich lasse mich nicht von ihrem Glauben einschränken. Van Gogh sah das genauso.
SPIEGEL ONLINE: Gibt der neuerliche Mord Fortuyn im Nachhinein recht?
De Winter: Absolut. Es gibt noch mehr Leute, die wie van Gogh Morddrohungen erhalten haben. Ich fürchte, wir haben das Ende noch nicht gesehen.
SPIEGEL ONLINE: Was muss jetzt getan werden?
De Winter: Ich bin ein dummes Kind der Aufklärung. Ich finde immer nur eine Lösung: Bildung, Bildung, Bildung. Wir müssen den Immigranten erklären, dass die Mehrheit von uns nicht an Gott glaubt und daher anders denkt und handelt als sie. Können wir das schaffen? Ich hoffe es. Aber tief in meinem Herzen bin ich sehr frustriert.
SPIEGEL ONLINE: Wird es nun Übergriffe gegen Muslime geben?
De Winter: Das darf nicht passieren. Es wäre falsch, die Schuld eines Einzelnen auf eine Gruppe abzuwälzen. Dazu sind wir auch zu diszipliniert. Aber es wird viele Diskussionen geben.
Das Interview führte Carsten Volkery
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"Im Krieg der Ideen"
8. November 2004, 00:00 Uhr - Zwei Texte des ermordeten niederländischen Kolumnisten und Regisseurs Theo van Gogh
Unser Bürgermeister
Am 22. Oktober 2004 veröffentlichte Theo van Gogh auf seiner Internet-Plattform "De gezonde Roker" (Der gesunde Raucher) eine Polemik über moslemische Einwanderern und den Chef der "Arabisch Europäischen Liga" in Belgien, Abou Jahjah.
Im "Telegraaf" lese ich, daß der Herr Abou Jahjah erwägt, Belgien zu verlassen. Abou ist verbittert: Er bekam nur 1400 Stimmen bei der letzten Wahl und schätzt deshalb das flämische Volk gering. Abou Jahjah: "Gott war nicht großzügig zu Flandern, als er den Verstand verteilte. Die Flamen waren immer ein rassistisches Volk." Das fand ich schön gesagt, genauso erhellend war allerdings zu lesen, daß der Herr jeden toten amerikanischen Soldaten im Irak für einen "Gewinn" hält. Als Zuhälter des Propheten kann man nie hoch genug zielen. Nun mag man einwenden, ein religiöser Faschist, der das islamische Recht einführen will - mit allen Konsequenzen, die das für Ungläubige, Juden, Schwule, Frauen und Abtrünnige haben würde - sei nicht die Mühe wert, sich mit ihm auseinanderzusetzen. Ich erinnere mich noch sehr gut daran, wie Abou verkündete, daß die "Ketzerin" Ayaan Hirsi Ali "eingesperrt" werden müsse. Es war nicht ganz klar, ob dieser Schuhputzer Allahs damit meinte, die Dame müsse ins Kloster oder hinter Gitter, aber ich glaube nicht, daß sie noch lange herumlaufen könnte, wenn bei uns die hohe Herrlichkeit der Scharia eingeführt würde. Einer von denen, die glauben, daß Herr Jahjah nur das Beste für uns will, ist der Bürgermeister von Amsterdam, Job Cohen, der sich mit ihm zu einem öffentlichen Gedankenaustausch traf und zu hören bekam: "Endlich ein Politiker, der mich versteht!" Ein prächtiges Kompliment, auf das Cohen sehr stolz war...
Als die Geistesverwandten von Herrn Jahjah fast 3000 Amerikaner umbrachten im World Trade Center, führte der erste Gang unseres Bürgermeisters in eine Moschee. In Schulen, Moscheen, überall in Amsterdam wurde ein Fest gefeiert wegen dieses großartigen Sieges über Satan. Cohen kroch vor den Gläubigen und beteuerte: "Ihr gehört zu uns!", statt zu fragen: "Was tut Ihr eigentlich hier?" Cohen verhält sich wie ein Bürgermeister in Kriegszeiten - und das meine ich nicht als Kompliment. Seine Anwesenheit demoralisiert die Stadt und hetzt Gruppen gegeneinander auf. Nach Meinung des großen Denkers Frits Abrahams vom "NRC Handelsblad" ist Cohen "ein Demokrat mit Herz und Nieren". Ich vermute eher, daß unser Bürgermeister ein durchtriebener Zyniker ist - keine schlechte Eigenschaft für jemanden, der Premierminister werden will - und ein Opportunist obendrein. Und ich frage mich, wie lange Einheimische noch willkommen sind in Amsterdam.
Gepriesen sei Allah!
Im Dezember 2000 schrieb Theo van Gogh einen Brief an die aus Marokko stammende, sozialdemokratische Amsterdamer Stadträtin Fatima Elatik. Der Brief bezieht sich auf einen in der Zeitung "De Volkskrant" erschienenen Artikel, in dem Frau Elatik zitiert wurde. Gegenstand des Artikels war eine Theater-Inszenierung van Goghs, die in Rotterdam abgesetzt wurde, nachdem moslemische Gruppen protestiert hatten.
Liebe Fatima Elatik,
in "De Volkskrant" war neulich aus ihrem Munde zu vernehmen: "Die Freiheit der Meinungsäußerung ist in den Niederlanden sehr weit gegangen und wird oft mißbraucht. Sie wird als eine Selbstverständlichkeit angesehen, als ein Banner, unter dem man alles sagen darf, vor allem über den Gottesdienst. Das beste Vorbild dafür ist Theo van Gogh, der die furchtbarsten Dinge über Moslems und Juden sagt. Ich bin mir nicht so sicher, ob die Absetzung des Theaterstücks über Mohammeds Frau in Rotterdam wirklich ungerecht ist. Wenn eine große Gruppe von Menschen das als verletzend empfindet, wäre es auch mutig, so etwas nicht zu tun." Und davor sagen Sie sogar: "Das Tragen eines Kopftuchs erfordert auch Mut, wirklich." Ich schließe die Augen und träume hinüber ins ferne Marokko, wo - wie wir alle wissen - die Freiheit der Meinungsäußerung wenig zählt in den Kerkern des Königs und wo Ihre Schwestern auf die Straße gehen, um für ein weniger einseitiges, den Mann bevorzugendes Scheidungsrecht zu demonstrieren, was sie ohne Kopftuch tun, sondern durch ihren Protest. War nur so ein Gedanke...
Wenn Sie behaupten, es gehöre Mut dazu, unter dem Terror irgendeines Fanatikers ein Theaterstück abzusetzen, also die Aufführung unmöglich zu machen, haben Sie dann nicht das Gefühl, daß die "Freiheit der Meinungsäußerung" einer "großen Gruppe" von Neugierigen in Bedrängnis gerät? Wer sind Sie eigentlich, daß Sie beschließen können, Theo van Gogh dürfe keine Betrachtungen anstellen über die fleischlichen Versuchungen des Propheten?
Und, Fräulein Elatik, versuchen Sie auch Ihre sozialdemokratische Partei davon zu überzeugen, daß gewisse Theaterstücke besser nicht aufgeführt werden sollten, weil einige Gläubige - eventuell natürlich nur, denn sie haben das Stück ja nicht gesehen, stimmt's? - daran Anstoß nehmen könnten? Und paßt Ihr erfrischender Standpunkt in Sachen freie Meinungsäußerung vielleicht auch auf den Schriftsteller Salman Rushdie, der - wie man hört - den Rest seines Lebens unter Polizeischutz stehen wird, weil es Gläubige gab, die sich nicht die Mühe machten, die "Satanischen Verse" zu lesen, aber dennoch der Meinung waren, daß der verurteilte Ketzer brennen müsse?
Fräulein Elatik, haben Sie schon mal etwas mitbekommen davon, daß der Sozialismus, und damit auch die Sozialdemokratie, aus der Aufklärung hervorgegangen sind, so etwa vor 200 Jahren, als man jedermann das Recht einräumte ungläubig zu sein, das heißt, nicht zu knien vor Gott, Jahwe, Allah - oder wer auch sonst dem menschlichen Aberglauben entsprungen ist? Und daß damit auch das Recht des Ungläubigen, sich über den Glauben lustig zu machen, ein Recht für alle Menschen geworden ist? Sie sagen: "Es gehört Mut dazu, mit dem Kopftuch zu zeigen, wofür man steht." Wofür stehen Sie? Für Terror, Zensur und düsteres Mittelalter, so steht zu befürchten. Wenn ich Unrecht habe, bekenne ich das gern. Antworten Sie mir und überzeugen Sie meine Leser, daß Sie Recht haben. Im Krieg der Ideen ist kein Einsatz zu hoch. Einstweilen bekomme ich einen Hexenschuß, wenn ich vor Pygmäen knien muß - und an Sie denke. Mit feierlichem Augenzwinkern, Theo van Gogh Übersetzung: Rainer Haubrich
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Jürgen Habermas: Theorie und Praxis
Erklären und Verändern
„Nicht nur im Denken von Popper hinterließen die Erfahrungen von Faschismus und Weltkrieg tiefe Spuren. Auch die Denker der sogenannten Frankfurter Schule oder Kritischen Theorie (Hauptvertreter Max Horkheimer und Theodor W.Adorno) versuchten auf ihre Weise, philosophisch zu fassen, was im 20.Jahrhundert mit Mensch und Gesellschaft geschehen war. Ihr methodischer Ansatz unterscheidet sich aber grundlegend von dem Poppers, da sie nicht von der Logik und Physik herkamen, sondern aus einer stark ästhetisch und real-historisch-theorie-geschichtlich geprägten Tradition stammten.
In ihren Analysen versuchten sie, die empirische Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft, die Einsichten der modernen Sozialwissenschaften und der Psychoanalyse mit den Konsequenzen der Marxschen Analyse des Kapitalismus zu verbinden. Im Mittelpunkt dazu stand dabei das Verhältnis des Einzelnen zum Allgemeinen, zur Gesamtheit, wobei vor allem zu zeigen war, inwieweit das bisher im Mittelpunkt der philosophischen Betrachtung stehende Individuum selbst zum Ausdruck einer widersprüchlichen verfassten Gesellschaft ist, wie andererseits diese Gesellschaft wieder aus solchen Individuen sich zusammensetzt und sich damit aller Hoffnungen auf die Erfüllung ihrer Aufgaben begibt: der Verwirklichung des guten Lebens, das für alle neben der Garantie der materiellen Existenz die Möglichkeit einer freien Persönlichkeitsentfaltung verbürgt.
Der bedeutendste lebende Vertreter dieser Richtung ist der Soziologe und Philosoph Jürgen Habermas, geb. am 18.06.1929 in Düsseldorf.
Kennzeichnend für das Habermassche Denken ist der entschiedene, politisch auf Emanzipation und Aufklärung gerichtete Zug seines Denkens und der am Ideal strenger empirischer Wissenschaft orientierte methodische Duktus seiner Argumentation. Hauptinteresse seines Philosophierens ist es denn auch, den Wissensstand der Gegenwart systematisch aufzuarbeiten und kritisch zu durchleuchten sowie dem emanzipatorischen Interesse der Marxschen Gesellschaftskritik und der europäischen Aufklärung zu ihrem Recht zu verhelfen.
Ausgangspunkt der Überlegungen ist dabei das Problem der Sprache als Medium des Welt- und Selbstverständnisses des Menschen, wie es seit Beginn des 20. Jahrhunderts in den Mittelpunkt des philosophischen Interesses gerückt ist. Dieser Aufgabe stellt sich Habermas in allen seinen Schriften: „Strukturwandel in der Öffentlichkeit“ ( 1962), „Theorie und Praxis“ (1963, 1982), „Erkenntnis und Interesse“ (1968,1975), „ Zur Logik der Sozialwissenschaften“ (1970,1982), „ Theorie der Gesellschaft oder Sozialtechnologie“(zusammen mit dem Soziologen Niklas Luhmann, 1971), „ Legitimationsprobleme im Spätkapitalismus“ (1973), „ Zur Rekonstruktion des Historischen Materialismus“ (1976), und als bisher letztes großes Werk die 1981 in zwei Bänden erschienene „Theorie des kommunikativen Handelns“.
Politische Philosophie, rororo 1991 (S.329-330), Eberhard Braun, Felix Heine, Uwe Opolka,
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Leidenschaft und Vernunft - Umberto ECO
„Alle Religionskriege, die jahrhundertelang die Welt mit Blut getränkt haben, sind aus dem leidenschaftlichen Festhalten an vereinfachenden Gegensätzen entstanden, wie etwa Wir und die Anderen, Gut und Böse, Weiß und Schwarz. Wenn die westliche Kultur sich als fruchtbar erwiesen hat, so auch deshalb, weil man im Licht der Untersuchungen und kritischen Geistes gezwungen wurde, sich von den schädlichen Vereinfachungen zu „befreien“. Natürlich hat sie es nicht immer so gehalten, weil zur Geschichte der westlichen Kultur auch Hitler gehört, der die Bücher verbrannte, die „entartete Kunst“ verdammte und die Angehörigen „minderwertiger Rassen“ umbrachte.“
„Beschäftigen wir uns jetzt mit dem Gegensatz der Zivilisationen, weil es um diesen Punkt geht. Der Westen, wenn auch nur und häufig aus Gründen der wirtschaftlichen Expansion, ist auf die anderen Zivilisationen neugierig gewesen. Häufig hat er sie verächtlich abgetan: Die Griechen bezeichneten diejenigen als Barbaren, das heißt also als Stotterer, die nicht die griechische Sprache beherrschten, und daher war es, als ob sie überhaupt nicht sprechen könnten. Aber reifere Griechen, wie die Stoiker (vielleicht weil einige von Ihnen phönizischen Ursprungs waren), haben bald darauf gemerkt, dass die Barbaren eine andere als die griechische Sprache benutzten, sich aber auf dieselben Gedanken bezogen.“
„Die westliche Kultur hat die Fähigkeit entwickelt, ihre eigenen widersprüchlichen Bedingungen freimütig offen zu legen und zu diskutieren“
„Der Westen ist mit den „Wilden“ nicht gerade zartfühlend umgegangen: Er hat sie „entdeckt“, sie zu bekehren versucht, sie ausgebeutet und viele von ihnen auch mit Hilfe der Araber in die Sklaverei gebracht, denn die Sklaven, die in New Orleans von gepflegten Edelleuten französischen Ursprungs entladen wurden, waren an den afrikanischen Küsten von muselmanischen Händlern verschifft worden. Die Aufgabe der Kulturanthropologie bestand darin aufzuzeigen, dass die Logiken existierten, die von der westlichen Logik verschieden und ernst zu nehmen, nicht aber zu verachten und zu unterdrücken waren.“
„Man stelle sich vor, die islamischen Fundamentalisten würden eingeladen, den christlichen Fundamentalismus zu erforschen – diesmal kommen keine Katholiken ins Spiel, sondern protestantische Amerikaner, die fanatischer als ein Ajatollah sind und in den Schullehrbüchern jeden Hinweis auf Darwin tilgen möchten. Nun, ich glaube, dass das Anthropologische Studium des Fundamentalismus anderer dazu dienen könnte, die Natur des eigenen besser zu verstehen.“
„Einer der Werte, von denen in der westlichen Zivilisation viel gesprochen wird, ist die Akzeptanz der Differenzen.“
„In diesen Zeiten kommen viele merkwürdige Dinge ans Tageslicht. Es scheint so als wäre die Verteidigung der Westlichen Werte die ureigenste Angelegenheit der Rechten geworden, während die Linke sich wie üblich philo-islamisch gibt. Dabei ist die Verteidigung der Werte der Wissenschaft, des technischen Fortschritts und der modernen Kultur des Westens im Allgemeinen stets auch ein Merkmal der laizistischen und fortschrittlichen Flügel gewesen. Auf eine Ideologie des technischen und wissenschaftlichen Fortschritts haben sich auch alle kommunistischen Regime berufen. Das kommunistische Manifest von 1848 beginnt mit der unbefangenen Würdigung der bürgerlichen Expansion. Marx sagt nicht etwa, dass man das Rad neu erfinden und zur asiatischen Produktionsweise übergehen müsse – er sagt vielmehr, das Proletariat müsse sich bestimmte Werte und Errungenschaften des Bürgertums aneignen.“
„Umgekehrt ist es immer das reaktionäre Denken (im vornehmsten Sinne des Wortes) gewesen, zumindest beginnend mit der Ablehnung der französischen Revolution, das sich der laizistischen Ideologie des Fortschritts entgegengestellt hat mit der Forderung, man müsse sich den Werten der Tradition zuwenden. Die ernsteren unter den Denkern der Tradition haben sich immer, neben den Riten und Mythen der primitiven Völker und der buddhistischen Lehre, dem Islam als noch stets aktuellem Quell alternativer Spiritualität zugewendet. Es waren stets sie, die uns daran erinnert haben, dass wir – wenngleich von der Ideologie des Fortschritts ausgetrocknet – nicht überlegen sind und dass wir die Wahrheit bei den mystischen Sufis oder bei den tanzenden Derwischen suchen müssen.“
„In diesem Sinn öffnet sich derzeit eine sonderbare Kluft. Aber vielleicht ist dies auch nur ein Zeichen dafür, dass in einer Zeit großer Verwerfungen (und gewiss leben wir in einer solchen) niemand mehr weiß, auf welcher Seite er steht.“
„Gerade in einer solchen Zeit muss man es verstehen, dem eigenen Aberglauben wie dem anderen entgegenzutreten: mit den Waffen der Analyse und Kritik.“
Auszüge aus einem Essay von Umberto Eco, 2001
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