„ Dem ursprünglichen Christentum seien Fanatismus und Intoleranz fremd gewesen, doch mit dem Monopolanspruch der christlichen Lehre seien die ursprünglichen Zielwerte pervertiert worden. So hätten die christlichen Feudalherren und Bischöfe Europa „ Mit Blut überschwemmt“ und mit sterbenden Körpern übersät“. Der religiöse Fanatismus mache die Menschen blind und zu jedem Verbrechen fähig.“
Eine der Weltreligionen. Mit dem Begriff Christentum wird zum einen die Gesamtheit der Anhänger des christlichen Glaubens bezeichnet, zum anderen dieser Glaube selbst.Stifter dieser Offenbarungs- und Erlösungsreligion war der Jude Jesus von Nazareth (gest. 30 n. Chr.) genannt Christus ( = der Gesalbte), der für die Christen der Sohn Gottes ist, der in die Welt kam, um die Menschheit zu erlösen. Als Heilige Schrift gilt die Bibel mit dem Alten und dem Neuen Testament. Das Neue Testament schildert Jesus als einen Wanderprediger und Wundertäter, der den römischen Behörden in Jerusalem ausgeliefert wurde. Der Landpfleger von Palästina, Pontius Pilatus, ließ ihn kreuzigen. Seine Jünger und Jüngerinnen, v.a. der engere Kreis der zwölf Apostel, bezeugten seine Auferstehung und später seine Himmelfahrt.
Kennzeichnend für das Christentum ist der Glaube an die „ Dreieinigkeit“, den einen Gott in drei Erscheinungsweisen als Vater, Sohn und Heiliger Geist.
Der Vater ist nach Aussagen der Bibel der Gott Israels, der Schöpfer der Welt, der am Leben des Menschen Anteil nimmt und seinen in Schuld und Sünde verstrickten Geschöpfen zu Hilfe kommt. Der Sohn Gottes ist dem Vater gleich. Dadurch, das er in die Welt gekommen ist und den Tod auf sich nahm, eröffnete er den Menschen den Weg zur Errettung. Nach christlichen Glauben hat Jesus durch seinen Tod am Kreuz und seine Auferstehung von den Toten den Tod überwunden. Der Heilige Geist ist die Liebe Gottes, der Geist Gottes, an dem die Kirche (als der „Leib Christi“) teilhat und der die Christen zum Leben im Glauben befähigt. Verbindlich für alle Christen ist die Lehre Christi wie sie das Neue Testament bezeugt. Nachdem Jesus gestorben war, begannen seine Anhänger ( z.B. Petrus und Paulus) einen rege Missionstätigkeit. Obwohl die Christen als Anhänger jüdischer Sekten galten und von den römischen Herrschern verfolgt wurden, breitete sich das Christentum bald über das ganze römische Reich aus. Unter Kaiser Theodosius I. wurde es 380/381 zur Staatsreligion erhoben. Zwischen dem 4 und 13 Jh. Wurden auch die germanischen, keltischen und slawischen Völker zum Christentum bekehrt. Rom, die ehemalige Hauptstadt des römischen Reiches, war der Mittelpunkt er Christenheit und ist bis heute Sitz des Papstes.
Als seit dem 4.Jh.Konstantinopel zu einem zweiten römischen Regierungssitz wurde, bildete sich dort ein zweites Zentrum, das oft mit Rom über Glaubens- und Verfahrensfragen in Streit geriet, bis es 1054 zum Bruch (Schisma) kam. Von da an gab es die lateinische Kirche mit dem Papst als Oberhaupt und die Ostkirche, der der Patriarch vorsteht. Aus der Ostkirche entwickelte sich die orthodoxe Kirche die v.a. in Russland, dem übrigen slawischen Raum und in Griechenland verbreitet ist.
Mit der Entdeckung und Eroberung fremder Erdteile, z.B. Amerika ( um 1500) wurde der christliche Glaube immer weiter verbreitet. Im 16 Jh. Kam es zur Reformation, der Abspaltung der evangelischen Kirche von der katholischen Kirche. Fast alle christlichen Konfessionen ( die kath. Kirche gehört diesem Gremium nicht an) sind im Ökumenischen Weltrat (Sitz: Genf) vertreten, der über Glaubensfragen und die Wiedervereinigung der christlichen Kirchen berät. Die Grundaussagen des christlichen Glaubens sind im Apostolischen Glaubensbekenntnis formuliert. Sichtbare Zeichen der Zugehörigkeit zum christlichen Glauben sind das Sakrament der Taufe und die Feier des Abendmahls (Eucharistie). Die Anhänger des christlichen Glaubens werden auf etwa 1,8 Milliarden geschätzt. Davon sind 60 % katholisch, 20% gehören protestantischen und 10 % orthodoxen Kirchen an.
( Schüler Duden, Lexikon 2006 )
Offizielle Lesart in der Schullektüre. Auswüchse wie fundamental evangelikale Kreationisten oder Opus Dei bleiben dabei unerwähnt.
Die Trennung von Kirche und Staat bekam in Deutschland nach Ende des Ersten Weltkrieges 1919 Verfassungsrang. Dabei griff die Weimarer Nationalversammlung nicht auf ein der Verfassung vorgelagertes Verständnis des Laizismus zurück, sondern schuf einen eigenen Regelungskomplex, der auf Religionsfreiheit, weltanschaulicher Neutralität des Staates und Selbstbestimmung aller Religionsgemeinschaften beruht. Die Religionsausübung wurde also nicht zur Privatsache erklärt, sondern blieb öffentliche Angelegenheit, die aber dem Staat entzogen wurde. Dieses Konzept wurde, zunächst 1926 von Ulrich Stutz, als „hinkende Trennung“[1] bezeichnet, weil die Trennung für Kooperation offen ist, diese unter Umständen gerade erforderlich macht. Rechtliche Grundlage waren Artikel 136 bis 139 der Weimarer Reichsverfassung (WRV). Diese sind durch Art. 140 GG Bestandteil des geltenden Staatskirchen- und Verfassungsrechts.
In Deutschland ist das Verhältnis von Kirche (bzw. Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften) und Staat daher partnerschaftlich. Es gibt Konkordate und Staatskirchenverträge. Die weltanschauliche Neutralität des Staates, der sich mit keiner Religionsgemeinschaft identifizieren darf, lässt „gemeinsame Angelegenheiten“ (res mixtae) entstehen. So dürfen etwa die Gemeinschaften mit „Körperschaftsstatus“ Kirchensteuer erheben. In der Praxis wird diese Steuer in den meisten Fällen von den staatlichen Finanzbehörden im Auftrag der Kirchen gegen Kostenersatz eingezogen sowie bei abhängig Beschäftigten als Quellensteuer durch die Arbeitgeber abgeführt. Christliche Feiertage sind aufgrund der Verfassung geschützt; der Religionsunterricht ist an staatlichen Schulen ordentliches Lehrfach. In manchen Gerichtssälen und Schulen hängen Kreuze. Christliche Kindergärten und Schulen werden vom Staat grundsätzlich wie andere Privatschulen im Rahmen der Grundversorgung und zur Verwirklichung der Privatschulfreiheit gefördert; zum Teil ist die Förderung höher, zum Teil niedriger als die der anderen freien Träger. Etwa 10 Prozent der Schulen in Deutschland befinden sich in kirchlicher Trägerschaft.
Viele staatlich finanzierte Universitäten unterhalten theologische Fakultäten. Wegen der weltanschaulichen Neutralität des Staates muss deren Lehrkörper und inhaltliche Ausrichtung wesentlich von den Kirchen bestimmt werden. Darüber hinaus unterhalten einige Universitäten außerhalb der theologischen Fakultäten sogenannte Konkordatslehrstühle, die staatlich finanziert sind, bei deren Besetzung die katholische Kirche jedoch ein Mitspracherecht hat. Die verfassungsrechtliche Zulässigkeit der Konkordatslehrstühle ist umstritten.
Ein wichtiger Rechtsgrundsatz in Deutschland ist, dass der Staat die Religionsgemeinschaften organisatorisch einbinden, ihnen aber nicht ihre Inhalte vorschreiben kann, weil der Staat die grundgesetzlich geschützte Religionsfreiheit beachten muss.
Zu kontroversen Debatten kommt es, wenn am Verhältnis von Staat und Kirche bzw. Religion etwas geändert wird, wie im Fall des brandenburgischen Lebensgestaltung-Ethik-Religionskunde-Unterrichts oder dem Verbot von Kruzifixen oder Kopftüchern in der Schule. Ebenso strittig ist die Einführung des islamischen Religionsunterrichts an staatlichen Schulen; in diesem Fall vor allem deshalb, weil hierfür bisher kein Partner für den Staat zur Verfügung steht, nach dessen Glaubensgrundsätzen unterrichtet werden könnte. Deshalb sind zum Teil Formen des islamischen Religionsunterrichts entwickelt worden, bei dem allein in staatlicher Verantwortung islamische Religionslehre unterrichtet wird, was jedoch unter dem Aspekt der staatlichen Neutralität und der Trennung von Staat und Religion verfassungsrechtlich äußerst problematisch ist.
Religiöse Symbole im öffentlichen Raum sind zwar teilweise zulässig, sie stoßen aber zunehmend auf Ablehnung, wie es einerseits der Kruzifixstreit und andererseits der Kopftuchstreit zeigt.
Kritik am Verhältnis von Staat und Kirche in Deutschland gibt es seitens der Humanistischen Union und anderer liberaler Kreise. Sie fordern eine Trennung von Staat und Religion im laizistischen Sinne. siehe auch:Reichskonkordat; Reichsdeputationshauptschluss; Kulturkampf; Schächturteil
"Die Kinder sind ausgesprochen nutzlich für das Christentum" - Becky Fischer
New York im Oktober '06 - Es lohnt sich, den Film “Jesus Camp" in Begleitung von Christen zu sehen, die ihren Glauben aktiv leben, um sicher zu gehen, dass man sich nicht in ideologische Empörungen verrennt. “Jesus Camp" ist eine Dokumentation über das allsommerliches Ferienlager “Kids On Fire" in North Dakota, in dem Kinder aus christlich-fundamentalistischen Familien für den Kampf gegen den säkularen Rechtsstaat geschult werden. Wer als Reporter schon einmal die Erziehungsanstalten besucht hat, in Islamistengruppen wie der Hamas Kinder ab dem Vorschulalter für den heiligen Krieg schleifen und auf ihre Rolle als Märtyrer (sprich Selbstmordbomber) vorbereiten, der kommt nicht umhin, Parallelen zu sehen. Spätestens wenn die Pastorin Becky Fischer die Kinderschar anfeuert: “Das ist Krieg! Das ist Krieg!" und die Jungen und Mädchen daraufhin in Jubel und Tränen ausbrechen, erinnert man sich an die Palästinenserkinder im Scheich-Raduan-Viertel von Gaza, die in militärischer Formation “Allahu Akbar" rufen und dazu Holzgewehre schwenken.
Das neue Buch von Nobelpreisträger José Saramago hat in seinem Heimatland Portugal Empörung ausgelöst. Angst hat er aber nicht, da die «Feuer der Inquisition nicht mehr brennen.»
Literaturnobelpreisträger José Saramago treibt seine Landsleute in Portugal auf die Barrikaden. Bei der Vorstellung seines neuen Buches «Caim» (Kain) startete der bald 87-Jährige dieser Tage einen sogar für ihn, den bekennenden Atheisten und Kommunisten, ungewöhnlich furiosen Rundumschlag gegen Gott, die Bibel und die Kirche.
Die Bibel sei «ein Katalog von Grausamkeiten», Gott rachedurstig, eifersüchtig und nicht über den Weg zu trauen, so der Autor. Im erzkatholischen Portugal ließ die Antwort nicht auf sich warten. Kirchenvertreter, Politiker, die einfachen Gläubigen und auch Kollegen laufen Sturm gegen die scharfen Worte.
«Dieser Mann ist der Teufel», machte eine ältere Frau vor einem Sonntagsgottesdienst in Lissabon ihrem Ärger lauthals Luft, während Passanten nickend und mit ernsten Blicken zustimmten. In Penafiel unweit von Porto im Norden Portugals fand am Samstag ein erster Protestmarsch statt.
Der sozialdemokratische Euroabgeordnete Mario David rief Saramago auf, «schnellstens» die Staatsbürgerschaft von Portugal aufzugeben. Der frühere Kultur-Staatssekretär Sousa Lara verglich den Schriftsteller gar mit Silvio Berlusconi. Dabei hatte Saramago den umstrittenen italienischen Regierungschef, auf den Sex- und Korruptionsaffären lasten, jüngst als «Mafia-Boss» bezeichnet.
Die portugiesische Bischofskonferenz wies die Attacken Saramagos unter anderem als «naiv» zurück. Aber nicht nur Katholiken fühlten sich zutiefst beleidigt. Die Worte Saramagos seien sehr verletzend, so der Präsident der Islamischen Gemeinde Lissabons, Abdool Vakil. Der jüdische Führer Eliezer di Martino meinte, Saramago kenne die Bibel überhaupt nicht. Und sogar im fernen Brasilien entrüstete sich der evangelische Priester Miguel Cox: «Lächerlich!». Portugals Bestsellerautor Miguel Sousa Tavares meinte in der Wochenzeitung «Expresso», alles an Saramago sei «Eitelkeit und Selbstdarstellung». In Zeitungskommentaren wird der Autor von «Stadt der Blinden» unter anderem als «Ignorant» und als «Ketzer», als «verbittert» und «publicitygeil» beschimpft. Viele sprechen Saramago sogar das literarische Können ab. «Er ist einfach der unangenehmste Kerl der iberischen Halbinsel», so das Magazin «GQ».
Prophet im eigenen Land ist Saramago, der erst knapp 60-jährig mit dem Roman «Hoffnung im Alentejo» seinen nationalen Durchbruch schaffte und 1998 den Nobelpreis bekam, lange nicht mehr. Spätestens seit Anfang der 1990er, als sein Roman «Das Evangelium nach Jesus Christus» von der katholischen Kirche als blasphemisch angeprangert wurde, hat sein Ansehen gelitten. Damals zog die portugiesische Regierung seine Nominierung für den Europäischen Kulturpreis zurück. Aus Protest ging Saramago daraufhin «ins Exil» auf die spanische Insel Lanzarote, wo er heute noch mit seiner Frau und Managerin Pilar del Rio lebt.
Bei Auftritten in TV-Sendungen, Buchpräsentationen und Debatten mit Kirchenvertretern und in Zeitungsredaktionen hielt Saramago die vergangenen Tage an seinen Meinungen energisch fest. Er beschränke sich darauf, «die Steine aufzuheben um zu zeigen, was darunter ist». «Caim» sei «ein Aufstand in Buchform», damit die Leser erkennen, dass sie jeden Tag manipuliert würden. «Wir müssen dagegen ankämpfen. Ich will, dass dieses Buch uns dazu verhilft, die andere Seite zu sehen.» Angst vor den Protesten habe er nicht, da «die Feuer der Inquisition nicht mehr existieren».
Kirchenvertreter kaufen
In «Caim» beschränkt sich Saramago nicht auf die Episode der Tötung des Hirten Abel durch seinen neidischen Bruder Kain. Er führt den Ackerbauer mit seinem ganz eigenen, ausschmückenden, kräftigen und fantasievollen Stil durch Passagen des Alten Testaments, in denen Kain eigentlich nicht vorkommt, wie die Verurteilung von Sodom und Gomorrha, die Episode des Goldenen Kalbs oder Noahs Arche.
So ganz ungelegen kommt Saramago die Polemik natürlich nicht. Die erste Auflage von 50 000 Exemplaren war innerhalb von nur fünf Tagen fast vergriffen. Die Zeitung «Diario de Noticias» versichert, unter den Käufern seien «viele Kirchenvertreter, die nun untereinander über das Buch debattieren». Der Teologe Anselmo Borges schlägt sich als einer von wenigen auf die Seite Saramagos: «Ich habe das Buch gern gelesen und meine, es ist von großer Bedeutung, weil er die Gläubigen zur Reflexion zwingt.» (Von Emilio Rappold, dpa)
Theologie ist unwissenschaftlich von Prof. Dr. Günter Kehrer Plädoyer für die Abschaffung der theologischen Fakultäten
Um die These „Theologie ist unwissenschaftlich“ beurteilen zur können, benötigen wir erstens ein (uns) ausreichendes Kriterium für Wissenschaftlichkeit und zweitens eine detaillierte Information über das, was in den theologischen Fakultäten inhaltlich getrieben wird. Zum Wissenschaftsbegriff
Ohne eine letztlich nicht entscheidbare Diskussion über den Wissenschaftsbegriff zu führen, muß es für unseren politischen Zweck genügen, einen Minimalkonsens zu formulieren, wie er sich den letzten Jahrhunderten zur Frage der Wissenschaftlichkeit von Vorgehensweisen herausgebildet hat. Dabei haben sich folgende Geschichtspunkte als relevant erwiesen und werden praktisch von keine Seite bestritten:
Freiheit des wissenschaftlichen Forschens von institutionalissiertem Zwang und anderen wissenschaftsfremden Einflüssen.
Prinzipielle Kritikoffenheit und Kritikbereitschaft. Dies bedeutet, daß Methoden und Ergebnisse wissenschaftlichen Arbeitens ihrer Intention nach auf Kritik angelegt sein müssen und damit jede Geheimniskrämerei und esoterisches Wissen als wissenschaftsfeindlich gelten: Nur offengelegte Ergebnisse zählen. Es gibt keinen Bereich des wissenschaftlichen Arbeitens, der der Kritik prinzipiell entzogen ist. Dies gilt auch für die Voraussetzungen des Forschens selbst.
Prinzipielle Zugänglichkeit der Wissenschaft für jedermann: Jeder, der sich entsprechend bemüht, kann die Voraussetzung zum Wissenschaftsbetreiben erwerben. Es gibt keine Voraussetzungen, die nicht erwerbbar sind.
Wissenschaftliche Sätze sind entweder auf eine außerhalb des Denkens existierende Wirklichkeit bezogen, die zu erfahren jedem vernunftbegabten wesen möglich ist, oder sie beziehen sich auf Bedingungen, Formen und Weisen des Denkens selbst (reine Geisteswissenschaften) und sind aber auch dann, da sie den Gesetzen der Logik entsprechen, jedermann (nach entsprechendem Training) einsichtig.
Der gegenwärtige Stand in den theologischen Fakultäten
Tätigkeiten in den theologischen Fakultäten: Der gegenwärtige Stand in den theologischen Fakultäten stellt sich so dar, daß folgende Disziplinen prinzipiell immer vertreten sind: Alttestamentliche Wissenschaft, Neutestamentliche Wissenschaft, Kirchengeschichte, Systematische Theologie (Dogmatik und Ethik) und praktische Theologie. Neben diesen fünf Disziplinen gibt es gelegentlich (aber nicht überall) sogenannte theologische Randfächer: Biblische Archäologie , philosophische Grundfragen der Theologie, Missionswissenschaft, Ökumenische Theologie, Religionsgeschichte usw. Lassen wir diese Randfächer beiseite, so lassen sich die Hauptdisziplinen in drei große Gruppen teilen: a) Historische Disziplinen(Altes Testament, Neues Testament, Kirchengeschichte) ; b) Systematische Disziplinen (Dogmatik, Ethik) ; c) Praktische Theologie (Homiletik, Katechetik, Seelsorgelehre) . Es müssen nun diese drei Gruppen daraufhin untersucht werden, ob sie den Kriterien für Wissenschaftlichkeit genügen.
Kriterien für Wissenschaftlichkeit
Kriterium der Freiheit von institutionalisiertem Zwang und wissenschaftsfremden Einflüssen: Hier läßt sich die Lage recht einfach kennzeichnen. In allen Theologischen Fakultäten haben die Kirchen ein Mitspracherecht, sei es in Form der Erteilung oder Entziehung der missio canonica (katholische Theologie) oder durch Anfrage bei kirchlichen Instanzen, ob gegen in Aussicht genommene Bewerber Bedenken bestehen (evangelische Theologie). Kirchenaustritt kann (auf kirchliches Verlangen) einen Professor aus seinem Amt befördern. Diese Einflüsse sind institutionalisiert, also mehr als pure faktische Naturen und bezeichnen damit schon die Sonderstellung der Theologie, das heißt ihre Unwissenschaftlichkeit in bezug auf dieses Kriterium.
Kriterium der Kritikoffenheit und Kritikbereitschaft: Hier gilt es, zwischen den einzelnen Disziplinen zu unterscheiden. Die Lage ist praktisch so, daß im Rahmen der historischen Disziplinen Kirchengeschichte und (teilweise) auch alttestamentliche Wissenschaft diesem Kriterium entsprechen können und in einigen Fällen auch tun. Für die neutestamentliche Wissenschaft gilt dies faktisch nicht. Die systematischen Disziplinen und ebenso die praktische Theologie gehen von Voraussetzungen aus, die den Forscher- so er sie in prinzipiellen Zweifel zieht- außerhalb der theologische Wissenschaft stellt: Gottesexistenz, Gottesoffenbarung, Versöhnung u.a sind vorgegebene „Tatsachen“ , die lediglich in ihrer Bedeutung für den Menschen erhellt werden müssen und zu „durchdenken“ sind.
Kriterium der prinzipiellen Zugänglichkeit: Dies wird von den meisten theologischen Wissenschaften letztlich abgelehnt. Sie erklären, daß ohne entsprechende Glaubenserfahrung theologische Wissenschaft nicht sachgemäß betrieben werden könne. Glaubenserfahrung ist aber nach christlicher Auffassung nicht durch eigene Anstrengung zu Erwerbendes, sondern in letztlicher Hinsicht das Werk Gottes selbst, also Gnade. Allerdings ist zu betonen, daß in der Forschungspraxis diese Voraussetzungen nicht in allen Disziplinen der Theologie zum Tragen kommen. In der Kirchengeschichte und (teilweise) der Wissenschaft vom Alten Testament sind durchaus Möglichkeiten völlig glaubensfreier Forschung (und Kooperation mit Geschichtswissenschaften und Altorientalistik) erkennbar.
Kriterium des Bezugs auf Wirklichkeit bzw. auf Bedingungen des Denkens selbst: Dieses Kriterium ist notorisch nur bei den historischen Disziplinen gegen, denn sowohl Altes als auch Neues Testament sowie die Taten und Untaten der Kirchen und ihre Gedanken sind unabhängig vom Forscher vorhanden. Sofern die praktische Theologie die seelsorgerlichen, homiletischen und katechetischen Handlungen der Kirchen untersuchen würde (etwa religionssoziologisch), könnte es sich auch um Wissenschaft handeln; in der Realität vermittelt sie aber Handlungsanweisungen und hat schon von daher einen prekären Stad in der Universität. Die systematischen Disziplinen scheitern, ohne daß dies ausführlich gezeigt werden müßte, an diesem Kriterium.
Fazit
Weil Theologie stets kirchlich und religiös gebunden ist, ist sie grundsätzlich unwissenschaftlich.
Einigen theologischen Disziplinen gelang es, in dem wissenschaftlichen Prozeß eine relativ autonome Stellung zu erlangen. Ist es dem Forscher erst einmal gelungen, eine bestimmte Position zu erreichen, reicht schweigende Mitgliedschaft in der Kirche aus, um in Ruhe wissenschaftlich exakt arbeiten zu können. Dies gilt für die Kirchengeschichte und (teilweise) für die alttestamentliche Wissenschaft.
Die Abschaffung der theologischen Fakultäten ist geboten. Die teilweise wertvolle Arbeit einiger Disziplinen (Kirchengeschichte, Wissenschaft vom Alten und Neuen Testament- die letzten jedoch Fakultäten übernommen werden, Geschichtswissenschaft, Kulturwissenschaft usw.
Was die Abschaffung der Theologischen Fakultäten betrifft, so begründen wir sie folgendermaßen:
Die kirchliche Bildung der Theologie widerspricht dem Postulat der Freiheit der Wissenschaft. Indem die sogenannte theologische Wissenschaft Glaubenserfahrung voraussetzt und zugleich die Existenz Gottes, Gotteserfahrung u. ä. als nicht hinterfragbar postuliert, stellt sie sich außerhalb des neuzeitlichen Wissenschaftsverständnisses. Dies bedeutet jedoch nicht, daß aufgrund günstiger Umstände nicht doch in Einzelfällen durchaus wissenschaftlichen Standard entsprechende Forschung in den theologischen Fakultäten geleistet wurde und wird. Um diese Forschung zu bewahren, ist es notwendig, daß die Geschichte der jüdisch-christlichen Religion in Zukunft in kirchlich ungebundenen Disziplinen (Geschichtswissenschaft, Kulturwissenschaft, Religionswissenschaft usw.) erforscht wird.
Karl Heinz Deschner, Die Kriminalgeschichte des Christentums, Rowohlt Verlag
Wohl kaum ein anderer Autor hat die dunklen Kapitel der Geschichte des Christentums so ausgeleuchtet wie Karl Heinz Deschner, der sich nicht davor scheut, Kirchenführer als "Verbrecher" zu bezeichnen. Seit vier Jahrzehnten arbeitet er an einem Sittengemälde des Christentums und hat dazu über dreißig Bücher verfasst, womit er zu einem der profiliertesten Kirchenkritiker wurde. Zudem hat der aus dem Oberfränkischen stammende, 1924 geborene Literat sich als Romancier und Aphoristiker einen Namen gemacht und wurde mit mehreren Auszeichnungen bedacht (u.a. International Humanist Award, Alternativer Büchnerpreis). Seit 1986 erscheint bei Rowohlt sein monumentales Hauptwerk über die vergangenen zwei Jahrtausende: "Kriminalgeschichte des Christentums", das auf zehn Bände mit etwa 6000 Seiten konzipiert ist. Der Kriminalhistoriker bringt besonders das zur Sprache was die offizielle kirchliche Lesart geflissentlich verharmlost oder gar verschweigt. Und so lesen sich manche seiner Kapitel, beispielsweise in Band 7, wie ein Gruselroman, der von Scheiterhaufen berichtet, die nie erlöschen, und den Leser in modrige Kerker und Folterkammern führt, wo die "Ungläubigen" im Namen des christlichen Glaubens gevierteilt oder ihnen Zunge und Augen ausgeschnitten werde. Die zeitgenössischen Theologen wussten derlei Gewalt mit grotesken Kommentaren zu legitimieren, wenn sie etwa von "Liebe in fremder Gestalt" sprachen oder die Kreuzzüge als göttliche Taten feierten ("Durch Gottes Gnade wurden über 3000 Heiden erschlagen"). Deschner geht es nicht um eine "ausgewogene" Darstellung; vielmehr schreibt er, mitunter in sarkastischem Unterton, als aufklärerischer Humanist, der daran Anstoß nimmt, dass das als Liebesreligion wähnende Christentum eine Unmenge von Verbrechen begangen hat. Mit seiner in lockerer Sprache verfassten "Kriminalgeschichte" hat Deschner ein alternatives Standardwerk geschaffen, das den Leser ungeschminkt hinter die Kulissen schauen lässt. Damit entlarvt er die herkömmliche Kirchengeschichtsschreibung, die noch immer unter apologetischen Vorzeichen steht.
Der Glaube an Gott ist ein Akt des Gehorsams, der von uns eine solch totale Hintansetzung aller nur menschlichen Begriffe und Überlegungen fordert, daß dem Menschen durch nichts Menschliches mehr Hilfe werden kann, daß er ganz auf sich selbst gestellt ist und die Schwere der Entscheidung allein zu tragen hat. Paradox ist nicht nur, was schwer zu denken ist, sondern was, menschlich gesprochen, überhaupt nicht mehr gedacht und verstanden werden kann. Der Mensch wird darum hier in einen Zustand der Verzweiflung hineingestoßen. Aber wenn er jetzt noch glaubt, dann ist das die höchste Bewährung. Im Scheitern findet der Einzelne sich, wird frei von der Welt und findet zugleich zu Gott.
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b) Kritik am Christentum seiner Zeit
Wenn man sich den Glaubensbegriff Kierkegaards vergegenwärtigt, versteht man sofort seine Kritik am Christentum seiner Zeit. In seinen Flugschriften »Der Augenblick«, die die Entscheidung zwischen Christlichkeit und Weltlichkeit herbeiführen wollen, protestiert er mit maßloser Ironie gegen die »protestantische Mittelmäßigkeit« der zwischen Welt und Christentum vermittelnden Staatschristen und zugleich gegen Hegel, der diese Vermittlung sanktioniert hatte, indem er im Staat den wandelnden Gott auf Erden sah. Im sogenannten christlichen Staat protegiere das Menschliche das Göttliche. »Wie in aller Welt«, fragt Kierkegaard mit Anspielung auf Hegel, »ist einem so vernünftigen Wesen wie dem Staat etwas derart Widersinniges in den Sinn gekommen?« und antwortet dann: »Nun, das hat eine lange Geschichte; hauptsächlich aber hängt es damit zusammen, daß das Christentum im Laufe der Zeit immer weniger seinem wahren Charakter gemäß bedient wurde: als das Göttliche.« Das echte Christentum, wie das Urchristentum es war, hätte damals kein Staatsmann als eine vom Staat zu beschützende Aufgabe angesehen; ein entartetes Christentum der feigen Menschenfurcht und der Mittelmäßigkeit vertrüge sich mit dem weltlichen Staat. Der Staat ist aber immer weltlich, und es ist darum Lüge und Widersinn, ihn zum Protektor des Christentums zu machen. »Angenommen, der Staat stellte 1000 Beamte an, die mit ihrer Familie davon leben..., das Christentum zu verhindern, so wäre das wohl ein Versuch, der darauf ausginge, das Christentum womöglich unmöglich zu machen. Und doch wäre dieser Versuch... weitnicht so gefährlich wie das, was faktisch geschieht: daß der Staat 1000 Beamte anstellt, die als ›Verkünder des Christentums‹... ein pekuniäres Interesse daran haben, erstens daß die Leute sich christlich nennen... und zweitens, daß es dabei bleibe, daß sie also nicht zu wissen bekommen, was in Wahrheit Christentum ist... Und die Wirksamkeit dieses Standes geschieht nicht unter dem Namen, daß das Christentum verhindert werde und hierfür 1000 Beamte mit Familie ihre Besoldung beziehen; nein, sie ›verkünden‹ das Christentum, sie ›breiten das Christentum aus‹, sie ›arbeiten für das Christentum‹!... Ist denn das nicht ungefähr das Allergefährlichste, das sich ausdenken ließ, um das Christentum womöglich unmöglich zu machen?« Kierkegaard sah in dem protestantischen Staatskirchentum Dänemarks das Gegenteil von dem, was das Neue Testament wolle. Marx und Kierkegaard verzweifeln an Staat und Kirche und dem von diesen Mächten geformten Menschen ihrer Zeit. Die Versöhnung Hegels, in der dies alles gerechtfertigt worden war, schlug bei ihnen zur Revolte um, zur sozialen bei Marx, zur christlichen bei Kierkegaard. Während aber Marx der Philosoph der Vermassung wird und im Kollektiv-Menschen der klassenlosen Gesellschaft das Heil sucht, also in einem Ideal-Menschen, der nun doch wieder im Stile Hegels uniform und reiner Begriff ist, aber damit auch ohne Ich und ohne Entscheidung, ohne Verantwortung und Freiheit, schreitet Kierkegaard zu einer endgültigen Überwindung Hegels, indem er den Einzelnen mit der Einmaligkeit seines Wagens und Entscheidens ruft. Er, dieser Mensch der Innerlichkeit, ist der eigentliche Mensch. Er hat nicht nur die bürgerliche Gesellschaft, er hat die ganze menschliche Kultur überwunden, ja er hat die Welt überwunden. Gerade in der Angst hat er das Zeitliche in seiner Brüchigkeit durchschaut. Es ist absolut nicht das Anderssein der Idee. Das Gegenteil ist der Fall. Die Realistik seiner Schauweise offenbart Kierkegaard die Unsicherheit, ja Nichtigkeit des Zeitlichen. Und so unterwirft er sich dem Ganz-Anderen und erwartet einzig von seinem Wort die Rettung des Menschen. Es ginge um das Absolute und das Ewige in der Zeitlichkeit, ja. Aber nicht so, wie Hegel sich das vorgestellt hatte. »Es wird, um die Ewigkeit wieder zu bekommen, Blut gefordert werden, aber Blut von einer anderen Art, nicht jenes der tausendweis totgeschlagenen Schlacht- Opfer, nein, das kostbare Blut der Einzelnen – der Martyrer, dieser mächtigen Verstorbenen, die vermögen, was kein Lebender, der Menschen tausendweis niederhauen läßt, vermag, was diese mächtigen Verstorbenen selbst nicht vermochten als Lebende, sondern nur vermögen als Verstorbene: eine rasende Menge in Gehorsam zu zwingen, just weil diese rasende Menge in Ungehorsam diese Martyrer totschlagen durfte.« In dem entscheidenden Augenblicke des »Umschlages« werden nur Martyrer die Welt noch regieren können, aber keine wie immer gearteten weltlichen Führer. Was dann not tut, wären Geistliche, aber keine Soldaten und Diplomaten: »Geistliche, welche ›die Menge‹ trennen können und sie zu Einzelnen machen; Geistliche, die nicht zu große Ansprüche machten an das Studieren und nichts weniger wünschten als zu herrschen; Geistliche, die, womöglich, gewaltig beredsam, nicht weniger gewaltig wären im Schweigen und Erdulden; Geistliche, die, womöglich, Herzenskenner, nicht minder gelehrt wären in Enthaltsamkeit von Urteilen und Verurteilen; Geistliche, die Autorität zu brauchen wüßten mit Hilfe der Kunst, Aufopferungen zu machen; Geistliche, die vorbereitet, erzogen, gebildet wären, zu gehorchen und zu leiden, so daß sie mildern, ermahnen, erbauen, rühren, aber auch zwingen könnten - nicht durch Macht, nichts weniger, nein, durch den eigenen Gehorsam zwingen und vor allem alle Unarten des Kranken geduldig leiden, ohne gestört zu werden... Denn das Geschlecht ist krank und, geistig verstanden, krank bis zum Tode« (vgl. Löwith, a. a. O. 129).
[Johannes Hirschberger: Geschichte der Philosophie: Zweiter Abschnitt: Die Philosophie der Gegenwart, S. 113. Digitale Bibliothek Spektrum Band 1: Hirschberger: Geschichte der Philosophie, S. 1992 (vgl. Hirschberger-Gesch. Bd. 2, S. 500-501) (c) Herder-Verlag]
Galileo Galilei,ein Naturwissenschaftler provoziert mit seinen Erkenntnissen Papst und Kirche
„ und sie bewegt sich doch“
Die Spannungen zwischen Kirche und Naturwissenschaft werden von Galileo Galilei exemplarisch symbolisiert. Er war zwar, weder der Erste, der behauptete, dass sich die Erde um die Sonne dreht, noch war er der Erfinder des zu dieser Erkenntnis nützlichen Innovation: Die Erfindung des Teleskops (auch wenn er dank seines technischen Geschicks ein so leistungsstarkes Fernrohr baute, dass er am 7.01.1610 vier Monde des Jupiter entdeckte).
Der 1564 in Pisa geborene studierte Mediziner gilt auch als "der Vater der Mechanik" (wegen der von ihm entdeckten Bewegungsgesetze) und als Begründer der neueren Naturwissenshaft- weil er die induktive Methode und das systematische Experiment einführte. Doch berühmt wurde Galileo durch den Konflikt mit der katholischen Amtskirche in Rom. Die Kopernikanische Kränkung, die aus der Erkenntnis folgt, dass die Erde nicht der Mittelpunkt des Universums ist, nahm der Klerus zum Anlass Galileo unter Androhung "der heiligen Inquisition" zu zensieren.
Durch die Beobachtung der Phasenwechsel von Venus und Merkur (also der Abfolge von Hell und Dunkel wie auf dem Erdenmond) war er 1611 zu der Einsicht gelangt, das Kopernikus recht gehabt hatte: dass sich die Planeten - also auch die Erde - tatsächlich um die Sonne drehten. Und er war, zumindest zu anfangs, auch mutig genug, seine Meinung in der Öffentlichkeit kund zu tun. Obwohl die Katholische Kirche (entgegen der von Kopernikus schon 1543 veröffentlichten Erkenntnis) weiterhin dem geozentrischen Weltbild anhingen und weiterhin als den Mittelpunkt des Universums betrachtete.
Jedwede anderslautende Erkenntnis wurde als fundamentale Kränkung der eigenen narzisstischen Erhöhung zur "Krone der Schöpfung" aufgefasst und durch Gewaltandrohung und -Anwendung im Keim erstickt. Die Katholische Kirche, die sich mit den Protestanten bittere religiöse Auseinandersetzungen lieferte, glaubte keine, wie auch immer gearteten Zweifel an der "päpstlichen Unfehlbarkeit" dulden zu können ( ein Dogma, welches bis heute Bestand hat). Deshalb zwang die Inquisition Galilei 1616, seine Erkenntnisse weder zu lehren, noch zu verteidigen. Weil Galilei sich nicht daran hielt, ließ Papst Urban der VIII. den Astronomen - in der Überzeugung, dass sich dieser mit seinen Thesen lächerlich machen würde - erneut vor das Inquisitionsgericht zerren.
Unter Androhung der Folter widerrief der damals 69 jährige Naturwissenschaftler seine epochalen Thesen und wurde zu lebenslangem Hausarrest verurteilt. Der Freiheitsentzug wurde bis zu seinem Tod, neun Jahre später nicht wieder aufgehoben. Bis zum heutigen Tag ist überliefert, dass er selbstbewusst den klerikalen Richtern mit dem Spruch: "Und sie bewegt sich doch!" (die Erde) entgegengetreten sein soll.
Es dauerte unfassbare 360 Jahre, bis die Katholische Kirche unter Johannes Paul II. die unleugbaren Erkenntnisse und naturwissenschaftlichen Tatsachen Galileis
anzuerkennen.
England schafft Blasphemie ab März 8, 2008 — Falk Quelle: brightsblog
Das britische House of Lords hat mit 148 zu 87 Stimmen das Gesetz gegen Blasphemie abgeschafft. Gotteslästerung ist nun in England nicht mehr strafbar. Wie das noch bestehende deutsche Gegenstück, der "Gotteslästerungsparagraph" §166 StGB, wurde das Gesetz in den letzten Jahren nur sehr selten angewandt. Bei der Diskussion im House of Lords wurde mehrmals Richard Dawkins erwähnt.
Lord Elystan-Morgan zitierte aus dem "Gotteswahn": "Der alttestamentarische Gott ist einer der unangenehmsten Charaktere der Literaturgeschichte. Eifersüchtig und ungerecht, ein Rassist, Schwulenhasser und Kinderkiller, ein übler Korinthenkacker, Megalomane und ethnischer Säuberer." Er betonte, dass das Gesetz gegen Blasphemie gegen Dawkins für diese Aussage hätte angewandt werden können. Jedoch sollte er aus zwei Gründen das Recht haben, sich so zu äußern:
1. Würde man solche Aussagen bestrafen, so müssten täglich ein paar tausend Menschen vor Gericht erscheinen.
2. Der gute Herr brauche eine solche Verteidigung nicht, der könne auf sich selbst aufpassen.
Die Karikatur "Maul halten und weiter dienen", die Jesus am Kreuz mit Gasmaske zeigt, brachte dem überzeugten Pazifisten 1927 eine Klage wegen Gotteslästerung ein. Das Verfahren endete erst in der fünften Instanz mit einem Freispruch. Ein Bild aus dem Gerichtssaal von 1930, Grosz rechts auf der Anklagebank. (Bild: Getty Images)
Die Worte sind vom Zeichner hinzugefügt, sie werden über den Christus hinweg gesprochen, und zwar zur Menschheit, die in den Krieg getrieben wird – unter dem Zeichnen des Kreuzes. Der Staats-Christus, dem auf dem Bild nur noch eine Fahne fehlt, um Komplet zu sein, ist aufgerichtet, um die Herde der Gläubigen zur Räson, nämlich zur Staats-Räson zu bringen – in seinem Namen wird befohlen.
Die Kirche, die aus den Inquisition-Prozesses die ihr lieb gewordene Übung hat, den armen Sünder den staatlichen Henkern zuzustoßen und selbst im Hintergrund aufdringlich diskret zu beten, wirft die ihr unbequemen politischen Gegner den Richtern vor; die Justiz stürzt sich mit Wonne auf Leute, die sie sowieso als Aufrührer empfindet. Die Kirche hat nach ihren völlig negativen Leistungen im Kriege kein Recht: - uns ihre Feiertage aufzuzwingen;
- unsern Kindern ihre Lehre aufzuzwingen;
- sich mit Glockengeläute und Gesetzgebung eine Beachtung zu verschaffen, die ihr nicht zukommt;
- sich in allen Bildungsfragen aufzudrängen und in alle Kinderhorte einzudrängen, denn sie repräsentiert nicht das einzige mögliche Weltbild, sonder nur eines, und das noch sehr unvollkommen. Sie versuche zu überzeugen – sie siege im Zeichen des Kreuzes, nicht im Zeichen des Landgerichtsdirektors. Sie schweige.
Kurt Tucholski
Ausschnitte aus dem Buch – „Politische Justiz“ - Rowolht Verlag 1970
„ Ein Fall von Christenverfolgung, mitten in Deutschland“ Das evangelikale Missionswerk „Campus für Christus“ aus Gießen nahm mit eigener Gegenkampagne (und Bus) die Verfolgung des „Atheisten Bus“ quer durch Deutschland auf.
Düsseldorf 05.06.2009, als das deutsche Gegenstück zur Atheist Campain in Großbritannien, machte am 5. Juni die säkulare Buskampagne mit der Kampagnenwebsite www.buskampagne.de, Zwischenstation auf dem Kay-und Lore-Lorenz-Platz, vor dem Düsseldorfer Kommödchen. In Sichtweite zum Bus der säkularen Werbekampagne mit dem Slogan: „ES GIBT (mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit) KEINEN GOTT“, gesellte sich ein Bus des evangelikalen Missionswerk Campus für Christus mit eigenem Slogan: „Und wenn es ihn doch gibt?“ Eine ganze Batterie von Missionaren schwärmte aus, um die vermeintlich verlorenen Seelen der "Ungläubigen" einzufangen; was von einigen der anwesenden Gäste zum Teil als lästig bis störend empfunden wurde. Nicht wenige empfanden diese penetrante Art des Missionierens als pure religöse Nötigung im öffentlichen Raum. Einige der Evangelikalen legten sogar ihre eigenen religiösen Schriften auf die Infotische der Atheisten und zeigten sich „not amused“ über soviel „geballte Gottlosigkeit“. Für Unterhaltung sorgte "blasphemisches Kabbarett" aus dem Kommödchen. Der Bus der Evangelikalen verfolgte die Atheistenkampagne auf ihrer Tour von Dortmund (4. Juni) bis zum Abschluss nach Berlin (18.Juni). Zwischenzeitlich dachten die Organisatoren der atheistischen Buskampagne sogar über einen von den Christen einzuhaltenden Sicherheitsabstand von drei Kilometern nach. In der Kultursendung "Titel, Thesen, Temperamente" betitelte der Moderator Dieter Moor den Vorgang als: „ Ein Fall von Christenverfolgung mitten in Deutschland.“
Zum Hintergrund der Kampagne: Analog zur Atheist Bus Campain in Großbritannien sollte eine Anzeigenkampagne auf deutschen Bussen und Bahnen gestartet werden. Doch in der gesamten Bundesrepublik weigerten sich die Verkehrsbetriebe die Slogans und Plakate auf ihren Fahrzeugen zuzulassen. In Berlin, wo jahrelang Jesus-Aufkleber in den Verkehrsmitteln zu sehen waren, beschlossen die Verkehrsbetriebe, dass sie ab sofort keinerlei weltanschauliche Werbung mehr akzeptieren wollen. Der Verkehrsverbund Bremen/Niedersachsen erklärte sogar, dass man zwar christliche, aber keine „glaubensverachtende“ Werbung akzeptieren will. Das Verhalten der Verkehrsbetriebe ist geradezu ein Beweis dafür, wie berechtigt und notwendig eine solche Kampagne ist. Während religiöse Werbung im öffentlichen Raum nahezu alltäglich ist, wird es anderseits offenbar nicht gerne gesehen, wenn Nicht-Religiöse mit ihren Überzeugungen an die Öffentlichkeit gehen. Dies wirft ein bezeichnendes Licht auf die gesellschaftliche Situation in Deutschland, wo über ein Drittel der Menschen keiner Konfession angehören. Das diskriminierende und die Meinungsfreiheit einschränkende Verhalten der Verkehrsbetriebe bestätigt einmal mehr, dass das verfassungsmäßig garantierte Grundrecht auf Gleichbehandlung von Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften in der Bundesrepublik nicht gewährleistet wird. Nach aktuellen Zahlen gibt es zum 31.12.2007 in Deutschland 30,2 % evangelische Kirchenmitglieder, 30,1 % Katholiken, 4% Muslime, 1,9% Mitglieder anderer Religionsgemeinschaften und mit 33,8% in der Mehrzahl konfessionsfreie.
Quellen: IBKA.ev Rundbrief Juni 2009, Carsten Ferk Berlin 2009, Idea Spektrum Nr.23, Ausgabe vom 4.Juni 2009, T.L.M. –VAF 3.08.2009
Politiker aus Berliner SPD und Linkspartei haben Verbesserungsmöglichkeiten beim Pflichtfach Ethik an Berlins Schulen Probleme eingeräumt. Nach dem erfolglosen Volksentscheid für ein Wahlpflichtfach Religion zeichnet sich somit die Möglichkeit einer Reform ab. Der Türkische Bund fordert zudem stärkere Kontrollen des Religionsunterrichts und Islamkunde an den Schulen. Berliner Morgenpost
Pro Reli, contra Aktionismus Das Votum zu Tempelhof lehrt: Ohne Massenbewegung kann kein Volksentscheid erfolgreich sein.
29.4.2008 Berlin, so hat der amerikanische Religionssoziologe Peter L. Berger einmal gesagt, sei die „Welthauptstadt des modernen Atheismus“. Das ist nicht ganz falsch. Von den 3,4 Millionen Einwohnern sind rund 60 Prozent konfessionslos, Tendenz steigend. Die einzige Religion, die hier wächst, ist der Islam. Es gibt sogar einen atheistischen Stadtführer, „Metropole des Humanismus“ genannt, mit einem atheistischen Stadtplan. Manchmal wird der Berliner auch als „homo areligiosus“ bezeichnet.
Diese indifferent-säkulare Grundhaltung hat den rot-roten Senat bewogen, an den staatlichen Schulen ab Klasse 7 ein Ethikpflichtfach einzuführen, das nicht zugunsten des Religionsunterrichts abgewählt werden kann. Dieser hat weiterhin den Rang einer freiwilligen Arbeitsgemeinschaft, was bedeutet, nicht gleichberechtigt neben der Ethik bestehen zu können, sondern von dieser verdrängt zu werden. Dagegen wendet sich die Bürgerinitiative „Pro Reli“, die mit Unterstützung der beiden christlichen Kirchen und der CDU ein Volksbegehren eingeleitet hat, um eine echte Wahlmöglichkeit zwischen Ethik und Religion herzustellen.
Zu den Erstunterzeichnern gehören EKD-Ratspräsident Bischof Wolfgang Huber und Georg Kardinal Sterzinsky. Unterschrieben hat auch der Verfasser dieser Zeilen, weil er das Ziel von „Pro Reli“ grundsätzlich bejaht, den Religionsunterricht an den Schulen gestärkt sehen möchte und die Ansicht des ehemaligen Bundespräsidenten Johannes Rau teilt: „Wer nirgendwo zu Hause ist, kann keine guten Nachbarn haben.“ Im vergangenen Januar hat der Senat das Volksbegehren offiziell zugelassen. Im Juni könnte es starten. Dann muss „Pro Reli“ in vier Monaten 170 000 Unterschriften sammeln; wenn das gelingt, könnte es im Frühjahr 2009 den zweiten Berliner Volksentscheid geben.
Kann der Erfolg haben? Die Lehre aus dem ersten, dem Tempelhofer Volksentscheid heißt ganz klar: nein. Wenn es selbst in dieser Angelegenheit – historisch aufgeladen, identitätsstiftend, massiv von Springer, vielen Prominenten, der lokalen wie der Bundes- CDU unterstützt – nicht gelang, eine Mehrheit von mindestens 25 Prozent der Wahlberechtigten zu bekommen, bedarf es eines Wunders, um Religion als Wahlpflichtfach durchzusetzen. An Wunder darf man glauben, aber ist es vernünftig, für sie zu kämpfen und Geld, Ressourcen und Kapazitäten für eine schier aussichtslose Sache einzusetzen?
Im Englischen gibt es die pragmatische Mahnung: „Pick your battles“ – wähle deine Kämpfe sorgfältig, verzettel dich nicht. Darüber sollten die Initiatoren von „Pro Reli“ nun neu nachdenken, ebenso wie die Vertreter der beiden christlichen Kirchen. Vielleicht muss die Schlacht um diese Art staatlich geförderter Religiosität geschlagen gegeben werden. Vielleicht wäre es sinnvoller für alle Gläubigen, statt gegen Windmühlen anzurennen, mit ihrer spärlichen Kraft zu haushalten und sich auf erreichbare Ziele zu konzentrieren. Eine wirklich lebendige Religion überlebt einen rot-roten Senat.
(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 29.04.2008)
Bischof Mixa attackiert die Ungläubigen Massenmord als Folge von Atheismus
Augsburg (RPO). Der Augsburger Bischof Walter Mixa hat vor einem aggressiven Atheismus in Deutschland gewarnt. "Wo Gott geleugnet oder bekämpft wird, da wird bald auch der Mensch und seine Würde geleugnet und missachtet. Eine Gesellschaft ohne Gott ist die Hölle auf Erden", sagte der Militärbischof in seiner Osterpredigt und lieferte auch historische Vergleiche.
"Die Unmenschlichkeit des praktizierten Atheismus haben im vergangenen Jahrhundert die gottlosen Regime des Nationalsozialismus und des Kommunismus mit ihren Straflagern, ihrer Geheimpolizei und ihren Massenmorden in grausamer Weise bewiesen", sagte der Augsburger Bischof. Immer seien in diesen Systemen die Christen und die Kirche besonders verfolgt worden.
Atheisten versuchten die Realität der Auferstehung von den Toten und der Erlösung vom Bösen in das Reich der Mythen und der Fantasie zu schieben. Wer aber dem Menschen den Glauben an Gott nehme, nehme ihm das Wichtigste im Leben, sagte Mixa. Wer den Glauben an den menschgewordenen, am Kreuz gestorbenen und von den Toten auferstandenen Christus leugne, wende sich letztlich gegen das Heil des Menschen.
Auch in der Gegenwart würden durch gottlose Verhaltensweisen in allen Teilen der Welt Menschen wirtschaftlich und moralisch ausgebeutet, wenn etwa Kinder zum Kriegsdienst oder Frauen zur Prostitution gezwungen würden, wenn gerechter Lohn verweigert werde oder Menschen an Hunger sterben müssten. Ohne christlichen Glauben gebe es dauerhaft keine wahre Menschlichkeit, sagte Mixa.
RICHARD DAWKINS______________________________________________
"Viren im Kopf"
"Der Hafen, den alle Meme zwangsläufig ansteuern ist der menschliche Geist, aber dieser Geist ist seinerseits ein Kunstprodukt, das entsteht, indem Meme ein menschliches Gehirn umstrukturieren, so dass es ein besserer Lebensraum für Meme wird. Die Ein- und Ausgabekanäle werden örtlichen Gegebenheiten angepasst und durch allerlei künstliche Mittel verstärkt, welche den Umfang und die Zuverlässigkeit der Kopiervorgänge erhöhen. Der Geist eines gebürtigen Chinesen unterscheidet sich erheblich von dem eines gebürtigen Franzosen, und der Geist eines Lesekundigen unterscheidet sich von dem eines Analphabeten. Als Gegenleistung bringen Meme dem Organismus, in dem sie wohnen eine unschätzbare Fülle von Vorteilen - mit einigen Trojanischen Pferden obendrein…" Daniel Dennett, Consciousness Explained
1. Futter für Kopiermaschinen
Ein hübsches Mädchen in meinem Bekanntenkreis - sechs Jahre alt und der ganze Stolz ihres Vaters - glaubt, dass es Thomas, die Lokomotive wirklich gibt. Sie glaubt an den Weihnachtsmann, und wenn sie groß ist, will sie Zahnfee werden. Sie und ihre Schulkameradinnen glauben es, wenn erwachsene Respektspersonen ihnen feierlich erklären, dass es Zahnfeen und den Weihnachtsmann wirklich gibt. Dieses kleine Mädchen ist in einem Alter, wo es alles glaubt, was man ihr sagt. Erzählt man ihr von Hexen, die Prinzen in Frösche verwandeln, dann glaubt sie es. Erzählt man ihr, dass böse Kinder ewig in der Hölle schmoren, bekommt sie Alpträume. Gerade habe ich erfahren, dass dieses süße, vertrauensvolle, leichtgläubige Mädchen ohne Zustimmung ihres Vaters wöchentlich Unterricht bei einer römisch-katholischen Nonne bekommt. Welche Chance bleibt ihr da?
Menschenkinder sind von der Evolution her darauf angelegt, die Kultur ihres Volkes in sich aufzusaugen. Offensichtlich lernen sie die Grundlagen ihrer Muttersprache in wenigen Monaten. Ein großer Wortschatz zum Sprechen, eine Enzyklopädie an Informationen, über die man sprechen kann, komplizierte Syntax und Semantik, um das Sprechen zu ordnen - all das wird von älteren Gehirnen in ihre Gehirne übertragen, lange bevor sie erwachsen sind. Wenn man dermaßen vorprogrammiert ist, nützliche Informationen in hohem Tempo aufzunehmen, ist es schwer, sich gleichzeitig vor schädlicher Information zu schützen. Wenn so viele Gedankenbytes heruntergeladen werden müssen, so viel Mentalcode kopiert werden muss, ist es kein Wunder, dass Kinderhirne leichtgläubig sind, offen für fast jede Suggestion, anfällig für subversive Einflüsse, leichte Beute für Munies, Scientologen und Nonnen. Wie Immunschwäche-Patienten sind Kinder sehr
anfällig für mentale Infektionen, mit denen Erwachsene ohne weiteres fertig werden.
Auch DNA enthält parasitären Code. Biologische Zellen besitzen einen hervorragenden Kopiermechanismus für DNA. Sie sind scheinbar begierig darauf, DNA zu kopieren, und DNA ist begierig darauf, kopiert zu werden. Der Zellkern ist geradezu ein Paradies für DNA - eine pulsierende, hoch entwickelte, schnelle und genaue Kopiermaschine.
Die Zellmaschinerie ist dermaßen DNA-freundlich, dass es nicht verwundert, wenn Zellen auch DNA-Parasiten beherbergen - Viren, Viroide, Plasmide und anderes mitreisendes Gesindel. Parasitäre DNA fügt sich sogar nahtlos in Chromosomen ein. "Überspringende Gene" und Abschnitte "egoistischer DNA" schneiden oder kopieren sich selbst aus Chromosomen heraus und fügen sich anderswo ein. Tödliche Onkogene lassen sich kaum von rechtmäßigen Genen unterscheiden, zwischen denen sie eingefügt sind. In evolutionsmäßigen Zeiträumen vollzieht sich vermutlich eine kontinuierliche Wandlung von "regulären" zu "bösen" Genen und umgekehrt (Dawkins, 1982). DNA ist gleich DNA. Das einzige, was Viren-DNA von Wirts-DNA unterscheidet, ist ihre bevorzugte Fortpflanzungsmethode: "Rechtmäßige" Wirts-DNA versucht sich auf orthodoxem Wege über Sperma und Ei fortzupflanzen. "Böse" oder parasitäre DNA wählt eine schnellere, weniger kooperative Fortpflanzungsmethode, z.B. über Tröpfcheninfektion oder Blutübertragung; nicht über Sperma und Ei.
Für Daten auf einer Diskette stellt ein Computer ein pulsierendes Paradies dar, ebenso wie ein Zellkern pulsiert vor lauter Bereitschaft, DNA zu kopieren. Computer mit ihren angeschlossenen Disketten- und Bandgeräten sind auf hohe Verlässlichkeit und Wiedergabetreue ausgelegt. Anders als DNA-Moleküle "wollen" magnetisch gespeicherte Bytes nicht wirklich kopiert werden. Jedoch kann man Computerprogramme schreiben, die sich selbst kopieren; die sich nicht nur auf einem Computer vervielfältigen, sondern sich auch auf andere Computer ausbreiten. Computer können so gut Bytes kopieren und führen so treu die Befehle aus, die darin enthalten sind, dass sie geradezu ein gefundenes Fressen für selbstreplizierende Programme sind. Ihre Türen stehen weit offen für zerstörerische Werke von Softwareparasiten. Jeder Zyniker, der mit der Theorie der "Egoistischen Gene" und Meme vertraut ist, hätte darauf kommen können, dass moderne PCs mit ihrem freizügigen Austausch von Disketten und E-Mails geradezu Ärger herausfordern. Das einzig Überraschende an der gegenwärtigen Computervirenplage ist, dass sie erst so spät aufgetreten ist.
2. Computerviren - ein Beispiel für Informations-Epidemien
Computerviren sind Codeschnipsel, die sich in vorhandene, legitime Programme einpflanzen und deren Funktion untergraben. Sie werden über Austausch von Disketten oder über Netzwerke transportiert. Sie unterscheiden sich technisch von den "Würmern" - das sind ganze, selbständige Programme, die sich vorwiegend über Netzwerke ausbreiten. Eine dritte Kategorie von Schadprogrammen, die sich von den erstgenannten stark unterscheidet, sind die "Trojanische Pferde". Sie kopieren sich nicht selbst, sondern motivieren Menschen durch pornografischen oder anderweitig attraktiven Inhalt dazu, sie zu kopieren. Sowohl Viren als auch Würmer sind Programme, die wirklich in Computersprache sagen: "Kopiere mich!" Daneben tun sie eventuell noch andere Dinge, um ihre Anwesenheit zu offenbaren und ihren Urhebern eventuell diebische Freude zu bereiten. Diese Nebeneffekte können humorvoll sein (wie bei dem Virus, der über den eingebauten Lautsprecher von Macintosh-Rechnern die Worte "Keine Panik" sprach, was natürlich den genau entgegengesetzten Effekt hatte); bösartig (wie bei den vielen IBM-Viren, die die Festplatte löschen und dies vorher durch hämische Bildschirmmeldungen ankündigen); politisch (wie bei den Spanish Telecom und Beijing-Viren, die gegen hohe Telefongebühren bzw. massakrierte Studenten protestierten); oder auch nur versehentlich (wenn der Programmierer die Systemkommandos der untersten Ebene nicht beherrscht, um einen wirksamen Virus oder Wurm zu schreiben). Der berühmte Internet-Wurm, der am 2. November 1988 einen Großteil der Computersysteme in den USA lahm legte, war nicht (sehr) böse gemeint, sondern nur außer Kontrolle geraten und hat innerhalb von 24 Stunden die Speicher von ungefähr 6000 Computern verstopft, indem er sich selbst exponentiell reproduzierte. "Meme verbreiten sich heute mit Lichtgeschwindigkeit um die Welt und vermehren sich mit einer Geschwindigkeit, die Fruchtfliegen und Hefekulturen vergleichsweise alt aussehen lässt. Sie springen freizügig von einem Transportmittel zum anderen, von einem Medium zum anderen, und es erweist sich als unmöglich, sie einzusperren" (Dennett 1990, S.131). Viren sind nicht auf elektronische Medien wie Disketten und Datenleitungen beschränkt. Auf ihrem Weg von Computer zu Computer können Viren auch durch Druckertinte, Lichtstrahlen in einer menschlichen Augenlinse, optische Nervenimpulse und Fingerbewegungen gehen. Ein Magazin für Computerfreunde, das den Quellcode eines Virus für interessierte Leser abdruckte wurde allseits scharf kritisiert, denn in der Tat ist das Viruskonzept für manch unreifen Jungen so ansprechend (wir sprechen hier bewusst vom männlichen Geschlecht), dass bereits die Veröffentlichung jeglicher Bauanleitung für Viren zu Recht als unverantwortlicher Akt gilt. Ich werde hier bestimmt keinen Virencode veröffentlichen. Aber es gibt einige Tricks für effektives Virendesign, die allgemein bekannt und so offensichtlich sind, dass ich sie zur Fortführung meines Themas gefahrlos erwähnen kann. Sie alle hängen damit zusammen, dass das Virus sich tarnen muss, während es sich verbreitet. Ein Virus, das sich allzu rücksichtslos vermehrt wird schnell entdeckt, weil der Computer bald deutliche Anzeichen von Überlastung zeigt. Darum prüfen viele Viren, bevor sie ein System infizieren, ob es dort noch kein Exemplar von ihnen gibt.
Dies eröffnet nebenbei eine Möglichkeit zur Virenbekämpfung, die einer Impfung gleicht. Damals, als es noch keine speziellen Antivirenprogramme gab, habe ich eine frühe Virusattacke mit einer primitiven Form von "Impfung" beantwortet: Anstatt das entdeckte Virus zu löschen, habe ich nur seine Befehlskette deaktiviert, aber die "Hülle" mit ihrer charakteristischen "Signatur" behalten. So hätten theoretisch später ankommende Exemplare derselben Virusart diese Signatur erkennen und von einer Doppelinfektion absehen müssen. Ich weiß nicht, ob diese Immunisierung wirklich funktioniert hat, aber damals war es wohl sinnvoll, einen Virus auf diese Art "auszuweiden" und die Hülle übrig zu lassen, anstatt ihn ganz und gar zu entfernen. Heutzutage überlässt man diese Aufgabe besser einem professionellen Antivirenprogramm.
Ein Virus, das allzu bösartig ist wird schnell entdeckt und im Keim erstickt. Wenn es sofort jeden Computer zerstört, in dem es sich befindet, kann es nicht in viele Computer gelangen. Es mag sich auf einem Computer sehr lustig auswirken - eine ganze Doktorarbeit vernichten oder ähnliche Scherze - aber es wird keine Epidemie daraus.
Darum sind einige Viren so gestaltet, dass ihr Effekt gering und schwer zu entdecken ist, aber dennoch großen Schaden anrichtet. So gibt es z.B. einen Typ, der nicht ganze Sektoren auf der Festplatte löscht, sondern nur Kalkulationstabellen angreift und dort in den Zeilen und Spalten willkürlich ein paar Zahlen ändert. Andere Viren tarnen sich, indem sie z.B. nur jede sechzehnte infizierte Festplatte löschen. Wiederum andere Viren arbeiten nach dem Zeitbombenprinzip. Da fast alle Computer das aktuelle Datum kennen, sind diese Viren darauf programmiert, sich weltweit zu einem bestimmten Datum zu offenbaren, z.B. am Freitag, dem 13. oder zum 1. April. Vom parasitären Standpunkt aus spielt es keine Rolle, wie katastrophal die eventuelle Attacke ist, Hauptsache, das Virus hat vorher genügend Gelegenheit, sich zu verbreiten (Eine beunruhigende Analogie dazu ist die Alterungstheorie von Medawar/Williams: Wir erliegen Tod bringenden und Tod fördernden Genen, die erst dann reifen, wenn wir reichlich Zeit zur Fortpflanzung hatten (Williams, 1957)). Um sich vor solchen Attacken zu schützen, lassen manche Firmen sogar extra einen Computer laufen, dessen innere Uhr um eine Woche vorgestellt ist, damit eventuelle Zeitbomben-Viren sich dort vorzeitig vor ihrem großen Tag offenbaren.
Auch hier ist es nur logisch, dass die Computerviren-Epidemie zu einem Rüstungswettlauf geführt hat. Antivirensoftware ist ein großes Geschäft. Diese Gegenmittel - Interferon, Vaccine, Gatekeeper und andere - nutzen verschiedene Strategien: Einige sind im Hinblick auf konkrete, bekannte Viren entwickelt; andere unterbinden jeden unerlaubten Zugriff auf kritische Systembereiche und warnen den Anwender.
Das Virusprinzip könnte theoretisch auch für harmlose oder gar nützliche Zwecke verwendet werden. Thimbleby (1991) hat den Begriff "Liveware" geprägt für seine bereits funktionsfähige Anwendung des Infektionsprinzips zur Aktualisierung mehrerer Exemplare einer Datenbank. Immer wenn eine Diskette mit der Datenbank in einen Computer gesteckt wird, prüft dieser, ob schon ein Exemplar der Datenbank auf der lokalen Festplatte ist. Wenn ja, werden beide Exemplare miteinander abgeglichen. So spielt es mit etwas Glück keine Rolle, welcher Kollege z.B. einen neuen Quellenhinweis auf seiner persönlichen Diskette hinzufügt. Seine neu eingegebene Information wird bereitwillig die Disketten seiner Kollegen infizieren (weil auch die freizügig ihre Disketten in anderer Leute Computer stecken) und wird sich wie eine Epidemie im Kollegenkreis verbreiten. Thimblebys Liveware ist nicht in jeder Hinsicht virenartig: Sie kann nicht auf jeden beliebigen Computer überspringen und auch keinen Schaden anrichten. Sie verbreitet ihre Daten nur in bereits bestehende Exemplare der eigenen Datenbank, und man wird nicht von Liveware infiziert, solange man der Infektion nicht ausdrücklich zustimmt.
Übrigens weist Thimbleby, der sich intensiv mit der Virenproblematik auseinandersetzt auch darauf hin, dass man sich teilweise schützen kann, indem man ein Computersystem benutzt, das andere Leute nicht benutzen. Die übliche Begründung dafür, das zahlenmäßig überlegene Computersystem zu kaufen ist schlicht und einfach, dass es zahlenmäßig überlegen ist. Fast jeder, der Ahnung hat, gibt zu, dass das in der Minderzahl befindliche Konkurrenzprodukt in puncto Qualität und Benutzerfreundlichkeit überlegen ist. Trotzdem glaubt man, dass Allgegenwart ein Vorteil an sich sei, der schwerer wiege als bloße Qualität. "Kauf denselben (minderwertigen) Computer wie deine Kollegen", so wird argumentiert, "dann kannst du Software mit ihnen teilen und hast eine größere Auswahl verfügbarer Software." Dummerweise ist gerade dies angesichts der Virenplage nicht mehr unbedingt von Vorteil. Man muss nicht nur sehr misstrauisch sein, wenn man eine Diskette von Kollegen annimmt. Man muss sich auch bewusst sein, dass man als Angehöriger einer großen Nutzergemeinschaft gleichzeitig auch einer großen Virengemeinschaft angehört. Letztere ist, wie sich herausstellt, sogar überproportional größer.
Um noch einmal auf die positiven Einsatzmöglichkeiten von Viren zurückzukommen: Es gibt Überlegungen, "den Wilddieb zum Wildhüter zu machen", bzw. "einen Verbrecher zur Verbrecherjagd einzusetzen". Eine einfache Möglichkeit wäre, eines der gängigen Antivirenprogramme als "Gefechtskopf" in einen harmlosen, sich selbst kopierenden Virus einzubauen. Vom Standpunkt des "Gesundheitswesens" her wäre dies besonders vorteilhaft, weil genau die Computer, die besonders anfällig für zerstörerische Viren sind - die, auf denen besonders viele Raubkopien ausgetauscht werden - am ehesten vom heilenden Anti-Virus heimgesucht würden. Eine mächtigere Form von Antivirus könnte vielleicht sogar - ähnlich wie das Immunsystem - "lernen" und seine Widerstandskraft gegen alle möglichen Viren, die ihm begegnen allmählich weiterentwickeln.
Ich könnte mir auch noch andere Anwendungen des Virusprinzips vorstellen, die zwar nicht direkt gemeinnützig, aber doch nützlich genug sind, um nicht als purer Vandalismus verurteilt zu werden. Eine Computerfirma möchte vielleicht im Rahmen der Marktforschung die Nutzungsgewohnheiten ihrer Kunden ermitteln, um das Design künftiger Produkte zu verbessern. Wählen die Nutzer Dateien über grafische Symbole aus, oder lassen sie sich lieber nur den Dateinamen anzeigen? Wie tief verschachteln die Leute Ordner (Verzeichnisse) ineinander? Arbeiten sie über einen langen Zeitraum hinweg mit einem Programm, z.B. einer Textverarbeitung, oder wechseln sie oft hin und her, z.B. zwischen Schreib- und Zeichenprogrammen? Führen die Leute den Mauszeiger geradewegs zum Ziel, oder kreisen sie diesen Punkt in zeitraubenden Bewegungen allmählich ein, was sich durch besseres Design vermeiden ließe?
Die Firma könnte natürlich einen Fragebogen versenden, um all diese Fragen zu klären, aber die Gruppe, die den Fragebogen tatsächlich ausfüllt und zurückschickt wäre nicht repräsentativ, und eventuell schätzen die Anwender ihr eigenes Verhalten auch nicht immer richtig ein. Eine bessere Lösung wäre eine Marktforschungssoftware. Man würde die Anwender bitten, ein spezielles Programm zu installieren; dieses würde unauffällig im Hintergrund die Tastaturanschläge und Mausbewegungen registrieren. Am Jahresende würde man die Kunden dann bitten, die Datei mit den registrierten Marktforschungsdaten zurückzusenden. Aber auch dazu wären viele Leute nicht bereit; manche würden dies als unzumutbaren Eingriff in ihre Privatsphäre und ihren Speicherplatz ansehen.
Die perfekte Lösung wäre - aus Unternehmenssicht - ein Virus. Wie jedes Virus wäre es selbstkopierend und unauffällig. Es wäre aber nicht zerstörerisch oder humorvoll wie ein gewöhnliches Virus. Seine Replikationseinheit wäre mit einem Marktforschungsmodul verbunden. Dieses Virus würde heimlich ins Computernetzwerk eingeschleust. Wie jedes Virus würde es sich über herumgereichte Disketten und E-Mails verbreiten. Während es sich von Computer zu Computer verbreitet, würde es Statistiken über das Nutzerverhalten aufstellen, das es heimlich in einer Reihe von Systemen beobachtet. Ab und zu würde ein Exemplar dieses Viruses zufällig durch normale, epidemische Verbreitung den Weg zurück in einen Computer des Unternehmens finden. Dort könnten seine Daten dann ausgewertet und mit den Daten anderer Rückläufer zusammengefasst werden.
In Zukunft wäre es durchaus einmal möglich, dass sowohl gute als auch böse Viren so häufig vorkommen, dass man von einer Lebensgemeinschaft von Viren und legitimen Programmen sprechen kann, die in der Silikosphäre koexistieren. Gegenwärtig wird Software angepriesen als "kompatibel mit System 7". Künftig werden Produkte vielleicht angepriesen als "kompatibel mit allen Viren, die 1998 in der Weltweiten Viruszählung erfasst wurden; immun gegen alle bekannten bösartigen Viren; nutzt die Möglichkeiten folgender gutartiger Viren voll aus, sofern vorhanden..." Textverarbeitungssoftware könnte z.B. bestimmte Aufgaben wie Wörter zählen oder Stringsuche an gutartige Viren übertragen, die selbständig den Text durchstöbern.
In fernerer Zukunft könnten vielleicht integrierte Softwaresysteme heranwachsen, nicht durch Design, sondern durch einen Prozess, der dem Heranwachsen einer Lebensgemeinschaft wie dem tropischen Regenwald ähnelt. Banden von untereinander kompatiblen Viren könnten entstehen, ebenso wie man Genome als Banden kompatibler Gene betrachten kann (Dawkins, 1982). In der Tat habe ich sogar behauptet, dass unser Genom gewissermaßen eine gigantische Kolonie von Viren darstellt (Dawkins, 1976). Gene kooperieren miteinander in Genomen, weil natürliche Selektion diejenigen Gene bevorzugt hat, die in Gegenwart anderer häufiger Gene gedeihen. Verschiedene Genpools entwickeln sich möglicherweise zu unterschiedlichen Kombinationen kompatibler Gene. Ich glaube, Computerviren werden eines Tages auf die gleiche Weise Kompatibilität untereinander entwickeln und Gemeinschaften oder Banden bilden. Allerdings, vielleicht auch nicht! Auf jeden Fall erscheint mir diese Spekulation eher Besorgnis erregend als spannend.
Zur Zeit entwickeln sich Computerviren noch nicht von selbst. Sie werden von menschlichen Programmierern erfunden, und wenn man hier überhaupt von "Entwicklung" sprechen kann, dann nur in dem weiteren Sinne, wie sich der Autobau oder die Flugzeugtechnik entwickelt: Designer entwickeln das Auto dieses Jahres, indem sie das Auto des letzten Jahres geringfügig verändern. Über einige Jahre hinweg ist lässt sich dann eventuell ein mehr oder weniger kontinuierlicher Trend erkennen - z.B. zu immer flacheren Kühlergrillen oder was auch immer. Computerviren-Designer denken sich immer raffiniertere Tricks aus, um die Antivirensoftware zu überlisten. Aber Computerviren wandeln und entwickeln sich - bis jetzt - noch nicht durch echte natürliche Auslese. Vielleicht werden sie das in Zukunft eines Tages können. Aber egal ob sie sich nun durch natürliche Auslese entwickeln, oder ob ihre Evolution von menschlichen Designern gesteuert wird - dies spielt keine große Rolle für ihre potenzielle Leistungskraft. Auf beiden Wegen können wir damit rechnen, dass sich ihre Tarnfähigkeiten verbessern und dass sie immer besser mit anderen häufigen Viren kompatibel werden.
DNA-Viren und Computerviren verbreiten sich aus demselben Anlass: Es existiert eine Umgebung mit einer Maschinerie, die gut geeignet ist, um Viren zu vervielfältigen und zu verbreiten und die Instruktionen auszuführen, die sie verkörpern. Eine solche Umgebung bietet im einen Fall die Welt der lebenden Zellen und im anderen Fall das Computernetzwerk mit seinen Datenverarbeitungsanlagen. Gibt es noch weitere, ähnliche Umgebungen wie diese; noch mehr pulsierende Replikationsparadiese? OBEN
3. Der infizierte Geist Ich erwähnte bereits die angeborene Leichtgläubigkeit von Kindern, die so nützlich ist zum Lernen von Sprachen und überliefertem Wissen, und die so leicht von Nonnen, Munies und ähnlichen Leuten missbraucht werden kann. Ganz allgemein tauschen wir ja alle Informationen miteinander aus. Wir schieben uns zwar nicht direkt gegenseitig Disketten in den Schädel, aber wir übermitteln uns Sätze, sowohl durch die Augen als auch durch die Ohren. Wir sehen, wie andere sich bewegen und kleiden, und das beeinflusst uns. Wir hören Werbemelodien und werden davon vermutlich verführt; sonst würden hartgesottene Geschäftsleute ja nicht pausenlos für teures Geld den Äther damit verpesten. Erinnern wir uns an die beiden Eigenschaften, die ein Virus oder irgendein vermehrungsfähiger Parasit von einem freundlichen Medium erwartet; die beiden Eigenschaften, welche die Zelle für parasitäre DNA und den Computer für Computerviren anfällig machen: Erstens die Bereitschaft, Informationen originalgetreu weiterzugeben, eventuell mit ein paar Fehlern, die daraufhin auch originalgetreu weitergegeben werden. Zweitens die Bereitschaft, Anweisungen zu befolgen, die in den weitergegebenen Informationen enthalten sind.
Lebende Zellen und Elektronenrechner erfüllen beide Bedingungen hervorragend. Und wie ist es mit menschlichen Gehirnen? Was die originalgetreue Weitergabe betrifft, sind sie sicherlich nicht so perfekt wie Zellen oder Computer. Sie sind aber dennoch einigermaßen tauglich, in etwa so verlässlich wie ein RNA-Virus, aber nicht so gut wie die DNA mit ihren ausgefeilten Korrekturmechanismen gegen Defekte. Ein Beweis für die Wiedergabetreue von Gehirnen, besonders von Kinderhirnen ist die Sprache selbst. Shaws Professor Higgins konnte nach Gehör erkennen, in welcher Straße ein Londoner aufgewachsen war. Natürlich beweisen solche erfundenen Geschichten gar nichts, aber jeder weiß, dass Higgins' angebliche Fähigkeiten ja nur eine Übertreibung dessen darstellen, was wir alle können. Jeder Amerikaner kann Leute aus dem tiefen Süden von Leuten aus dem mittleren Westen und Neuengländer von Hillbillys unterscheiden. Jeder New Yorker kann Bronx von Brooklyn unterscheiden. Und derartige Möglichkeiten ließen sich in allen Ländern nachweisen. Das beweist, dass das menschliche Gehirn durchaus in der Lage ist, sehr genau zu kopieren (sonst wäre etwa der Newcastler Akzent nicht stabil genug, um wiedererkannt zu werden), allerdings mit einigen Fehlern (ansonsten würde sich die Aussprache niemals weiterentwickeln, und alle, die eine Sprache sprechen hätten denselben Akzent wie ihre entferntesten Vorfahren). Sprache entwickelt sich, weil sie über große Stabilität einerseits und ein bisschen Veränderlichkeit andererseits verfügt. Dies sind die Voraussetzungen für ein evolvierendes System. Die zweite Anforderung an eine virusfreundliche Umgebung - die Bereitschaft, Anweisungen zu befolgen - ist in Gehirnen auch nur graduell geringer als in Zellen oder Computern. Wir gehorchen manchmal den Befehlen anderer, aber manchmal auch nicht. Dennoch ist es eine aufschlussreiche Tatsache, dass die meisten Kinder der Religion ihrer Eltern folgen und nicht irgendeiner anderen verfügbaren Religion. Die Befehle zum Niederknien, sich Richtung Mekka zu verneigen, einer Wand gegenüber rhythmisch mit dem Kopf zu nicken, wie ein Verrückter zu zittern, in "Zungen" zu sprechen - allein die Liste dieser willkürlichen und nutzlosen Bewegungsmuster, welche die Religionen bieten, ist endlos - all das wird befolgt; zwar nicht sklavisch, aber doch mit recht hoher statistischer Wahrscheinlichkeit. Modewellen sind ein weiteres, weniger bedeutungsschweres, aber sehr eindrückliches Beispiel für Verhaltensweisen, die sich nicht rational, sondern eher epidemiologisch erklären lassen. Auch sie treten besonders deutlich bei Kindern hervor: Jojos, Hula-Hoops und Springstöcke erobern im Sturm die Schule, dringen aber nur manchmal von einer Schule zur anderen durch. Sie unterscheiden sich damit in nichts Wesentlichem von einer Masernepidemie. Vor zehn Jahren noch hätte man tausend Meilen durch die USA fahren können, ohne jemandem zu begegnen, der seine Basecap verkehrt herum auf dem Kopf trägt. Heute sieht man verkehrt herum aufgesetzte Basecaps überall. Ich weiß nicht genau, von wo nach wo sich diese Mode verbreitet hat, aber sicherlich ließe sich dies mit epidemiologischen Methoden am besten feststellen. Wir brauchen hier gar keinen Streit über "Determinismus" anfangen; wir müssen gar nicht davon ausgehen, dass Kinder zwangsläufig die Hutmode ihrer Freunde imitieren. Es genügt, lediglich festzustellen, dass ihre Kleiderwahl durch die Kleiderwahl ihrer Freunde statistisch beeinflusst wird. So banal Modewellen auch sind - sie beweisen uns wiederum, dass der menschliche Geist, besonders der jugendliche Geist die Eigenschaften besitzt, die für Informationsparasiten günstig sind. Es wäre also möglich, dass der menschliche Geist von etwas ähnlichem wie Computerviren infiziert wird, obwohl er vielleicht nicht so eine ideale Umgebung darstellt wie ein Zellkern oder ein Elektronenrechner. Es ist faszinierend, sich vorzustellen, wie es sich wohl anfühlt, wenn der eigene Geist von einem "Virus" befallen wird. Es könnte ein absichtlich entworfener Parasit sein, ähnlich wie die heutigen Computerviren; es könnte aber auch ein versehentlich mutierter, unbewusst entwickelter Schädling sein. In jedem Fall, und besonders dann, wenn sich so ein "Virus im Kopf" aus einer langen Reihe erfolgreicher Vorfahren entwickelt hat, können wir davon ausgehen, dass er seinen Job - sich selbst zu vervielfältigen - ziemlich gut macht.
Die fortschreitende Entwicklung immer effektiverer Gedanken-Parasiten hat zwei Aspekte: Neue Varianten, die sich (zufällig oder durch menschliches Design) besser verbreiten lassen, werden zahlreicher. Und Ideen, die sich gegenseitig begünstigen, werden sich zusammenrotten, ebenso wie es Gene tun, und wie es Computerviren vielleicht eines Tages auch können. Solche reproduktiven Elemente pflanzen sich vermutlich gemeinsam als zusammengehörige Gruppe von einem Gehirn ins nächste fort. Am Ende formieren sich solche Gruppen dann zu kompletten Paketen, die so stabil sind, dass sie einen eigenen Namen verdienen, z.B. "Römisch-katholisch" oder "Voodoo". Es spielt keine Rolle, ob wir das ganze Paket als ein Virus auffassen, oder ob wir jede einzelne Komponente als Virus betrachten. Die Analogie stimmt ohnehin nicht genau, weil es hier keinen Sinn ergibt, zwischen Viren und Würmern zu unterscheiden. Der entscheidende Punkt ist jedoch, dass das Gehirn eine anfällige Umgebung für parasitäre, verbreitungswillige Ideen und Informationen ist, und dass die meisten Gehirne massiv infiziert sind.
Ebenso wie Computerviren sind auch Gedanken-Viren meist schwer zu entdecken. Wenn man selbst infiziert ist, wird man es in den meisten Fällen gar nicht wissen und sogar vehement abstreiten. Da ein Virus so schwer aufzuspüren ist, nach welchen Anzeichen könnte man denn Ausschau halten? Ich formuliere meine Antwort mal so, wie ein medizinisches Handbuch die typischen Symptome eines Erkrankten beschreiben würde (ich verwende hier nur willkürlich die männliche Form).
1. Der Patient fühlt sich typischerweise getrieben von einer tiefen inneren Überzeugung, dass etwas wahr oder richtig oder tugendhaft ist: eine Überzeugung, die anscheinend auf keinerlei Beweisen oder Überlegungen beruht, die er aber dennoch als völlig zwingend und überzeugend empfindet. Wir Ärzte bezeichnen eine solche Überzeugung als "Glauben".
2. Patienten machen typischerweise eine Tugend daraus, einen starken, unerschütterlichen Glauben zu haben, obwohl er nicht auf Beweisen beruht. Oft meinen sie sogar, je weniger Beweise es gebe, desto vorbildlicher sei der Glaube (siehe unten).
Die paradoxe Vorstellung, dass das Fehlen von Beweisen im Glauben eine Tugend sei, gleicht in mancher Hinsicht einem Programm, das sich selbst am Laufen hält, indem es sich selbst aufruft (siehe Kapitel "On Viral Sentences and Self-Replicating Structures'' bei Hofstadter, 1985). Denn wenn diese Behauptung erst einmal geglaubt wird, untergräbt sie automatisch jeden Widerstand gegen sich. Die Vorstellung, dass fehlende Beweise eine Tugend seien ist ein wunderbarer Freund und Helfer, der sich mit dem eigentlichen Glauben zu einer Virenbande verbündet, die sich gegenseitig unterstützt.
3. Ein verwandtes Symptom, das am Glaubenskranken eventuell auch auftritt, ist die Überzeugung, dass "Geheimnisse" etwas Gutes seien: Es sei nicht gut, Geheimnisse zu lüften. Man solle sie vielmehr genießen, gar in ihrer Unlösbarkeit schwelgen.
Jeder Versuch, ein Geheimnis zu lüften wäre gefährlich für die Verbreitung des Virus im Kopf. So ist die Vorstellung, dass man Geheimnisse besser nicht lüftet vermutlich auch ein Mitglied der Virenbande, die sich gegenseitig unterstützt. Nehmen wir zum Beispiel das "Geheimnis der Wandlung". Es wäre leicht und gar nicht geheimnisvoll, zu glauben, dass sich eucharistischer Wein in einem symbolischen oder metaphorischen Sinn in Christi Blut verwandelt. Aber die römisch-katholische Lehre von der Wandlung geht darüber hinaus: Die "ganze Substanz" des Weines wandele sich in das Blut Christi; das verbleibende Erscheinungsbild von Wein sei "nebensächlich", "keiner Substanz zueigen" (Kenny, 1986, S.72). Umgangssprachlich sagt man im Allgemeinen, dass der Wein sich "buchstäblich" in Christi Blut verwandelt. Aber egal ob man die Wandlung in ihrer obskuren aristotelischen Form oder in der eingängigen, umgangssprachlichen Form präsentiert - die Behauptung lässt sich nur aufstellen, wenn man den üblichen Sinn der Worte "Substanz" und "buchstäblich" gewaltig verdreht! Worte neu zu definieren ist keine Sünde, aber wenn man Worte wie "ganze Substanz" und "buchstäblich" in diesem Sinn verwendet, wie drückt man es dann aus, wenn etwas tatsächlich ganz in echt passiert ist? Wie Anthony Kenny schon als junger Seminarist irritiert bemerkte: "Nach allem, was ich weiß, könnte auch meine Schreibmaschine eine Wandlung von Benjamin Disraeli sein..."
Katholiken, die aufgrund der Unfehlbarkeit ihrer Lehre glauben müssen, dass Wein sich allem Augenschein zum Trotz körperlich in Blut verwandelt, sprechen vom "Geheimnis der Wandlung". Und sehen Sie, indem man es als "Geheimnis" bezeichnet, ist die Welt auf einmal wieder in Ordnung. Das funktioniert zumindest bei einem Verstand, der durch Hintergrundinfektion darauf vorbereitet ist. Genau derselbe Trick wird auch beim "Geheimnis der Dreieinigkeit" angewandt. Geheimnisse sollen nicht gelüftet werden; sie sollen vielmehr Ehrfurcht auslösen. Die Annahme, dass Geheimnisse eine Tugend seien, hilft dem Katholiken, der es sonst unerträglich fände, an offensichtlichen Unfug wie die Wandlung oder das "Drei-in-eins" zu glauben. Auch diese Annahme "Geheimnisse sind Tugenden" besitzt eine Endlosschleife. Hofstadter würde es so ausdrücken: Gerade die geheimnisvolle Natur des Glaubens lässt den Gläubigen das Geheimnis wahren. Ein extremes Anzeichen von "Geheimnis ist Tugend"-Infektion stellt Tertullians Ausspruch dar: "Certum est quia impossibile est" ("Es ist gewiss, weil es unmöglich ist"). Darin liegt der Wahnsinn! Da möchte man am liebsten Lewis Carrols Weiße Königin zitieren, die auf Alices Einwand "Man kann nicht an Unmögliches glauben" antwortet: "Ich würde sagen, du hast nicht viel Übung… Als ich in deinem Alter war, habe ich es jeden Tag eine halbe Stunde gemacht. Und stell dir vor, manchmal habe ich schon sechs unmögliche Dinge vorm Frühstück geglaubt." Oder Douglas Adams' Elektrischen Mönch, ein arbeitssparendes Gerät, das stellvertretend für Menschen glaubt und sogar "Dinge glauben konnte, mit denen man in Salt Lake City Schwierigkeiten hätte". Als dieses Gerät dem Leser vorgestellt wird, glaubt es gerade, allem Augenschein zum Trotz, dass die gesamte Welt einheitlich rosa sei. Aber Weiße Königinnen und Elektrische Mönche sind nicht mehr so lustig, wenn man feststellt, dass diese virtuosen Gläubigen sich überhaupt nicht von realen, anerkannten Theologen unterscheiden: "Es muss um jeden Preis geglaubt werden, weil es absurd ist" (wieder Tertullian). Sir Thomas Browne (1635) zitiert dies und geht noch weiter: "Für einen aktiven Glauben kann es gar nicht genug Unmöglichkeiten in der Religion geben... Ich will meinen Glauben an den schwierigsten Dingen üben, denn auf gewöhnliche, sichtbare Dinge zu vertrauen ist kein Glaube, sondern Überzeugung." Mir scheint, dass sich hier viel mehr abspielt als blanker Wahnsinn oder surrealistischer Unsinn. Da schwingt so etwas wie Bewunderung mit, wie wenn man einem Jongleur mit zehn Bällen auf einem Hochseil zusieht. Anscheinend gewinnt der Gläubige an Prestige, wenn es ihm gelingt, noch unmöglichere Dinge zu glauben als seine Mitstreiter. Probieren und trainieren diese Leute ihre Glaubensmuskeln, indem sie an Unmögliches glauben, damit sie dann die lediglich unwahrscheinlichen Dinge, die normalerweise zu glauben sind, locker wegstecken?
Während ich dies schrieb, stand im Guardian (29. Juli 1991) gerade ein schönes Beispiel. Es war ein Interview mit einem Rabbi, der die bizarre Aufgabe hatte, Nahrungsprodukte bis zu den Ursprüngen ihrer kleinsten Zutaten zu untersuchen, ob sie koscher sind. Er überlegte gerade, ob er bis nach China reisen müsste, um das Menthol zu untersuchen, das in Hustenbonbons vorkommt. "Haben Sie jemals versucht, chinesisches Menthol zu prüfen? Es war sehr schwierig. Auf unseren ersten Brief bekamen wir in bestem chinesischen Englisch die Antwort: 'Das Produkt enthält keinen Koscher'… China öffnet sich erst seit kurzem für Koscherprüfer. Das Menthol müsste eigentlich in Ordnung sein, aber man weiß es nie genau, wenn man sich nicht vor Ort überzeugt." Diese Koscherprüfer betreiben eine Telefonhotline, die top-aktuelle Warnungen vor Schokoriegeln und Lebertran registriert. Der Rabbi klagt darüber, dass der ökologisch motivierte Trend zu natürlichen Farb- und Geschmacksstoffen "das Leben im Koscherbereich schwer macht, weil man all diese Dinge zurückverfolgen muss." Als der Reporter ihn fragt, warum er denn diese offensichtlich zwecklose Mühe auf sich nimmt, stellt er sehr deutlich klar, dass der Witz an der Sache gerade in ihrer Witzlosigkeit liegt: Dass die meisten Kaschrut-Gesetze göttliche Befehle ohne Begründung sind, gerade das ist hundertprozentig der entscheidende Punkt. Denn es ist sehr leicht, keinen Menschen zu ermorden. Sehr leicht. Es ist ein wenig schwieriger, nicht zu stehlen, weil man ab und zu in Versuchung gerät. Solche Dinge sind kein Beweis, dass ich an Gott glaube und seinen Willen tue. Wenn er mir aber befiehlt, dass ich mittags zu meiner gefüllten Pastete keinen Kaffee mit Milch trinken darf, ist das eine Probe aufs Exempel. Der einzige Grund, warum ich das tue, ist, dass es mir befohlen ist. Es ist eine schwierige Übung.
Helena Cronin hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass hier vielleicht eine Analogie besteht zu Zahavis Handicap-Theorie der sexuellen Selektion und der Evolution von Erkennungszeichen (Zahavi, 1975). Diese Theorie, die lange Zeit unpopulär war und sogar lächerlich gemacht wurde (Dawkins, 1976) ist vor kurzem geschickt rehabilitiert worden (Grafen, 1990 a, b) und wird nun von Evolutionsbiologen ernst genommen (Dawkins, 1989). Zahavi behauptet, dass z.B. Pfauen ihre abartig großen Schwanzfedern mit ihren (für Fressfeinde) lächerlich verräterischen Farben genau deshalb entwickeln, weil sie schwer und gefährlich und darum für Weibchen beeindruckend sind. Der Pfau signalisiert damit: "Schaut her, wie fit und stark ich bin, dass ich mir einen so bizarren Schwanz leisten kann!"
Um Missverständnisse zu vermeiden, was Zahavis subjektive Sprechweise betrifft, sollte ich erwähnen, dass es unter Biologen üblich ist, die unbewussten Akte natürlicher Selektion so zu personifizieren. Grafen hat diese These in ein regulär darwinistisches, mathematisches Modell übersetzt, und es funktioniert. Dies sagt nichts über das Bewusstsein oder bewusste Absichten von Pfauen aus. Sie können so bewusst oder unbewusst sein wie man will (Dennett, 1983, 1984). Im Übrigen ist Zahavis Theorie so allgemein gehalten, dass sie gar keinen darwinistischen Unterbau benötigt. Eine Blume, die ihren Nektar einer "skeptischen" Biene anbietet könnte von diesem Prinzip genauso profitieren wie ein menschlicher Geschäftsmann, der einen Kunden beeindrucken möchte. Die Grundlage von Zahavis Idee ist, dass die natürliche Selektion Skepsis bei Weibchen begünstigt (oder auch allgemein bei Empfängern von Werbebotschaften). Der einzige Weg für ein Männchen (oder einen Werbenden), seine große Stärke (Qualität, oder was auch immer) unter Beweis zu stellen, ist, ein wirklich kostspieliges Handicap auf sich zu nehmen - etwas, was nur ein wirklich starkes (hochwertiges usw.) Männchen tragen kann. Man könnte es das "Prinzip der kostspieligen Authentifizierung" nennen. Und nun zurück zu unserem Punkt: Möglicherweise werden manche religiösen Lehrsätze nicht trotz ihrer Lächerlichkeit bevorzugt, sondern gerade weil sie lächerlich sind! Jeder Schwächling im Glauben könnte annehmen, dass das Brot den Leib Christi symbolisiert, aber um an so einen Unfug wie die Wandlung zu glauben, muss man schon ein echter Vollblut-Katholik sein. Wenn man das glaubt, kann man wirklich alles glauben, und - man erinnere sich an die Geschichte vom Ungläubigen Thomas - diese Leute pflegen das als Tugend anzusehen. Wir kehren nun zurück zu unserer Liste von Symptomen, die man eventuell zeigt, wenn man von einem Glaubensvirus und seinem Begleitschutz befallen wird. 4. Der Kranke verhält sich möglicherweise intolerant gegenüber Vertretern anderer Glaubensrichtungen; in extremen Fällen tötet er sie sogar oder wünscht ihnen den Tod. Genauso gewalttätig kann er gegenüber Abtrünnigen sein (die einst dem Glauben angehörten und ihm dann abgeschworen haben), oder gegenüber Ketzern (die sich einem abweichenden, oft nur geringfügig anderen Glauben verschrieben haben). Er empfindet eventuell auch Feindschaft gegenüber Zeitströmungen, die seinem Glauben gefährlich werden könnten, z.B. gegen die Methode wissenschaftlicher Vernunft, die wie ein Stück Antivirensoftware wirken kann. Die Morddrohungen gegen den angesehenen Schriftsteller Salman Rushdie sind nur das jüngste einer langen Reihe trauriger Beispiele. Gerade heute, als ich dies schrieb wurde der japanische Übersetzer der Satanischen Verse ermordet aufgefunden, eine Woche nach einer beinahe tödlichen Attacke auf den italienischen Übersetzer desselben Buches. Übrigens ist das "Verständnis" für die "gekränkten" Moslems, welches der Erzbischof von Canterbury und andere christliche Leiter geäußert haben (und das beim Vatikan geradezu an kriminelles Komplizentum grenzt) natürlich eine Manifestation des vorhin erwähnten Symptoms: Der Irrglaube, das jeglicher Glaube um seiner selbst willen respektiert werden müsse, egal wie widerlich seine Folgen sind. Mord ist natürlich ein Extremfall. Aber es gibt ein noch extremeres Symptom, nämlich den Selbstmord im militanten Einsatz für den Glauben. So wie ein Ameisensoldat darauf programmiert ist, sein Leben für Keimbahnkopien der Gene zu opfern, die ihn programmiert haben, so wird auch ein junger Araber oder Japaner (?) belehrt, dass im Heiligen Krieg zu fallen der schnellste Weg in den Himmel sei. Ob die Machthaber, die ihn ausnutzen daran wirklich glauben oder nicht, ändert nichts an der brutalen Kraft, die der "Selbstmordkommandovirus" um des Glaubens willen entfaltet. Jedoch ist Selbstmord, ebenso wie Mord, taktisch nicht immer von Vorteil. Bekehrungswillige könnten dadurch auch abgeschreckt werden; sie könnten Verachtung und Misstrauen entwickeln gegenüber einem Glauben, der solche Maßnahmen nötig hat. Und natürlich könnten die Gläubigen auch aussterben, wenn zu viele von ihnen sich selbst opfern. Dies trifft besonders auf einen berüchtigten Fall von Selbstmord zu, bei dem es gar nicht um Kamikaze-Tod in der Schlacht ging: Die "Volkstempler"-Sekte starb aus, als ihr Führer Jim Jones die Schar seiner Anhänger aus den USA ins verheißene Land "Jonestown", in den Dschungel von Guyana führte und dort 900 von ihnen, Kinder zuerst, Zyanid trinken ließ. Diese makabre Affäre wurde von einem Team des San Francisco Chronicle vollständig untersucht (Kilduff und Javers, 1978). Jones, genannt "der Vater" hat seine Herde zusammengerufen und gesagt, dass es Zeit sei, in den Himmel aufzufahren. "Wir sehen uns wieder", versprach er, "an einem anderen Ort."
Seine Worte tönten aus den Lautsprechern des Camps: "Es liegt eine große Würde im Sterben. Es ist eine große Demonstration für jedermann, zu sterben." Übrigens entgeht dem geübten Auge des aufmerksamen Soziobiologen nicht, dass Jones in früheren Tagen lehrte, er als einziger in seiner Sekte dürfe Sex haben (und seine Partner vermutlich auch). "Eine Sekretärin arrangierte Jones' Liebschaften. Sie rief an und sagte: 'Es tut dem Vater leid, aber er hat ein so großes Verlangen; würden Sie bitte…'" Seine Opfer waren nicht immer weiblich. Ein 17-jähriger Anhänger aus der Zeit, als Jones' Gemeinde noch in San Francisco war, erzählt, wie Jones ihn manchmal zu versauten Wochenenden in ein Hotel mitnahm, wo er als "Reverend Jim Jones und Sohn" sogar einen Rabatt für Geistliche bekam. Dieser Junge sagt: "Ich habe ihn wirklich verehrt. Er war mehr als ein Vater. Ich hätte sogar meine Eltern für ihn umgebracht." Das Bemerkenswerte an Jim Jones ist nicht sein eigensüchtiges Verhalten, sondern die fast übermenschliche Verehrung seiner Anhänger. Kann man angesichts so ungeheurer Leichtgläubigkeit noch daran zweifeln, dass der menschliche Geist anfällig ist für bösartige Infektionen?
Zugegeben, Jones erreichte nur ein paar Tausend Menschen. Aber er ist nur ein Extrem, die Spitze eines Eisbergs. Derselbe Eifer, ausgelöst durch religiöse Leiter, ist weit verbreitet. Die meisten von uns hätten doch gewettet, dass niemand mit einer so simplen Masche durchkäme, einfach im Fernsehen aufzutreten und wortreich zu sagen: "Gebt mir euer Geld, damit ich damit andere Trottel überzeugen kann, mir auch ihr Geld zu geben!" Heutzutage jedoch gibt es in jedem Ballungszentrum der Vereinigten Staaten mindestens einen Teleevangelistensender, der sich ganz dieser durchsichtigen Betrugsmasche widmet. Und sie scheffeln säckeweise Geld damit. Angesichts so atemberaubender Dummheit möchte man diesen Führungspersönlichkeiten in ihren schillernden Anzügen fast ein wenig Anerkennung zollen. Aber nicht alle Trottel sind reich; allzu oft genießen diese Evangelisten ihr Leben auf Kosten armer Witwen. Einer vertrat sogar ausdrücklich eine Lehre, in der ich Zahavis Prinzip der kostspieligen Authentifizierung wiedererkenne: In Gottes Augen sei ein Opfer nur dann wertvoll, verkündete er mit leidenschaftlichem Ernst, wenn es so groß ist, dass es schmerzt. Und dann wurden arme, alte Leute vorgeführt, die bezeugten, wie glücklich sie sich fühlten, seit sie ihr ganzes Hab und Gut dem Prediger so-und-so vermacht hatten. 5. Der Patient stellt eventuell fest, dass seine persönlichen, nicht auf Beweisen beruhenden Überzeugungen sich wie eine Epidemie verbreiten. Warum, fragt er sich, halte ich gerade an diesem und nicht an jenem Weltbild fest? Habe ich etwa alle Glaubenssysteme der Welt geprüft und mir das überzeugendste ausgewählt? Höchstwahrscheinlich nicht. Wenn jemand einen Glauben hat, ist es mit statistisch überaus großer Wahrscheinlichkeit derselbe Glaube, den auch die Eltern und Großeltern schon hatten. Natürlich können auch stolze Kathedralen, rührende Musik, bewegende Geschichten und Gleichnisse ein wenig mithelfen. Aber der wichtigste Faktor, der die eigene Religion bestimmt ist der Zufall der Geburt. Die Überzeugungen, die man so leidenschaftlich vertritt wären ganz andere, weitgehend entgegengesetzte, wenn man zufällig in einem anderen Land geboren worden wäre. Epidemiologie statt Beweise. 6. Falls der Patient zu den seltenen Ausnahmen zählt, die eine andere Religion haben als ihre Eltern, so kann dies dennoch auf Epidemiologie beruhen. Es könnte sein, dass er sich tatsächlich einen nüchternen Überblick über die Glaubenssysteme der Welt verschafft und dann das überzeugendste ausgewählt hat. Aber mit größerer statistischer Wahrscheinlichkeit war er lediglich einem besonders stark ansteckenden Agenten ausgesetzt - einem John Wesley, Jim Jones oder Paulus. Hier findet eine horizontale Übertragung statt, wie bei Masern. Zuvor verlief die Epidemie über vertikale Übertragung, wie bei Chorea Huntington.
7. Die inneren Empfindungen des Patienten erinnern mitunter verblüffend an Gefühle, die üblicherweise zur sexuellen Lust gehören. Sie ist eine äußerst starke Kraft im Gehirn, darum ist es kein Wunder, dass manche Viren sie ausnutzen. Von der berühmten orgastischen Vision der Heiligen Theresa von Avila brauchen wir hier gar nicht reden; sie ist ohnehin bekannt. Ein ernsthafteres Beispiel, das sich auf einer weniger kruden, sinnlichen Ebene abspielt gibt uns der Philosoph Anthony Kenny, als er sein schieres Entzücken beschreibt, das diejenigen erwartet, die es schaffen, an das Geheimnis der Wandlung zu glauben. Nachdem er seine Ordination als römisch-katholischer Priester beschrieben hat, wo er durch Handauflegung ermächtigt wurde, die Messe zu zelebrieren, erinnert er sich lebhaft an
"das Hochgefühl der ersten Monate, als ich die Messe lesen durfte. War ich sonst ein notorischer Langschläfer gewesen, so sprang ich jetzt früh aus dem Bett, hellwach und voller Begeisterung angesichts des ehrenvollen Aktes, den ich ausführen durfte. Ich las nur selten öffentliche Messen; meistens feierte ich sie allein an einem Seitenaltar mit einem jüngeren Studenten, der als Messdiener und Gemeinde fungierte. Das tat der Würdigkeit des Opfers und der Gültigkeit der Wandlung keinen Abbruch.
Es war das Berühren des Leibes Christi, die Nähe des Priesters zu Jesus, die mich am meisten bezauberte. Ich betrachtete die Hostie, nachdem ich die Worte der Einsegnung gesprochen hatte, mit sanftem Blick, wie ein Liebhaber, der in die Augen seiner Liebsten blickt… Jene ersten Tage als Priester bleiben mir in Erinnerung als Tage der Erfüllung und höchsten Glücks; etwas Kostbares, das zu zerbrechlich ist, um anzudauern; wie eine romantische Liebe, die in einer unglücklichen Ehe mündet." (Kenny, 1986, S. 101 f.)
Man kann es Dr. Kenny allemal nachfühlen, dass er sich als junger Priester so fühlte, als sei er in die geweihte Hostie verliebt. Was für ein brillanter, erfolgreicher Virus! Auf derselben Seite zeigt uns Kenny übrigens auch, dass dieses Virus durch Ansteckung übertragen wird - wenn schon nicht wörtlich, so doch in gewissem Sinne - aus der Hand des infizierenden Bischofs durch die Schädeldecke des neuen Priesters:
"Wenn die katholische Lehre stimmt, so erhält jeder gültig geweihte Priester seine Ordination aus einer ununterbrochenen Reihe von Handauflegungen - vom Bischof, der ihn ordiniert, bis hin zu den zwölf Aposteln… Da muss es jahrhundertelange, dokumentierte Reihen von Handauflegungen geben. Es wundert mich, das Priester sich scheinbar nie die Mühe machen, die Reihe ihrer spirituellen Vorfahren zurückzuverfolgen; herauszufinden, wer ihren Bischof ordiniert hat, und wer den ordiniert hat, und so weiter, bis hin zu Julius II, Cölestin V, Hildebrand oder Gregor dem Großen vielleicht. (Kenny, 1986, S. 101)
Mich wundert das auch.
4. Ist Wissenschaft ein Virus?
Nein. Es sei denn, man würde alle Computerprogramme als Viren betrachten. Gute, nützliche Programme verbreiten sich, weil Menschen sie ausprobieren, weiterempfehlen und weitergeben. Computerviren verbreiten sich nur, weil sie die codierte Anwesung enthalten: "Verbreite mich!" Wissenschaftliche Ideen sind wie alle Meme einer natürlichen Selektion unterworfen, und dies mag oberflächlich wie bei einem Virus aussehen. Aber die Selektionskräfte, durch die wissenschaftliche Ideen geprüft werden sind nicht willkürlich und launisch. Es sind anspruchsvolle, ausgefeilte Regeln, die eitlen Eigennutz nicht honorieren. Sie bevorzugen vielmehr jene Qualitäten, die in Standardwerken zur Methodologie dargelegt sind: Prüfbarkeit, Belegbarkeit, Genauigkeit, Quantifizierbarkeit, Konsistenz, Intersubjektivität, Wiederholbarkeit, Universalität, Fortschrittlichkeit, Unabhängigkeit vom kulturellen Milieu und so weiter. Glaube verbreitet sich, obwohl er jede dieser Qualitäten völlig vermissen lässt.
Bei der Verbreitung wissenschaftlicher Ideen finden sich eventuell epidemiologische Momente, aber das ist lediglich beschreibende Epidemiologie. Die rasche Verbreitung einer guten Idee unter Wissenschaftlern mag sogar wie eine Masernepidemie aussehen. Aber wenn man die Gründe dafür sucht, wird man feststellen, dass es gute Gründe sind, die den anspruchsvollen Standards wissenschaftlicher Methode genügen. Bei der Verbreitung eines Glaubens findet man dagegen fast nichts außer Epidemiologie, und zwar ursächliche Epidemiologie. Der Grund, warum Person A an eine Sache glaubt und Person B an eine andere, ist einzig und allein, dass A auf einem Kontinent geboren ist und B auf einem anderen. An Prüfbarkeit, Belegbarkeit usw. wird nicht einmal im Entferntesten gedacht. Bei wissenschaftlichen Überzeugungen setzt Epidemiologie später ein; sie beschreibt die Geschichte der Verbreitung. Bei religiösen Überzeugungen jedoch ist Epidemiologie die primäre Ursache.
5. Epilog
Glücklicherweise behalten Viren nicht immer die Oberhand. Viele Kinder überstehen unbeschadet das Schlimmste, was Nonnen und Mullahs ihnen antun können. Anthony Kennys Geschichte hat ein glückliches Ende: Er legte sein Amt nieder, weil er die offensichtlichen Widersprüche innerhalb des katholischen Glaubens nicht länger ertragen konnte; heute ist er ein anerkannter Wissenschaftler. Aber man muss doch feststellen, dass es eine sehr starke Infektion gewesen sein muss, da ein so weiser und intelligenter Mann - immerhin Präsident der Britischen Akademie - sie erst nach drei Jahrzehnten abschütteln konnte. Ist es da etwa Schwarzmalerei, dass ich mir um meine kleine Sechsjährige Sorgen mache?
Danksagung
Herzlichen Dank an Helena Cronin für ihre detaillierten Vorschläge zum Inhalt und Stil jeder Seite.
Literaturnachweise
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